THC – wozu medizinisches Cannabis gut ist

THC als medizinischer Wirkstoff © iStock.com/Tinnakorn Jorruang

Seit 2017 ist im Rahmen einer Änderung im Betäubungsmittelgesetz der Einsatz von Cannabis in der Medizin unter strengen Auflagen erlaubt. Somit dürfen einige ausgewählte Patienten in Deutschland Cannabis legal kaufen und verwenden. Mit der Klischeevorstellung "Kiffen auf Rezept" hat dies allerdings wenig zu tun. Denn zahlreiche Studien können den wissenschaftlichen Nutzen dieser alten Heilpflanze belegen. Welche der unterschiedlichen Cannabinoide eingesetzt werden und wie diese auf unseren Körper wirken, erklärt dieser Artikel.

THC, CBD, Cannabis: Was ist was?

Die verschiedenen Namen können für Verwirrung sorgen. Cannabis, zu Deutsch Hanf, ist eine Pflanze, die schon seit mehreren tausend Jahren angebaut wird. Schon damals wurde Cannabis in der Medizin angewandt, unter anderem gegen Schmerzen oder Durchfälle.

Die Hanfpflanze enthält mehrere Cannabinoide. So bezeichnet man die chemischen Stoffe, zu dessen bekanntesten Vertretern das Tetrahydrocannabinol (THC) gehört. Der THC-Gehalt ist von Sorte zu Sorte unterschiedlich, was eine genaue Dosierung erschwert.

Neben dem THC ist ein weiteres Cannabinoid von Bedeutung in der Medizin: Cannabidiol (CBD). Insgesamt existieren mehr als hundert verschiedene Cannabinoide, deren genaue Wirkungsweisen aber noch nicht bekannt sind.

Wie wirken Cannabinoide?

In unserem Nervensystem verteilt befinden sich eine Vielzahl von Cannabinoid-Rezeptoren. Diese kann man sich als Andockstelle auf der Zelloberfläche vorstellen. Erreichen Botenstoffe – in diesem Fall die Cannabinoide – die Rezeptoren, verbinden sie sich mit der Zelloberfläche (ähnlich wie ein Schlüssel mit dem Schloss) und aktivieren die entsprechende Nervenzelle. Damit können Cannabinoide ein Signal in der Zelle auslösen, was zu einer verringerten Ausschüttung des hemmenden Neurotransmitters GABA führt. In der Folge kann eine zweite Zelle mehr Dopamin ausschütten.

Doch diese Rezeptoren werden nicht nur durch die "von außen" zugeführten Cannabinoide genutzt, auch vom Körper selbst hergestellte Stoffe docken an diese Rezeptoren an. Diese Stoffe heißen Endocannabinoide und haben vielfältige Funktionen im Körper. Sie sind unter anderem an der Immunregulation und der Schmerzregulation im Gehirn beteiligt. Zu diesem Zweck können sie an unterschiedlichen Rezeptoren im Körper andocken. Grundsätzlich besitzen wir zwei verschiedene Rezeptoren:

  • Typ 1 Cannabinoid-Rezeptoren: Befinden sich hauptsächlich im zentralen Nervensystem (ZNS)
  • Typ 2 Cannabinoid-Rezeptoren: Befinden sich an den unterschiedlichsten Stellen im Körper, an den Verdauungsorganen, der Haut, der Lunge oder den Fortpflanzungsorganen

Genau wie die Endocannabinoide kann THC an den unterschiedlichsten Stellen im Körper wirken. Es übernimmt dabei zwischenzeitig die Funktion dieser natürlichen Stoffe.

Wie wirkt THC sich auf den Körper aus?

Die Wirkung von THC auf das Gehirn wird über die Cannabinoid-Rezeptoren gesteuert. Erfolgt der Konsum von Cannabis als Droge (entweder in Form von Marihuana oder Haschisch), liegen die Cannabinoide noch nicht in ihrer aktiven Form vor. Erst durch Erhitzen erfolgt eine sogenannte Decarboxylierung (Abspaltung eines Kohlenstoffmoleküls) und somit die Umwandlung in das psychogen wirksame THC.

Dieses "fördert" unter anderem im Nucleus accumbens (Teil unseres Belohnungssystems im Gehirn) die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin. Die hohen Mengen an Dopamin erklären die euphorisierende Wirkung der Droge.

Entscheidend für die unterschiedlichen Wirkungen ist der Wirkstoffspiegel von THC im Blut. Während bei inhalativen Anwendungen, wie dem Rauchen von Cannabisblüten, hohe Werte von 150-180 Nanogramm THC pro Milliliter Blut entstehen, wird in der Medizin auf solch hohe Dosen verzichtet. Die meisten Medikamente sorgen für einen THC-Gehalt von ungefähr 10 Nanogramm pro Milliliter. Dies reicht für die erwünschte medizinische Wirkung im Sinne einer Schmerzlinderung, ist aber zu niedrig um "high" zu werden.

In welchen Formen kommt THC in der Medizin vor?

Früher konnten Cannabinoide nur als Haschisch (gepresstes Harz der weiblichen Blüten) oder als Marihuana (getrocknete Blüten) dem Körper zugeführt werden. Das große Problem dabei ist der unterschiedliche THC-Gehalt, der zwischen 1 und 20 Prozent liegen kann. Diese große Bandbreite und mögliche Verunreinigungen machten diese Form des Cannabis für die Medizin lange Zeit unbrauchbar.

Heutzutage existieren verschiedene Produkte mit THC am Markt, die auf Rezept legal erworben werden können. Sie unterscheiden sich sowohl in ihrer Zusammensetzung als auch in ihrem Einsatzgebiet:

  • Dronabinol: wird in Form öliger Tropfen verabreicht. Dronabinol ist dabei ein synthetisch hergestelltes Cannabinoid, welches bei Appetitlosigkeit helfen kann.
  • Canemes®: Ist ein vollsynthetisches Präparat, bei dem THC als Kapseln bei chemotherapeutischer Übelkeit eingesetzt wird.
  • Sativex®: Dieses Medikament wird als Mundspray bei Multipler Sklerose eingesetzt. Der Wirkstoff Nabiximol (eine Mischung aus THC und CBD) wird aus der Cannabispflanze extrahiert.
  • Cannabis auf Rezept: Seit 2017 dürfen alle Mediziner (außer Zahn- und Tierärzte) Cannabisblüten bei gegebener Indikation verschreiben. Das medizinische Cannabis wird vor allem aus Kanada und den Niederlanden importiert. Um die Wirkung zu erreichen, müssen die Blüten vorher erhitzt werden, zum Beispiel in einem Vaporizer.
  • THC-Öl: Hier können sehr hohe Konzentrationen von THC erreicht werden, zum Beispiel bei Haschisch-Öl eine THC Konzentration von 20 bis 60 Prozent.

Theoretisch wäre auch eine Zubereitung als Tee möglich. Durch die schlechte Wasserlöslichkeit von THC ist das jedoch nicht möglich Die Wirkstoffe in den Cannabisblüten sind lipohil (fettliebend), weshalb man sie eher in Öl speichern kann.

Cannabis in der Medizin – wo wird es heute angewendet?

Die vielfältige Wirkung der Cannabinoide in unserem Körper führt zu einem breiten Anwendungsspektrum von Cannabis in der Medizin. Bei den folgenden Erkrankungen kann eine Indikation für eine Therapie mit medizinischem Cannabis bestehen:

  • Epilepsien
  • Appetitsteigerung bei HIV-Patienten
  • Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapie
  • chronische Schmerzen, insbesondere Nervenschmerzen, bei denen alle Therapien versagt haben
  • in der Palliativmedizingegen Spastizität bei Multipler Sklerose

Nebenwirkungen von THC

Nebenwirkungen sind insbesondere psychogener Natur. Da die Wirkungsweise von Cannabis immer noch nicht vollständig erforscht ist, sind noch keine verlässlichen Aussagen über mögliche Nebenwirkungen möglich. In verschiedenen Studien hat sich jedoch herausgestellt, dass bei frühem Cannabiskonsum das Risiko für eine Gruppe von psychischen Erkrankungen, den affektiven Störungen, erhöht wird.

Bei der affektiven Störung kommt es zu Stimmungs- und Antriebsveränderungen. Ein Beispiel wäre das Neuauftreten von bipolaren Störungen, bei denen die Betroffenen zwischen manisch-euphorischen und depressiven Verstimmungen schwanken.
Weitere Nebenwirkungen bei Überdosierung können sein:

  • Missstimmung bis hin zur Depression
  • Halluzinationen
  • Vasodilatation (Gefäßerweiterung) in den Augen, was zur typischen Rötung führt
  • Appetitsteigerung
  • Mundtrockenheit
  • Tachykardie (Herzrasen)

Ein großer Vorteil in der Dosierung von Cannabis besteht darin, dass es in unserem Atem- und Herz-Kreislaufzentrum keine Cannabinoid-Rezeptoren gibt. So führt eine Überdosierung von THC nicht zu lebensbedrohlichen Situationen, wie es bei anderen Schmerzmedikamenten der Fall sein kann: Bei einer Überdosierung von Opioiden verlangsamt sich zum Beispiel der Herzschlag bis zum Stillstand. Zusätzlich wird das Atemzentrum gelähmt, sodass der Betroffene kaum noch atmen kann. Zudem können sich die Muskeln buchstäblich auflösen und dadurch die Niere schädigen.

Ebenfalls vorteilhaft bei Cannabis ist die kaum vorhandene psychische Abhängigkeit, wenn es in den niedrigen, medizinischen Dosen verabreicht wird.

Cannabis und Autofahren – wie lange ist THC nachweisbar?

Die Nachweisbarkeit von THC im Blut ist nur für wenige Stunden möglich, da es vom Körper schnell in verschiedene Metabolite (Abbauprodukte) verstoffwechselt wird. Diese THC-Metabolite können aber durchaus länger als einige Stunden im Urin nachgewiesen werden, wie es im Rahmen von Drogentests geschieht. Dies ist eine recht zuverlässige Methode, um auch noch Tage nach dem letzten Konsum die Droge nachzuweisen.

Wie sieht es nun mit der Fahrtüchtigkeit aus? Prinzipiell ist Autofahren unter Cannabiseinfluss eine Straftat. Das hat die Frage aufgeworfen, ob Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung medizinisches Cannabis verschrieben bekommen, überhaupt am Straßenverkehr teilnehmen dürfen. Hier hat die Bundesregierung im April 2017 entschiedenen, dass Betroffene am Straßenverkehr teilnehmen dürfen, wenn sie in ihrer Fahrfähigkeit nicht eingeschränkt sind.

Fazit: vielversprechend, aber noch einige Fragen offen

Die Anwendung von Cannabis in der Medizin steckt noch in den Kinderschuhen. Es gibt noch zu wenige wissenschaftliche Studien auf dem Gebiet, um sichere Aussagen zur Wirkung zu machen. Cannabis ist sicherlich kein Wundermedikament und es bedarf immer einer kritischen Hinterfragung in der Behandlung. Jedoch zeigen Einzelfälle vielversprechende Ergebnisse.

Aktualisiert: 17.07.2020 - Autor: Yannis Diener, Student der Humanmedizin

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