Progerie – Warum Kinder im Zeitraffer altern

DNA – Progerie © Qimono (Symbolfoto)

Es sind fröhliche Kinder mit ganz normalen kindlichen Bedürfnissen und Wünschen - aber ihre Lebenszeit ist erschreckend kurz. Wie im Zeitraffer altern sie, die kindlichen Greise, ihr 15. Lebensjahr erreichen die meisten schon nicht mehr. Dank der Humangenomforschung ist ein erster Durchbruch bei Ursache und Therapie gelungen. Das Hutchinson-Gilford-Syndrom (HGS), auch Progerie genannt, ist zum Glück eine sehr seltene Krankheit. Weltweit, so liegen die Schätzungen, gibt es um die 50 Patienten, in Deutschland sind es etwa sechs Kinder.

Progerie: Vorzeitige Vergreisung

Progerie kommt aus dem Lateinischen und Griechischen und bedeutet "Vorzeitige Vergreisung". Die Betroffenen leiden unter anderem an:

Herzkrankheiten oder Schlaganfälle führen zum frühen Tod. Sehr seltene Krankheiten wie diese werden zwar erforscht, doch die Mittel sind begrenzt, nicht zuletzt aufgrund der großen Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag für die Pharmaunternehmen. Im Falle HGS zeichnet sich ein allererster, wenn auch kleiner Hoffnungsschimmer ab.

HGS: Ursache ist ein genetischer Defekt

Forscher hatten im Jahr 2003 herausgefunden, dass Progerie offenbar auf einer einzigen Mutation im Laminin-Gen auf dem Chromosom 1 beruht. Die Folge der Mutation: das Gewebe kann sich nicht mehr regenerieren. Laminine sind, vereinfacht gesagt, Proteine, also Eiweiße. Diese sind beim Aufbau der Zellkernhülle von entscheidender Bedeutung.

Dr. Francis S. Collins, der Direktor des amerikanischen Humangenom-Forschungsinstituts in Bethesda, Maryland (USA), berichtete zusammen mit Wissenschaftlern der Progerie-Forschungsstiftung (Progeria Research Foundation), was bei der Mutation passiert: Ein einziger "Schreibfehler" im Lamin-A-Gen (LMNA) ist verantwortlich. Lamin-A ist die Schlüsselkomponente der Membran, die den Zellkern umgibt. Die Forscher fanden heraus, dass 18 von 20 Kindern mit Progerie alle den gleichen Schreibfehler im Lamin-A-Gen besitzen: die Base Cytosin ist mit der Base Thymin vertauscht. Das veränderte Eiweiß heißt Progerin.

Zum Verständnis: In der DNA - auf ihr sind alle Erbinformationen gespeichert - treten die vier Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin auf, und wenn sie korrekt "angeordnet" sind, entwickeln sich die Zellen normal.

Hoffnung gibt ein Krebsmedikament

Diese Entdeckung und das Wissen um den Gen-Defekt bei Progerie war die Voraussetzung für eine entscheidende Entdeckung in Zusammenhang mit einem noch im Test befindlichen Krebsmedikament. Wie die Zeitschrift "Science" am 16. Februar 2006 berichtete, wird der Wirkstoff FTI (Farnesyltransferase-Hemmer, engl. Farnesyltransferase Inhibitor) als Hoffnungsträger in der Behandlung verschiedener Krebserkrankungen wie Leukämie gesehen. Er greift nämlich in Signalübertragungswege und Enzymaktivitäten ein und verhindert die Stimulation der krebstypischen Zellteilung.

Der Wirkstoff FTI wirkt möglicherweise auch bei Progerie. Im Laborversuch mit Mäusen an der University of California in Los Angeles (UCLA) haben die kleinen Nager, die an Progerie litten, FTI bekommen. Die FTI waren entscheidend dabei verantwortlich, dass ein Enzym blockiert wurde - mit der Folge, dass die fehlerhaften Progerin-Moleküle gar nicht erst in die Kernmembran eingebaut wurden. Stattdessen sammelten sie sich im Kern an, wo sie nach Einschätzung der Wissenschaftler viel weniger schaden. Die meisten Mäuse zeigten nach der Behandlung mit FTI eine deutliche Verbesserung etwa im Körpergewicht, in der Knochenstabilität im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Allerdings wurde die Krankheit nicht komplett geheilt.

Progerie und Genforschung

Die Schritte, die die Genforschung macht, sind klein. Es braucht manchmal viele Jahre, bis ein Durchbruch erzielt wird. Die Diskussion um ethische Verantwortung, Machbares und Vertretbares bekommt angesichts solcher Krankheiten wie Progerie eine menschliche Dimension. Viel Aufklärung wird noch nötig sein.

Tatsache aber ist: Die umfassende Analyse der DNA-Sequenz zielt auf das Verständnis des menschlichen Organismus. "Die genetische Ausstattung des Menschen ist der Ansatzpunkt für das Erkennen und Behandeln von Krankheitsursachen. Man erwartet, durch das Humangenomprojekt genetische Veränderungen im Entstehungskomplex von etwa 10.000 Krankheiten zu finden." - so heißt es beim Deutschen Humangenomprojekt.

Diese vom Bundesforschungsministerium und der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Initiative zielt darauf ab, Struktur, Funktion und Regulation menschlicher Gene, besonders derer mit medizinischer Relevanz, systematisch zu identifizieren und zu charakterisieren.

Aktualisiert: 08.07.2016 – Autor: bo

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