Hanf: Kulturpflanze, Rauschmittel, auch Medikament?

Hanf wurde schon im vierten vorchristlichen Jahrtausend in China als Nutzpflanze kultiviert, und dies keineswegs nur wegen der Möglichkeit, daraus Rauschmittel zu gewinnen, sondern hauptsächlich, weil sich die faserige Pflanze zur Herstellung von Papier, Textilien und Seilen gut eignet. In dieser Funktion erlebte sie in Europa eine Blütezeit im 17. Jahrhundert, als für die Schiffahrt zur Herstellung der nötigen Seile und Segel große Mengen Hanf benötigt wurden. Auch bestand die erste Levis-Jeans aus diesem sehr widerstandsfähigen Material.

Hanfsamen in der chinesischen Medizin

Hanfsamen fanden schon in der alten chinesischen Medizin als Arznei Verwendung, und schon seit einigen Jahrzehnten wird vermutet, dass die Inhaltsstoffe des Hanfes Kranken Linderung oder Heilung ihrer Beschwerden bringen könnten.

In der Liste der möglichen Indikationen für den Einsatz von Hanfmedikamenten stehen die Behandlung von:

Auch bei der Therapie des Glaukoms, der Neuropathie, Epilepsie, von Asthma und Parkinson sowie zur Appetitstimulation bei HIV- und Krebskranken können Hanfmedikamente eingesetzt werden.

Hauptwirkstoff THC

Aus dem Hanf (der wissenschaftlich Cannabis sativa heißt) sind etwa 60 aktive (das heißt eine Wirkung auf den menschlichen Körper habende) Substanzen bekannt. Zusammenfassend werden diese meist chemisch miteinander verwandten Stoffe als Cannabinoide ("Cannabis-artige") bezeichnet.

Als Hauptwirkstoff in diesem Arsenal wurde das sogenannte THC (Delta 9-Tetrahydrocannabinol) identifiziert, welches hauptverantwortlich ist für die Rauschwirkung des Hanfes, aber vielleicht auch die erhofften heilsamen Wirkungen, die dem Hanf zugesprochen werden, verkörpert. Dieser "natürliche" Wirkstoff des Hanfes ist in den Vereinigten Staaten und Südafrika als reguläres Medikament zugelassen, wo er als Lösung in Sesamöl (dieses verbessert die Aufnahme des THC in den Körper) den Namen Dronabinol trägt.

Des Weiteren gibt es einige synthetische Vergleichsstoffe des THC und einer davon (genannt Nabilon) ist in Großbritannien im Verkehr.

Was machen die Wirkstoffe im Körper?

Wie die Inhaltsstoffe des Hanfes den menschlichen Körper beeinflussen, war lange Zeit ungeklärt. Zu Beginn der 1990er Jahre sind jedoch zwei THC-Rezeptoren (also Biomoleküle, welche THC binden und eine Wirkung im Körper vermitteln) im Menschen identifiziert worden, wobei einer besonders gehäuft im Gehirn, der andere in Immunzellen und im peripheren Nervensystem vorkommt.

Zusätzlich sind mittlerweile mehrere körpereigene Stoffe ("Endocannabinoide") gefunden worden, die diese Rezeptoren zu binden und zu erregen scheinen. Zusammen bilden die Rezeptoren mit den Liganden im Körper ein "inneres cannabinoides System", welches so vielfältige Funktionen wie Schmerzverarbeitung, Erkennung und Gedächtnis, Motorik, Appetit, Übelkeit und die Immunabwehr zu beeinflussen scheint.

Werden Cannabinoide zugeführt, so kommt es zu einer von außen erzeugten Erregung dieses Systems mit den entsprechenden Wirkungen.

Taugen Hanfprodukte als Arzneimittel?

Es sind seit den 1970er Jahren zahlreiche Berichte zur Verwendung von Hanf und Cannabinoiden in der Therapie von Krankheiten veröffentlicht worden, und das wissenschaftliche Interesse am Hanf als Arzneimittel wurde seit der Entdeckung der THC-Rezeptoren und seiner Liganden nochmals kräftig geschürt.

Leider sind viele Berichte über die Wirkung von Cannabis bei Erkrankungen entweder anekdotisch oder die Studien sind nicht nach modernen Kriterien durchgeführt worden. Oftmals wurde auch über die Wirkung von gerauchten Hanfprodukten berichtet, wobei diese Anwendungsform unter pharmazeutischen Gesichtspunkten natürlich nicht akzeptabel ist.

Studien zur Wirkung von Cannabisprodukten

Zwei in den letzten Jahren erschienene Arbeiten haben die Forschungsergebnisse vorangegangener Studien zusammengetragen und nach modernen Kriterien neu ausgewertet. Eine untersuchte die Wirkung von Cannabinoiden in der Schmerztherapie, die andere den Nutzen bei der Behandlung der Übelkeit, die von vielen Chemotherapien ausgelöst wird und eine schwerwiegende, behandlungsbedürftige Nebenwirkung darstellt (Campbell et al. und Tramer et al., beide British Medical Journal 323 (2001)).

Beide kommen zu dem Schluss, dass die Cannabinoide zwar tatsächlich Schmerzen lindern und Übelkeit eindämmen können. Jedoch war der Vorteil gegenüber den Vergleichssubstanzen (Codein und die modernen Serotonin-Rezeptor Antagonisten), die für die gleichen Beschwerden verwendet werden, nicht ausreichend hoch. Außerdem zeigten die Cannabinoide vergleichsweise starke unerwünschte Nebenwirkungen.

Jedoch beleuchteten beide Studien ja nur zwei der möglichen Anwendungsgebiete für Cannabinoide, und auch wurden nur wenige Cannabinoide (von den vielen synthetischen und aus dem Hanf bekannten) hier verwendet. Um zu einer endgültigen Bewertung der Wirksamkeit und der therapeutischen Möglichkeiten in diesen und anderen Krankheitsbildern zu kommen, müssen sich weitere klinische Studien anschließen.

Die Autoren selbst weisen auf den Orientierungsaspekt ihrer Arbeit hin und betonen, dass ihre Ergebnisse als Grundlage genommen werden sollten, weitere Forschung mit den Cannabinoiden zu betreiben.

Legalisierung von Hanf als Arzneimittel

Die Verwendung von Hanf und seinen Inhaltsstoffen als Arzneimittel wird dadurch erschwert, dass die Pflanze illegal als Droge Verwendung findet und daher unter die scharfen Kontrollen des Betäubungsmittelgesetzes fällt.

Man darf bei der Diskussion um die "Legalisierung" von Hanf nicht vergessen, dass es hier einerseits um die Zulassung von Medikamenten und andererseits um die Forderung zur generellen Legalisierung von Hanfprodukten auch zu Rauschzwecken geht, also zwei völlig verschiedene Sachverhalte oft mit dem gleichen Stichwort überschrieben werden.

Hanf-Medikamente aus der deutschen Apotheke?

Es wird oftmals nicht beachtet, dass es bereits jetzt die Möglichkeit gibt, Cannabis-Medikamente ganz legal aus der Apotheke zu beziehen – denn schließlich gibt es im Ausland zugelassene Arzneimittel, die unter Beachtung der Bestimmungen des Betäubungsmittelrechtes laut Arzneimittelgesetz von einem Arzt verschrieben und über die Apotheke importiert werden dürfen.

Zudem gibt es in Deutschland seit Mitte 2011 das erste zugelassene Medikament mit Cannabisextrakt, das als Spray erhältlich ist und Patienten von Multipler Sklerose helfen soll. In Ausnahmefällen wurde Schwerkranken außerdem von der Bundesopiumstelle das Rauchen von Marihuana oder der Bezug von standardisiertem Cannabisextrakt gestattet.

Darüber hinaus wird es von vielen Forschern als wahrscheinlich erachtet, dass sich für die Cannabinoide bald ausreichend große Vorteile in der Therapie nachweisen lassen. Dann würde auch in Deutschland die Zulassung entsprechender Medikamente wahrscheinlicher werden.

Aktualisiert: 26.08.2016

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