Französischer Ethikrat ruft im Streit um Koma-Patienten zu mehr Gelassenheit auf

Anwälte der Eltern bestätigen Wiederaufnahme von künstlicher Ernährung

Wachkoma-Patient Vincent Lambert

Im Drama um den Koma-Patienten Vincent Lambert hat der Vorsitzende des französischen Ethikrats, Jean-François Delfraissy, zu mehr Gelassenheit aufgerufen. Das Thema sei "komplex", da es um die Würde des Menschen gehe, sagte er am Dienstag dem Hörfunkprogramm "France Inter". Deshalb müsse die jüngste "juristische Atempause" im Ringen um das weitere Vorgehen genutzt werden, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen.

Das seit Jahren anhaltende juristische Tauziehen war zuvor überraschend in eine neue Runde gegangen. Nachdem die Ärzte am Montag die künstliche Ernährung von Lambert bereits eingestellt hatten, der seit mehr als zehn Jahren in einem vegetativen Zustand ist, hatte ein Berufungsgericht am Abend deren Wiederaufnahme angeordnet. Ein Anwalt von Lamberts Eltern bestätigte am Dienstag, dass die Ärzte der Uniklinik in Reims der Aufforderung Folge geleistet haben.

Lamberts streng katholische Eltern wollen mit aller Macht den Tod ihres inzwischen 42-jährigen Sohns verhindern. Nachdem sie bereits in allen Instanzen gescheitert waren, schalteten sie am Montag ein Berufungsgericht ein. Sie verwiesen darauf, dass eine von ihnen angeforderte Stellungnahme des UN-Ausschusses zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen noch ausstehe. Bis zu einer Entscheidung des Gremiums kann es noch mindestens sechs Monate dauern.

Ethikexperte Delfraissy ging am Dienstag auf die grundsätzliche Debatte hinter dem Fall ein. Nach seinen Worten handelt es sich bei der Einstellung der künstlichen Ernährung weder um "Euthanasie" noch um aktive Sterbehilfe, die ebenso wie in Deutschland auch in Frankreich verboten ist. 

Gleichzeitig verwies er auf das Recht des Patienten auf ein würdiges Sterben: Ein entsprechendes Gesetz aus dem Jahr 2016 erlaube eine Beendigung der Behandlung, wenn diese "unverhältnismäßig erscheint oder nur dazu dient, das Leben künstlich zu erhalten". Delfraissy rief alle Franzosen auf, so lange sie noch gesund sind, selbst zu bestimmen, wie die Ärzte im Fall einer lebensgefährlichen Erkrankung vorgehen sollen.

Vincent Lambert hat bei seinem Unfall 2008 schwerste Hirnschäden erlitten und ist seitdem nicht mehr bei Bewusstsein. Laut einem Gutachten wird sich der Zustand des ehemaligen Krankenpflegers nicht mehr verbessern. Ohne künstliche Ernährung dürfte er nach Angaben von Medizinern nur noch wenige Tage leben.

Der Fall spaltet die Familie: Im Gegensatz zu Lamberts Eltern befürworten seine Frau Rachel und mehrere seiner Brüder und Schwestern sowie sein Neffe François das Ende der lebenserhaltenden Maßnahmen. Am Montag fielen heftige Worte: Mutter Viviane bezeichnete die Ärzte als "Monster" und "Nazis"; Neffe François nannte die Fortsetzung der lebenserhaltenden Maßnahmen "reiner Sadismus".

Der Fall spaltet auch Frankreichs Gesellschaft und Politik. Der Versuch der Eltern, Präsident Emmanuel Macron persönlich einzuschalten, scheiterte allerdings. Er erklärte am Montag, es stehe ihm nicht zu, die im Einklang mit den französischen Gesetzen getroffene Entscheidung der Ärzte aufzuheben.

Der Vatikan forderte am Dienstag erneut, dass "wirksame Lösungen gefunden werden, um das Leben von Herrn Lambert zu schützen". Papst Franziskus hatte bereits am Vortag auf Twitter erklärt, das Leben aller Menschen solle "vom Beginn bis zu seinem natürlichen Ende" geschützt werden. Nach Angaben seiner Pressestelle bezog sich die Äußerung auch auf den Fall Lambert.

Veröffentlicht: 22.05.2019 – Quelle: Agence-France-Presse