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Hormonersatztherapie – Auch Männer haben ihre Tage

Mann erhält Hormonersatztherapie © istockphoto, Wavebreakmedia

Es klingt fast ein bisschen spöttisch, wenn es heißt, dass auch Männer ihre "Tage haben" können. Doch Spott ist gar nicht angebracht, denn hormonelle Veränderungen gibt es auch beim männlichen Geschlecht. Zwar machen die sich nicht im 28-tägigen Rhythmus bemerkbar, aber das männliche Pendant zu den weiblichen Wechseljahren mit dem "Klimakterium virile" macht den Männern ebenso zu schaffen, wie das Klimakterium den Frauen.

Partieller Androgenmangel

"PADAM": Das steht für partiellen Androgenmangel, den Hormonmangel des alternden Mannes (englisch PEDAM - Partial Endocrine Deficiency Syndrome). Die Midlife-Crisis, unter der Männer angeblich stärker leiden als Frauen, fällt immer mit hormonellen Veränderungen zusammen. Nur ist dieser Aspekt des Männerlebens bislang kaum thematisiert worden. Hinzu kommt, dass es keinen "Männerarzt" gibt, der sich – wie der Gynäkologe um Frauengesundheit – ausschließlich um medizinische Männerangelegenheiten kümmert.

Die Folgen des Hormonmangels, der sich bei Männern im Allgemeinen langsam einstellt, sind denen der Frauen durchaus ähnlich: Haarausfall, Schweißausbrüche, Libidoverlust und Depressionen. Anders als Frauen sind Männer nicht besonders gut auf diese Veränderungen vorbereitet und wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Wechseljahre – viele sprechen das Thema nicht an

Die so genannten Wechseljahre des Mannes beginnen schleichend, ungefähr ab dem fünfunddreißigsten Lebensjahr und machen sich ganz individuell zwischen 40 und 55 bemerkbar. Neben den körperlichen Veränderungen leiden Männer häufig unter Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder regen sich schneller auf. Auch Herzrasen und Hitzewallungen treten auf.

Allerdings wird dies beim Arztbesuch nur selten erwähnt. Überhaupt gehen nur 15 Prozent aller Männer ab 45 alle zwei Jahre zum Gesundheitscheck sowie zur Prostatakrebsfrüherkennung beim Urologen. Dabei wäre es die Gelegenheit, solche Beschwerden anzusprechen – der Urologe ist für viele Männer oft die einzige Anlaufstelle.

Das Prinzip von Henne und Ei

Werden wir alt, weil uns die Hormone fehlen oder fehlen die Hormone, weil wir alt werden? In der Beantwortung dieser Frage verbergen sich zwei ganz unterschiedliche Ansätze. Aus der Akzeptanz eines natürlichen, genetisch vorprogrammierten Alterungsprozesses wird eine hormonell bestimmte Anti-Age-Therapie, die ihrerseits Kosmetik, Sonnenbank und Potenzpille ablöst.

Bei den Frauen ist die Datenlage zur Hormonersatztherapie (HET) wieder in eine heftige Schieflage geraten und inzwischen sind Frauen wie Gynäkologen verunsichert, was Dosierung und Dauer von Hormonersatz betrifft. Aktuellen Studien zufolge geht man inzwischen davon aus, dass die Hormonersatztherapie bei Frauen nur noch in Fällen eingesetzt werden sollte, in denen alle andere Mittel nicht mehr weiter helfen – und dann auch nur für eine begrenzte Zeit, weil Risiken und Nebenwirkungen zu groß sind.

Für Männer stecken Forschung und Erfahrung auf diesem Sektor noch völlig in den Kinderschuhen! Deshalb ist bei der voreiligen Hormonersatztherapie beim Mann besondere Vorsicht geboten.

Hormonstatus bestimmen lassen

Der Hormonhaushalt verändert sich von Mann zu Mann unterschiedlich und außerdem wesentlich langsamer als bei der Frau. Das Testosteron nimmt bei Männern ab 35 um etwa 1 Prozent pro Jahr ab. Mögliche Wechseljahrsbeschwerden müssen aber nicht unbedingt mit dem Sinken des Testosterons zusammenhängen, sondern können auch viele andere Ursachen haben. Deshalb sind Laboruntersuchungen mit großem Blutbild und einem Hormonstatus, der auch die Werte von Schilddrüse und Nebenniere berücksichtigt, im Rahmen einer umfassenden Diagnose besonders wichtig.

Frauenärzte – Männerärzte?

Den Andrologen – also den "Männerarzt" analog zum Frauenarzt, dem Gynäkologen – gibt es in dieser Form nicht. Damit fehlt ein spezieller Ansprechpartner für die Männer. Möglicherweise ändert sich dieser Umstand im Rahmen der anstehenden Gesundheitsreform, wenn den Hausärzten eine stärkere Koordinierungsfunktion zugeschrieben wird. Bis dahin aber sollten in die Interpretation der Laborwerte auf jeden Fall drei Fachärzte mit eingebunden werden: Internist, Urologe und Endokrinologe (Hormon-Facharzt).

Wenn überhaupt Hormongaben erwogen werden, sollte "Mann" sich über Nutzen und Risiken sehr genau aufklären lassen. Testosteron kann das Wachstum von Prostatakrebszellen anregen. DHEA, die Vorstufe von Sexualhormonen, steht unter einem ähnlichen Verdacht. Außerdem fehlen Langzeitstudien, wie sich die Hormongaben auf Männer auswirken, bislang völlig.

In zahlreichen Anti-Age-Büchern wird auch das Wachstumshormon HGH als wahre Wunderwaffe gegen das Altern angepriesen: Angeblich dreht die Wirkung des Wachstumshormons die körperlichen Erscheinungen von 10 bis 20 Jahren Alterung nach sechsmonatiger Behandlung zurück. Versprochen wird, dass graue Haare wieder schwarz werden, Falten an Händen und Gesicht verschwinden, die Fettschürze vor dem Bauch schmilzt und das Gewebe straffer wird. Auch diese Wunderwirkungen sind höchstens begrenzt wissenschaftlich belegt.

Stress abbauen ist wichtig!

Wie bei der Frau ist auch beim modernen Mann ein Umdenken und die Umstellung der Lebensweise notwendig. Gesündere Ernährung, weniger Alkohol und mehr Bewegung sind ein besseres Anti-Aging-Konzept als Hormone und Pillen. Einer der Schlüsselfaktoren ist dabei der Stressabbau, der sich über mehr Sport und Bewegung auch positiv auf die männlichen Hormone auswirkt.

Dazu kommt, dass beim Sport Endorphine, so genannte Glückshormone, freigesetzt werden, die gegen mentale Verstimmungen und körperliche Verspannungen wirken. Ehe also Hormone geschluckt werden, sind Sport und Stressabbau auf jeden Fall einen Langzeit-Versuch wert.

Informationen und Gespräche

Wenn "Mann" das Gefühl hat, in die Wechseljahre gekommen zu sein, sollte er sich zuerst an seinen Hausarzt, Urologen oder einen Internisten wenden. Potenzpillen, obskure Medikamente über das Internet oder gar Hormonpräparate ohne Rezept und medizinische Kontrolle sind nicht angesagt. Mehr als Pillen könnten aber möglichweise auch andere Verhaltensweisen helfen. Auch Gespräche über die Veränderungen und eine positive Neuorientierung angesichts des schleichenden Alterungsprozesses könnten sich vorteilhaft auswirken.

Und schließlich: Auch Männer dürfen Depressionen behandeln lassen! Auch dabei kommen sie heute oft zu kurz.

Aktualisiert: 28.07.2017 – Autor: Susanne Köhler

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