Sexualität in und nach den Wechseljahren

Verliebtes Pärchen nach den Wechseljahren © istockphoto, stevecoleimages

Sexualität im Alter, insbesondere das Sexualleben älterer Frauen, ist in unserer auf ewige Jugend eingestellten Gesellschaft ein tabuisiertes Thema. Viele Frauen erleben das Älterwerden mit einer kontinuierlichen sexuellen Entwertung, die von Sorgen um die eigene Attraktivität, abnehmender Leistungsfähigkeit, diversen Erkrankungen und Beschwerden begleitet ist. Zusätzlich werden Frauen vom gesellschaftlichen "double standard of aging" beeinflusst, was bedeutet, dass Frauen im Gegensatz zu Männern früher als unattraktiv, alt und asexuell wahrgenommen werden. Die hormonelle Umstellung mit dem Beginn der Wechseljahre sowie die Zunahme allgemeiner Erkrankungen wurden bisher überwiegend als Ursachen für die Veränderungen im Sexualleben verantwortlich gemacht. Wovon aber Qualität und Quantität weiblicher Sexualität nach den Wechseljahren abhängt, ist ein unfreiwillig gehütetes Geheimnis vieler Frauen. Die Medizinpsychologin Dr. Beate Schultz-Zehden vom Campus Benjamin Franklin der Berliner Charité hat sich auf die Spuren dieses Geheimnisses begeben.

Lust und Frust

Dass die Lust am Sex bei Männern im Alter kaum abnimmt, ist bekannter als die Tatsache, dass auch Frauen sexuelle Interessen und Bedürfnisse im Alter haben. Bis ins hohe Alter bleiben Frauen sexuell genuss- und orgasmusfähig, wenngleich ein Rückgang der Libido und der sexuellen Aktivität mit zunehmendem Alter unbestritten scheint.

Bislang wurde dies auf Veränderungen während der hormonellen Umstellungsprozesse zurückgeführt. Dabei kann auch eine Reihe von anderen Ursachen mitverantwortlich sein, die nicht nur körperliche, sondern vor allem psychologische und soziologische Gründe betreffen oder ganz allgemein mit der Partnerschaft zusammenhängen.

Ältere Menschen erleben sexuelle Bedürfnisse mitunter schamhaft oder als unpassend, vor allem dann, wenn der Partner altersbedingte Schwierigkeiten hat. Obwohl befriedigende Kontakte für beide Partner möglich wären, führt das fehlende Gespräch zwischen den Partnern mitunter zur völligen Aufgabe sexueller Begegnungen.

Das Spektrum der Bedürfnisse

In einer repräsentativen Befragung haben 521 Frauen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren einen umfangreichen Fragebogen zur Sexualität anonym beantwortet. Diese bundesweit durchgeführte Untersuchung erfasste nicht nur das aktuelle Sexualleben von Frauen im höheren Alter, sondern fragte auch nach den Veränderungen der gelebten Sexualität. Das Ergebnis der Befragung widerlegte die weit verbreitete Ansicht, dass das sexuelle Verlangen mit Beginn der hormonellen Umstellung deutlich abnimmt.

Das Spektrum der sexuellen Bedürfnisse reicht vielmehr vom täglichen Wunsch nach sexuellem Kontakt bis hin zur völligen Ablehnung. Zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr wünschen sich die befragten Frauen durchschnittlich mehrmals im Monat Sex, zwischen 65 und 70 Jahren hingegen möchte die Hälfte aller Frauen gar keine sexuelle Beziehung mehr. Allerdings war der Wunsch nach sexuellen Kontakten größer als die tatsächlich gelebte Sexualität. Vorhandene sexuelle Bedürfnisse bleiben demnach bei einigen Frauen nicht befriedigt.

Wie Frauen im Alter mit Sexualität umgehen, ist sicher auch von deren individuellen Biographien abhängig. Mit zunehmendem Alter nimmt nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Anzahl der Frauen mit sexuellem Verkehr ab. So erlebt ein Viertel der 50- bis 55-Jährigen nach eigenen Angaben keine aktive Sexualität, bei den 65- bis 70-Jährigen waren es bereits 66 Prozent. In diesem Alter gibt nur noch jede dritte Frau an, sexuell aktiv zu sein.

Schwindende Lust im Alter?

Hierfür existieren die unterschiedlichsten Gründe: Viele Frauen leben ohne Partner und die Möglichkeit, einen neuen Partner zu finden, ist in vielerlei Hinsicht schwierig, da Männer in der Regel früher sterben und nur noch ein Drittel der allein lebenden Frauen bereit ist, sich erneut zu binden. Außerdem reduzieren Erkrankungen, der Verlust des Partners sowie generelle Beziehungsprobleme die Libido der Frauen – mit der Folge, dass einige Frauen in ihrer sexuellen Beziehung unbefriedigt bleiben.

Manche Frauen nutzen das Älterwerden, um sich von der Verpflichtung zu sexuellen Aktivitäten zu befreien: Über die Jahre hinweg ist es zu einer Form der Abnutzung der Partnerschaft gekommen, oder sie haben jahrelang ohne Lust sexuell verkehrt und nehmen sich jetzt die Freiheit der sexuellen Verweigerung.

Verändert erlebte Sexualität

Sowohl die sexuelle Lust als auch ein befriedigendes Sexualleben – so lässt sich aus der Befragung schlussfolgern – korrelieren mit der Qualität der Partnerschaft und mit der Qualität des Sexuallebens in früheren Jahren, wobei die Befriedigung in der Sexualität nicht primär von der Quantität der Aktivitäten, sondern der Qualität der sexuellen Begegnung abhängig gemacht wird. Während die Häufigkeit des sexuellen Verkehrs mit zunehmendem Alter an Wichtigkeit verliert, nimmt die Bedeutung der Zärtlichkeit in der Sexualität zu, auch im Hinblick darauf, sexuelle Lust zu entwickeln.

Neue Freiheiten

Einige Frauen fühlen sich durch Entlastungen der Menopause freier in der Sexualität. Der Wegfall der monatlichen Regelblutungen und der Menstruationshygiene, die Befreiung von Verhütungsproblemen und der Furcht vor unerwünschten Schwangerschaften beleben das Sexualleben ebenso neu wie der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus. Diese Frauen haben mehr Zeit, genießen die Spontaneität in der Sexualität und müssen keine Rücksicht mehr auf ihre Kinder nehmen. Auch eine als glücklich eingeschätzte Partnerschaft und nur wenige Sexualprobleme in der Vergangenheit spielen dabei eine wichtige Rolle, da eine Frau, die in der Vergangenheit gelernt hat, ihr Sexualleben zufrieden stellend zu gestalten, es mit größerer Wahrscheinlichkeit auch noch mit zunehmendem Alter genießen kann.

Die Studie gibt Hinweise darauf, dass sich möglicherweise Veränderungen im Bereich des sexuellen Verhaltens der Frauen ergeben haben. Es fand sich eine kleinere Gruppe von so genannten „sexuell emanzipierten“ Frauen zwischen 50 und 65, die über ein äußerst erfülltes und befriedigendes Sexualleben berichteten. Sie sind sexuell besonders aktiv, ergreifen zum Teil häufiger als ihr Partner die Initiative im Sexualleben und übernehmen anstelle des passiven Parts auch immer mehr eine aktive Rolle.

Fehlende Beratung

Leider mangelt es derzeit noch an ausreichenden Beratungsangeboten speziell für ältere Frauen. Viele Angebote richten sich gezielt an jüngere Frauen, wenn es beispielsweise um Fragen rund um die Schwangerschaft oder um einen Schwangerschaftsabbruch geht. Gynäkologinnen können aber gerade für ältere Frauen wichtige Ansprechpartnerinnen sein. Aber nur etwa jede vierte Frau, die in der untersuchten Altersgruppe überhaupt noch einen Frauenarzt oder eine Frauenärztin aufsucht, redet offen über sexuelle Fragen und in der Mehrzahl der Fälle sind es auch die Frauen selbst, die das Thema ansprechen.

Aktualisiert: 31.08.2016 - Autor: FU Berlin

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?