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Schwanger mit über 35 – (k)ein Kinderspiel?

Kind und Schwangere über 35 © rawpixel

Erst Karriere, dann Kind: Die Zahl der Frauen, bei denen sich der Stammhalter erst jenseits der 30 einstellt, wächst. Wächst damit auch das gesundheitliche Risiko von Mutter und Kind? Heute ist es kein Problem mehr, mit über 35 ein gesundes Baby zu bekommen, sagen die Einen. Die Gefahr, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen, steigt mit dem Alter der Mutter, sagen die Anderen. Beides stimmt. Die Risiken einer späten Schwangerschaft lassen sich jedoch weitgehend vermeiden, wenn die werdende Mutter konsequent die Möglichkeiten der Vorsorge nutzt und zudem zu Hause selbst Blutzucker und Blutdruck überprüft.

Fehlbildungsrate ist größer

Es ist nicht wegzudiskutieren: Mit dem Alter der Schwangeren nehmen Chromosomenstörungen zu. Das heißt, der Nachwuchs bekommt entweder zu viel oder zu wenig Erbinformationen mit. Die bekannteste Abweichung ist das Down-Syndrom (Trisomie 21), bei der ein Kind drei statt zwei Chromosomen 21 besitzt.

So trägt eine Frau, die mit 37 Jahren ein Kind bekommt, ein 6-mal höheres Risiko, ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt zu bringen, als eine 25-Jährige. Deshalb sind die Ärzte verpflichtet, jede Schwangere ab 35 oder wenn die Eltern zusammen 70 Jahre alt sind, auf die Möglichkeit der so genannten pränatalen Diagnostik hinzuweisen.

Methoden wie die Chorionzottenbiopsie oder die Fruchtwasseruntersuchung sind derzeit die einzige Möglichkeit, Schäden des Ungeborenen wie Bluterkrankheit, Down-Syndrom oder offener Rücken zweifelsfrei festzustellen. Das birgt jedoch Risiken: Der Embryo kann durch eine Infektion Schaden nehmen, und das Risiko, durch diesen Eingriff eine Fehlgeburt auszulösen, liegt bei 0,5 Prozent. Die Untersuchung der Chromosomen ist keineswegs Pflicht. Würde die Schwangere auch im Falle einer Fehlbildung oder möglichen Behinderung ihres Kindes eine Abtreibung ablehnen, so fällt die Chromosomen-Untersuchung weg.

In der Schwangerschaft auf Diabetes gut eingestellt

Frauen, bei denen sich der Nachwuchs erst jenseits der 30 einstellt, haben ein erhöhtes Risiko, während der Schwangerschaft zuckerkrank zu werden. Ein Diabetes, der sich erstmals während der vierzig Umstandswochen zeigt, tut dies unauffällig. Indizien gibt es keine. Die werdende Mutter fühlt sich wohl, hat keine Beschwerden.

Meist besteht lediglich eine Zuckerverwertungsstörung direkt nach den Mahlzeiten - Fachleute sprechen von einer postprandialen Hyperglykämie -, sonst übliche klinische Symptome wie Durst, verstärktes Wasserlassen und Gewichtsverlust kommen nicht vor. Trotzdem ist das Kind in Gefahr. Neben einer erhöhten Fehlgeburtrate bringen Diabetikerinnen vermehrt (2 bis 3 Prozent) missgebildete Babys zur Welt. Frauen, die über 30 Jahre alt und übergewichtig sind, sowie bereits Fehl- oder Totgeburten hatten, sind häufiger betroffen.

Das Problem: Die üblichen Untersuchungen per Harnteststreifen decken lediglich 2 Prozent der tatsächlich 6 Prozent Frauen mit Schwangerschafsdiabetes auf. Weil sich die Zucker-Ausscheidung über die Nieren verändert, zeigt der Test zum Beispiel falsche positive Ergebnisse. Der Harnzucker kann aber auch in der Norm liegen, obwohl die Schwangere einen Diabetes hat.

Problem Schwangerschaftsdiabetes

Mehr Sicherheit verspricht der so genannte orale Glukosetoleranztest (OGT), der zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche empfohlen wird. In den USA wird er mit allen Schwangeren gemacht, in Deutschland wurde er bislang nicht in die Mutterschafts-Richtlinien aufgenommen und wird deshalb auch nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Tipp: Wer nicht privat versichert ist, sollte den Arzt gezielt auf diesen Test ansprechen und ihn selbst bezahlen. Es ist schließlich eine Investition in die Zukunft!

So wird's gemacht: Die Schwangere trinkt eine definierte Glukoselösung (Zuckerlösung). Danach wird der Blutzucker bestimmt. Grenzwerte sind: nüchtern: < 90 mg/dl, nach 1 h: < 165 mg/dl, nach 2 h: < 145 mg/dl, nach 3 h: < 125 mg/dl. Sind zwei oder mehr Blutzuckerwerte nach dem Glukosetrunk krankhaft zu hoch, ist der Schwangerschaftsdiabetes diagnostiziert. Ist bereits der Nüchternblutzucker erhöht, muss die Schwangere in der Regel bis zur Entbindung Insulin spritzen.

Arzneimittel, die nicht schwangere Diabetiker einnehmen, sind für werdende Mütter tabu. Sie würden das Ungeborene schädigen. Der Blutzucker muss gut eingestellt und streng kontrolliert werden. Warum? Durch einen überhöhten Blutzucker würde das Ungeborene förmlich mit Zucker gemästet. Der kleine Mensch legt immens an Gewicht und Größe zu. Dabei sind die Organe meist unreifer, als es ihrem Entwicklungsstadium entspricht.

Achtung! Wer einen Schwangerschaftsdiabetes hatte, muss damit rechnen, dass der Diabetes auch nach der Entbindung bestehen bleibt oder Jahre später erneut und dann dauerhaft auftritt. Um rechtzeitig der Erkrankung auf die Spur zu kommen, ist es sinnvoll, alle ein bis zwei Jahre den Glukose-Belastungstest zu machen.

Blutdruck regelmäßig messen

Eine zweite Erkrankung, bei der es einer guten Einstellung bedarf, ist die Präeklampsie, im Volksmund auch Schwangerschaftsvergiftung genannt. Etwa 5 bis 7 Prozent der Schwangeren entwickeln einen Bluthochdruck, besonders wenn sie übergewichtig und schon etwas älter sind. Kommen nach der 20. Woche noch verstärkte Eiweißausscheidung im Urin und Ödeme hinzu, ist das Beschwerdebild einer Präeklampsie komplett.

In der Fachsprache nennt man die Beschwerden auch EPH-Gestose. E, P und H sind die jeweils ersten Buchstaben von englischsprachigen Bezeichnungen für die Symptome: E steht für Edema (Ödeme, Wasseransammlungen), P für Proteinuria (Eiweißausscheidung) und H für Hypertension (Bluthochdruck). Durch die damit verbundenen Durchblutungsstörungen können mit der Zeit Gewebeschäden an den Organen auftreten.

Die eigentliche Ursache ist ungeklärt. Als Auslöser wird eine gestörte Wechselwirkung zwischen dem mütterlichen Immunsystem und dem Fremdeiweiß des Feten diskutiert. Folge: Gewisse Teile des Mutterkuchens werden nicht durchblutet, das Kind wird unzureichend versorgt. 20 bis 30 Prozent aller Fehlgeburten gehen auf einen Bluthochdruck der Mutter zurück.

Aber auch diese ist gefährdet: Die Nieren halten Natrium und Wasser zurück und verstärken die Wasseransammlungen im Körper. Sobald die Lebertätigkeit beeinträchtigt ist, machen sich Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit und Erbrechen bemerkbar. Es kann auch zu Schwindel, Kopfschmerzen und Sehstörungen kommen. Die Mutter kann Hirnkrämpfe (Eklampsien) bekommen, Lunge und Herz können versagen. Hirnblutungen, Nieren- und Leberversagen werden als HELLP-Syndrom zusammengefasst.

Ein Blutdruck von 140/90 mmHg zeigt eine milde Präeklampsie an, Werte über 160/110 mmHg sprechen für eine schwere Ausprägung. In jedem Fall ist es sinnvoll, sich mehrmals täglich den Blutdruck zu messen. So kann man rasch einschreiten, wenn es zu Komplikationen kommen sollte.

Übelkeit: unangenehm, aber nicht unheilvoll

Nicht immer sind es handfeste Erkrankungen, die Evas Erbe zur komplizierten Bürde machen. Manchmal kommt es lediglich zu den einen oder anderen gesundheitlichen Unannehmlichkeiten. So stößt etwa mehr als der Hälfte der werdenden Mütter die Schwangerschaft in den ersten Monaten übel auf. Kleiner Trost: Meistens ist der Spuk spätestens nach der 14. Woche vorbei.

Übelkeit, häufig verbunden mit Erbrechen, ist ein Indiz für eine sich normal entwickelnde Schwangerschaft. Die Gründe für diese Unpässlichkeiten sind nicht vollends geklärt. Es scheint jedoch ein Zusammenhang mit HCG (Human Chorion Gonadotropin) zu bestehen, das in der äußeren Hülle der Fruchtblase gebildet wird und die Ausschüttung von Progesteron ankurbelt.

Ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel übernimmt die Plazenta die Aufgaben des HCGs, welches nun allmählich absinkt. Das ist vermutlich der Grund, warum die Übelkeit etwa nach dieser Zeit nachlässt. Die Frage, warum nicht allen Schwangeren übel ist, kann derzeit nicht beantwortet werden.

Tipp: Da die Schwangerschaft meist morgens nach dem Aufstehen auf den Magen schlägt, soll es helfen, morgens im Bett noch vor dem Aufstehen, eine Kleinigkeit zu essen. Am besten schon abends vor dem Zubettgehen einen kleinen Snack vorbereiten, sei es ein Zwieback oder ein Apfel. Über den Tag verteilt mehrere kleine Mahlzeiten einnehmen. Bei häufigem Erbrechen ist reichlich Flüssigkeit zu trinken. Erst wenn das Übel stark ausgeprägt ist, sollten Antiemetika (Mittel gg. Übelkeit und Erbrechen) unter ärztlicher Überwachung zum Einsatz kommen.

Aktualisiert: 05.08.2016

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