Alzheimer-Experten fordern Unterstützung für Demenzkranke in Corona-Zeiten

Alte Menschen in Heimen nicht in "krankmachende Isolation" schicken

Seniorin in einem Heim in Düsseldorf

Zum Weltalzheimertag haben Experten mehr Unterstützung für Demenzkranke in Corona-Zeiten angemahnt. Wegen der Einschränkung der sozialen Kontakte hätten Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen "besonders unter der Pandemie gelitten", erklärte Monika Kaus, Vorsitzende der Deutschen Alzheimergesellschaft, am Freitag in Berlin. Viele Betreuungsmöglichkeiten wie die Tagespflege seien weggebrochen. Demente in Heimen seien oft von ihren Angehörigen getrennt gewesen.

"Sollte eine neue Welle kommen, müssen wir dafür sorgen, dass diesmal Besuche auch in Corona-Zeiten möglich sind und nicht fundamentale Menschenrechte ohne Prüfung des Einzelfalls eingeschränkt werden", forderte Kaus.

Alterspsychiater befürworten mehr Personal und Tests für die Heime. "Es kann nicht darum gehen, alle Heime zu schließen und die alten Menschen weiter in eine krankmachende Isolation zu bringen", warnte Michael Rapp, Präsident der deutschen Alterspsychiater (DGGPP). Neben den Angehörigen sollten auch Therapeuten und Ärzte weiter in die Heime kommen können.

Es sei wichtig, gerade die durch Corona besonders gefährdeten alten Menschen zu schützen. "Doch alten Menschen jetzt dauerhaft Therapien, Therapeuten- und Angehörigenkontakte zu verbieten, verschlechtert deren Lebensqualität und verstärkt Einsamkeit", warnte Rapp angesichts möglicher neuer Corona-Beschränkungen wegen steigender Infektionszahlen.

Die DGGPP - Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie -, die Hirnliga und die Deutsche Alzheimergesellschaft mahnten einen Ausbau der klinischen Forschung zu Demenz und Alzheimer an. Die Corona-Pandemie habe auch massiv die Alzheimerforschung beeinträchtigt, erklärte Isabella Heuser, Vorsitzende der Hirnliga.

So mussten klinische Untersuchungen von Studienpatienten auf Eis gelegt werden, Forschungsprojekte konnten nicht starten. Die Ressourcen, die derzeit in die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs investiert würden, wünsche sie sich auch für die Alzheimerforschung, betonte Heuser.

Der Weltalzheimertag soll jährlich am 21. September auf die Alzheimerkrankheit und andere Demenzen aufmerksam machen. Er steht in diesem Jahr in Deutschland unter dem Motto "Demenz - wir müssen reden".

In Deutschland gelten etwa 1,6 Millionen Menschen als demenzkrank. Ungefähr zwei Drittel davon haben Alzheimer, die häufigste Form der Demenz. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung rechnen Experten bis zum Jahr 2050 mit bis zu 2,8 Millionen Betroffenen, sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt.

Die Erkrankung des Gehirns führt zum Verlust von geistigen Funktionen wie Denken, Sprache, Urteilsfähigkeit und Orientierung sowie zum Absterben oder einer starken Schädigung von Gehirnzellen vor allem in der Hirnrinde. Vergesslichkeit ist nicht immer ein Hinweis auf eine Demenzerkrankung. So hat jeder Siebte mit Gedächtnisstörungen eine andere körperliche Erkrankung, die die Merkfähigkeit stört, zum Beispiel eine nicht richtig behandelte Schilddrüsenerkrankung.

Veröffentlicht: 18.09.2020 – Quelle: Agence-France-Presse