Epilepsie – Gewitter im Kopf

Epileptikerin hat epileptischen Anfall © istockphoto, Wavebreakmedia

Die Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen Krankheiten des zentralen Nervensystems. Dauerhaft betroffen von Epilepsie, also wiederholt auftretenden epileptischen Anfällen, sind in Deutschland 500.000 Menschen. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet in etwa "von etwas heftig ergriffen sein". Die Erkrankung, die schon in der Antike bekannt war, galt bereits damals als geheimnisvoll: Die Betroffenen fallen oft schreiend zu Boden, verlieren das Bewusstsein und bewegen ihren gesamten Körper unkontrolliert. In einigen Fällen kann sich auch Schaum vor dem Mund bilden.

Definition: Epilepsie oder epileptischer Anfall?

Auch heute ist die Erkrankung noch mit vielen Vorurteilen besetzt. Entgegen der allgemeinen Meinung ist Epilepsie nicht erblich, allenfalls die Neigung zu Epilepsie kann vererbt werden. Außerdem muss unterschieden werden zwischen einzelnen "epileptischen Anfällen" und der Erkrankung "Epilepsie". Diese wird erst diagnostiziert, wenn der Patient mehr als zwei Anfälle ohne ersichtlichen Grund erlitten hat. Menschen, die an Epilepsie erkrankt sind, sind je nach Ausprägung ihrer Erkrankung in vielen Lebensbereichen stark eingeschränkt.

Um Licht in das Dunkel der Anfallserkrankung zu bringen und Vorurteile gegenüber Epileptikern abzubauen, wird jedes Jahr im Oktober der Tag der Epilepsie begangen.

Epilepsie: Anfall als Gewitter im Kopf

Um zu erklären, was Epilepsie tatsächlich ist, bedienen sich Mediziner und Betroffene gerne des Bildes vom "Gewitter im Kopf". Dabei denken sie allerdings nicht an Kopfschmerzen. Vielmehr stehen die unkontrollierten Impulsentladungen der Nervenzellen im Vordergrund, die das normale, geordnete Funktionieren des Gehirns unmöglich machen.

Bei einem Epileptiker geraten die Signale, die die Nervenzellen aussenden, entweder zu lang oder zu kurz: Das Ergebnis der "Falschmeldungen" sind dann unkontrollierte Muskelbewegungen, die als Krämpfe erlebt werden. Aber auch Nervenzellen, die für das Denken und das Bewusstsein zuständig sind, können betroffen sein. Dann verliert ein Epileptiker bei einem Anfall das Bewusstsein.

Epileptische Anfälle können sehr unterschiedlich aussehen. Einige Patienten krampfen sehr heftig, bei anderen sind die Symptome von Epilepsie so minimal, dass sie kaum wahrgenommen werden.

Vorsicht, Verwechslungsgefahr

Allerdings sind nicht alle Krampfanfälle auch gleich epileptische Anfälle. Viele Säuglinge und Kleinkinder erleiden bei fieberhaften Erkrankungen sogenannte "Fieberkrämpfe", die nach Abklingen der Grunderkrankung ebenfalls verschwinden.

Trotzdem muss nach einem Fieberkrampf durch eine Messung der Hirnströme immer eine epileptische Erkrankung ausgeschlossen werden.

Formen der Epilepsie

Die Internationale Liga gegen Epilepsie hat insgesamt zehn verschiedene Anfallsformen und noch mehr Epilepsieformen beschrieben. Eine Epilepsieform kann unterschiedliche Anfallsformen haben. Ein Epileptiker leidet in der Regel nur an einer Epilepsieform, aber er kann mehrere verschiedene Anfallsformen durchleben.

So unterschiedlich wie die einzelnen Epilepsieformen und Anfallsformen sind, so unterschiedlich sind auch die Abstände zwischen den einzelnen Anfällen. Bei manchen Patienten liegen Jahre oder Jahrzehnte zwischen den Anfällen. Bei anderen vergehen nur Sekunden bis zum nächsten Anfall.

Unterschieden wird vor allem zwischen dem "fokalen" und dem "generalisierten" Anfall. Beim fokalen Anfall ist nur ein abgegrenzter Bereich im Gehirn betroffen, während bei einem generalisierten Anfall von Anfang an beide Gehirnhälften beziehungsweise das gesamte Gehirn betroffen ist.

Ursachen und Diagnose von Epilepsie

Rund 50 Prozent der Erkrankungen treten bereits im Kindesalter auf, wobei die Möglichkeit einer "spontanen" Heilung besteht. Epilepsie kann auch als Folge einer Gehirnverletzung zum Beispiel nach einem Unfall entstehen, wenn die Zellen einzelner Hirnregionen nicht mehr koordiniert arbeiten können. Andere Ursachen für Epilepsie sind beispielsweise:

  • Hirnentzündung
  • Hirnblutung
  • Sauerstoffmangel unter der Geburt
  • Schlaganfall
  • Stoffwechselstörung des Gehirns
  • Tumore
  • Fehlbildung in der Hirnentwicklung

Hat ein Patient ohne einen ersichtlichen Anlass einen ersten Krampfanfall erlitten, wird die Diagnose mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) gesichert.

Therapie der Epilepsie

Zur Behandlung der Epilepsie bieten sich verschiedene Möglichkeiten an:

  1. Medikamente
  2. Operativ
  3. Leitungsunterbrechung
  4. Erkennung und Vermeidung von Anfallsauslösern
  5. Vagus-Nerv-Stimulation

1. Behandlung mit Medikamenten

Bei der medikamentösen Behandlung von Epilepsie wird die Übererregbarkeit von Nervenzellen herabgesetzt oder es werden Hemmmechanismen verstärkt. Dies setzt eine regelmäßige Einnahme des Medikamentes wie zum Beispiel Gabapentin und ärztliche Kontrolle voraus.

Auch wenn viele Mittel gegen Epilepsie einfach einzunehmen sind, sind die Nebenwirkungen in vielen Fällen massiv. Dazu gehören allergische Hautreaktionen, Übelkeit und Erbrechen ebenso wie Schwindelgefühle, Müdigkeit und Sehstörungen. Auch Leber, Lymphdrüsen und Knochen können unter der Medikamentengabe leiden.

In der Regel wird ein Medikament gegeben, das mithilfe von EEG und Medikamentenspiegel kontrolliert wird. Erst wenn alle möglichen Einzelpräparate erfolglos waren, werden Kombinationsbehandlungen mit zwei oder mehr Medikamenten angewendet. Sind Patienten über einen Zeitraum von drei Jahren anfallsfrei, wird oft versucht, die Medikamente schleichend abzusetzen.

2. Operative Therapie der Epilepsie

Der Anfallsherd im Gehirn wird operativ entfernt. Das ist allerdings nur dann möglich, wenn die Anfälle immer am selben Ort entstehen und dieser Bereich gefahrlos und ohne andere nicht akzeptable Nachteile für den Patienten aus dem Gehirn entfernt werden kann.

3. Leitungsunterbrechung

Bei einer Leitungsunterbrechung werden diejenigen Nervenbahnen getrennt, über die sich ein Anfall ausbreitet. Die Impulsweitergabe ist dann nicht mehr möglich.

4. Erkennung und Vermeidung von Anfallsauslösern

Diese Behandlungsform verlangt viel Selbstdisziplin von den Betroffenen. Als Begleitbehandlung zu den anderen Behandlungsformen hat die Selbstkontrolle jedoch einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert in der Epilepsie-Behandlung.

5. Vagus-Nerv-Stimulation

Bei dieser Behandlung wird ein Schrittmacher eingesetzt, der den Vagusnerv beeinflusst und somit die Entladungen der Nervenzellen kontrollierbar macht.

Leben mit Epilepsie

Epileptiker haben heute gute Möglichkeiten, ihre Krankheit zu kontrollieren. Allerdings sind sie durch Stürze bei den Anfällen besonders unfallgefährdet. In Beruf und Freizeit sind sie unter anderem dadurch eingeschränkt, dass sie zum Beispiel keine Maschinen bedienen dürfen: Autofahren oder gar ein Job als Pilot scheiden aus, auch der Umgang mit empfindlichen oder gefährlichen Stoffen ist nicht möglich.

Viele junge Menschen mit Epilepsie haben deshalb erhebliche Schwierigkeiten, überhaupt eine Lehrstelle zu finden. Während sich Familien mit Epileptikern im Laufe der Jahre auf die Krankheit einstellen können, sind Arbeitgeber und Kollegen oft mit der Erkrankung überfordert.

Auch muss bei einem Anfall sofort gehandelt werden können: Selbst wenn die Patienten einen Notfall-Ausweis und entsprechende Medikamente bei sich führen, muss das Umfeld in der Lage sein, mit dem Patienten umgehen zu können. Menschen mit Epilepsie brauchen deshalb Verständnis und Unterstützung – aber kein Mitleid.

Jugendliche Epileptiker

Um die Ausbildung von Jugendlichen mit Epilepsie hat sich vor allem das Berufsbildungswerk Bethel bemüht. Im eigenen Hotel "Lindenhof" werden Jugendliche mit Epilepsie in allen Bereichen des Hotel- und Gaststättengewerbes ausgebildet. Das Ausbildungsmodell ist bundesweit einzigartig.

Aktualisiert: 07.06.2018 – Autor: Susanne Köhler

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