Sputnik V: Was wissen wir über den russischen Corona-Impfstoff?

Impfampulle mit Sputnik V © Getty Images/Diy13

Wohl kein anderer Impfstoff sorgt schon vor seiner Zulassung in der Europäischen Union (EU) für so viele Meinungsverschiedenheiten wie das russische Corona-Vakzin Sputnik V. Während die einen die Vorteile des Präparates betonen, überwiegt für andere die unsichere Studienlage bei der Bewertung. Wie funktioniert Sputnik V, welche Details zum Impfstoff, seiner Wirkung und seinen Nebenwirkungen sind bisher bekannt und könnte er auch in Deutschland zum Einsatz kommen?

Wie funktioniert Sputnik V?

Beim Corona-Impfstoff Sputnik V (wobei "V" nicht für die römische Schreibweise von "Fünf", sondern für das englische Wort "Victory", also "Sieg", steht) handelt es sich um einen Vektor-Impfstoff. Der Impfstoff, der den offiziellen Namen Gam-COVID-Vac trägt, hat insofern das gleiche Wirkungsprinzip wie die Impfstoffe von AstraZeneca oder Johnson & Johnson.

Das bedeutet, der Impfstoff enthält die Hülle eines ungefährlichen Virus, des sogenannten Vektors, mit dessen Hilfe eine spezielle Information aus dem "Bauplan" des Coronavirus (in Form von DNA) in die Zellen transportiert wird. Auch bei Sputnik V handelt es sich um den Bauplan für einen Teil des an sich harmlosen Spike-Proteins, mit dessen Hilfe das Corona-Virus an die Zellen andockt. Als Vektoren werden zwei verschiedene Adenoviren genutzt.

Wie alle bislang zugelassenen Corona-Impfstoffe zielt also auch dieser darauf ab, den Körper mit dem für das Coronavirus typischen Spike-Protein vertraut zu machen, damit das Immunsystem dieses Protein bei einer späteren Infektion mit SARS-CoV-2 erkennen und somit da Virus bekämpfen kann.

Die Impfung erfolgt in zwei Dosen, die in einem Abstand von 21 Tagen injiziert werden.

Welche Unterschiede gibt es zu bereits zugelassenen Vektor-Impfstoffen?

Hinsichtlich der Funktionsweise gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Vektor-Impfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson:

  1. Johnson & Johnson: Im Gegensatz zum Impfstoff von Johnson & Johnson sind bei Sputnik V zwei Impfungen notwendig. Bei der ersten Impfdosis wird bei Sputnik V der gleiche Vektor wie bei Johnson & Johnson genutzt: das humane Adenovirus 26 (Ad26).
  2. AstraZeneca: Im Unterschied zum AstraZeneca-Impfstoff werden bei der ersten und zweiten Impfung beim russischen Vakzin jeweils zwei unterschiedliche Adenoviren als Vektoren genutzt. Bei der zweiten Impfdosis handelt es sich um das humane Adenovirus 5 (Ad5). Die zweite Dosis soll nach 21 Tagen verabreicht werden, bei AstraZeneca werden dagegen zwölf Wochen empfohlen.

Bei den bereits zugelassenen Impfstoffen von BioNTech/Pfizer und Moderna handelt es sich dagegen um sogenannte mRNA-Impfstoffe, die sich in ihrer Zusammensetzung und Wirkweise von den Vektor-Impfstoffen unterscheiden.

Wie hoch ist die Wirksamkeit von Sputnik V?

Das Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau, das den Impfstoff entwickelt hat, gibt die Wirksamkeit von Sputnik V mit 91,6 Prozent an. Dabei berufen sich die Forschenden auf die Ergebnisse einer Studie mit gut 21.000 Proband*innen, die auch im britischen Wissenschaftsmagazin "The Lancet" veröffentlicht wurde. Gut 16.000 der teilnehmenden Personen erhielten dabei zwei Impfungen mit Sputnik V, etwa 5.400 Personen erhielt ein Placebo.

Laut den Ergebnissen dieser Studie kam es in der Untersuchungsgruppe mit den geimpften Personen zu 91,6 Prozent weniger Erkrankungen als in der Kontrollgruppe, die nur ein Placebo erhalten hatte. Bei älteren Personen scheint die Wirksamkeit genauso hoch zu sein. Bei den 2.000 über 60-jährigen Teilnehmenden betrug die Wirksamkeit des Impfstoffes 91,8 Prozent.

Da die Wirksamkeit nach Verabreichung der ersten Impfdosis im Laufe der Zeit zunahm und schon am Tag vor der zweiten Impfdosis mit 73,6 Prozent angegeben wurde, soll in einer weiteren Studie geklärt werden, ob bereits mit einer Impfdosis eine hohe Wirksamkeit erreicht werden könnte.

 

Welche Nebenwirkungen sind bekannt?

Nach offiziellen Angaben können nach der Impfung mit Sputnik V ganz ähnliche Nebenwirkungen auftreten wie bei den bisher zugelassenen Corona-Impfstoffen. Dabei handelt es sich um leichte Nebenwirkungen, wie:

  • grippeähnliche Symptome, wie leichtes Fieber
  • Schmerzen und Rötungen an der Einstichstelle
  • Kopfschmerzen
  • allgemeines Krankheitsgefühl

Wann wird Sputnik V in der EU zugelassen?

Aktuell steht noch kein Zeitpunkt fest, zu dem Sputnik V in der EU zugelassen werden könnte. Seit Anfang März läuft bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) ein Rolling Review-Verfahren zur Prüfung von Sputnik V. Das heißt, es werden bereits vorhandene Studiendaten zum Impfstoff geprüft, während weiterhin aktuellere Daten eingereicht werden. Der Ausschuss für Humanarzneimittel der EMA entscheidet, wann ausreichend Daten vorliegen, um eine Nutzen-Risiko-Abwägung zu treffen und bei positiver Bewertung eine entsprechende Empfehlung zur Zulassung auszusprechen.

Zusätzlich soll im April ein Team von Expert*innen der EMA russische Produktionsstätten des Impfstoffes inspizieren sowie Kliniken, in denen er bereits zum Einsatz kommt.

Als einziger Mitgliedsstaat der EU hat Ungarn dem Impfstoff bereits eine sechsmonatige Notfallzulassung erteilt. Dort wird Sputnik V seit Februar 2021 eingesetzt.

In Deutschland laufen bereits Verhandlungen über Lieferverträge sowie eine mögliche Impfstoffproduktion in Deutschland, sodass die Lieferung zügig erfolgen könnte, sobald eine EU-weite Zulassung erteilt ist.

Welche Vorteile und welche Kritikpunkte gibt es?

Nach den vorliegenden Studiendaten weist Sputnik V eine sehr hohe Wirksamkeit auf, vergleichbar mit der der Präparate von BioNTech/Pfizer (95 Prozent) und Moderna (94,5 Prozent). Damit liegt die Wirksamkeit des russischen Vakzins über der der Vektor-Impfstoffe von AstraZeneca (60 bis 70 Prozent) und Johnson & Johnson (77 bis 85 Prozent bei lebensbedrohlichen Verläufen).

Zudem ist der Impfstoff in der Produktion günstig und kann bei zwei bis acht Grad gelagert werden.

Sputnik V ist dennoch nicht unumstritten. Folgende Kritikpunkte werden genannt:

  • Die Zulassung des Impfstoffes in Russland erfolgte sehr früh, nämlich im August 2020. Phase III der klinischen Studien hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht begonnen.
  • Vor Veröffentlichung der Wirksamkeitsstudie in britischen Fachmagazin "The Lancet" lagen auf internationaler Ebene keine Studiendaten zu Sputnik V vor.
  • Im Rahmen der Studien von BioNTech/Pfizer und Johnson & Johnson wurden jeweils 40.000 Probanden untersucht. Bei Sputnik V waren es nur 20.000.
  • Insgesamt gibt es eine unsichere Datenlage, beispielsweise in Bezug auf bereits geimpfte Personen in Russland oder mögliche Produktionskapazitäten.
  • Die Datenlage bezüglich der Nebenwirkungen ist unter Fachleuten umstritten, da die in der veröffentlichten Studie genannte Rate der Nebenwirkungen für ungewöhnlich gering gehalten wird.

Daneben spielen auch politische Faktoren eine Rolle bei der Zulassung. Einige Politiker*innen und internationale Expert*innen sehen die Gefahr, dass Russland den Impfstoff für Propagandazwecke nutzen könnte.

Aktualisiert: 25.03.2021 - Autor: Jasmin Rauch, Medizinredakteurin

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