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Enzephalitis – Gehirn in Gefahr

Frau mit Enzephalitis © istockphoto, ARTSUS

Gut abgeschirmt vor schädlichen Einflüssen liegen die "grauen Zellen" in ihrer festen Knochenhülle. Trotzdem gelingt es manchen Krankheitserregern, die zahlreichen Schutzbarrieren zu überwinden und bis in unser Steuerzentrum vorzudringen. Das Immunsystem reagiert mit einer Entzündungsreaktion, häufig mit fatalen Folgen. Eine Entzündung des Hirngewebes ist eine schwere Erkrankung, die nicht selten tödlich endet. Ihr Name leitet sich von "Enzephalon" ab, dem griechischen Begriff für Gehirn. Oft besteht gleichzeitig eine Entzündung der Hirnhäute oder des Rückenmarks – man spricht dann von Meningoenzephalitis bzw. Enzephalomyelitis.

Ursachen der Enzephalitis

Auslöser sind fast immer Erreger, insbesondere Viren. Besonders gefährdet sind Ältere und Kinder sowie Menschen mit einer Abwehrschwäche. Doch auch bei sonst Gesunden kann es im Rahmen einer Allgemeininfektion wie einer Grippe, Masern- oder Mumpsinfektion (parainfektiöse Enzephalitis) oder als Reaktion des Immunsystems auf eine Impfung (postvakzinale Enzephalitis) zur begleitenden Hirnentzündung kommen.

Bakterien (z. B. Meningokokken, Pneumokokken) – und, noch seltener, Parasiten und Pilze sind ebenfalls mögliche Erreger – meist als Folge einer Blutvergiftung oder einer schlechten Abwehrlage, z. B. bei AIDS-Patienten. Besonders gefürchtet sind hier das Cytomegalie- und Herpesvirus sowie Kryptokokken und Toxoplasmen.

Auch über einen Zeckenbiss können Viren (Frühsommer-Meningo-Enzephalitits = FSME) und Bakterien (Lyme-Borreliose) übertragen werden. Seltener kann eine Entzündung im Gehirn statt durch Erreger auch durch andere Prozesse z. B. im Rahmen einer Multiplen Sklerose oder bei Autoimmunkrankheiten entstehen.

Symptome der Enzephalitis

Egal ob winzige Viren, etwas größere Bakterien oder sich verzweigende Pilze den Zugang zum Gehirn gefunden haben – die Folgen sind prinzipiell die gleichen. Das Immunsystem schickt seine Abwehrkräfte an den Ort des Geschehens, um die Eindringlinge unschädlich zu machen, was zu einer Schwellung des Hirngewebes führt.

Dies wiederum hat schnell fatale Folgen: Durch den eng anliegenden, festen Schädelknochen hat das Gewebe nicht viele Möglichkeiten, sich auszubreiten. Der Hirndruck steigt an und es kommt zu starken Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Später treten Bewusstseinsstörungen, Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, Verwirrtheit oder Halluzinationen hinzu.

Je nachdem, wo sich die Erreger niedergelassen haben, können sich Funktionsausfälle zeigen. Dazu gehören Taubheitsgefühle, Lähmungen, Seh- und Sprachstörungen, aber auch Krampfanfälle. Sind auch die Hirnhäute betroffen, kommt Nackensteife hinzu. Außerdem haben die Betroffenen meist hohes Fieber und fühlen sich schwer krank.

Wichtig: Betroffene müssen schnellstmöglich in ärztliche Behandlung. Es sollte ein Rettungswagen gerufen oder eine Notambulanz aufgesucht werden!

Diagnose der Enzephalitis

Die Beschwerden sind meist so typisch, dass der Arzt sehr schnell die Verdachtsdiagnose stellen, spezifische Untersuchungen veranlassen und eine Behandlung einleiten kann. Ausgeschlossen werden muss insbesondere eine Vergiftung, die sehr ähnliche Symptome hervorrufen kann. Neben der körperlichen Untersuchung wird Blut entnommen, in dem man nach Entzündungszeichen und nach Erregern bzw. Abwehrzellen fanden kann.

Wichtig ist eine Untersuchung des Hirnwassers (Liquorpunktion), die Aufschluss über die Art der Entzündung geben kann. Mit bildgebenden Verfahren wie der Kernspin- oder Computertomographie lassen sich eine Hirnschwellung und Abszesse (Absiedlung der Erreger) erkennen und andere Ursachen für die Beschwerden wie eine Blutung oder ein Tumor ausschließen. In manchen Fällen muss auch nach einem anderen Krankheitsherd im Körper gesucht werden, von wo aus die Erreger ausziehen und ins Hirn gelangen. Bei Krämpfen werden die Hirnströme mittels EEG gemessen.

Behandlung der Enzephalitis

Mit der Behandlung wird schnellstmöglich auf der Intensivstation begonnen. Je nach Zustand des Patienten sind unter anderem kreislaufstabilisierende, schmerzsenkende und fiebersenkende Maßnahmen, Beatmung, Infusionen und / oder Anlage eines Katheters nötig. Daneben wird eine spezifische Therapie zur Erregerbekämpfung eingeleitet, wobei der Arzt die Medikamente u. a. nach Art der Keime, Abwehrlage und Vorerkrankungen auswählt.

Bei Bakterien werden Antibiotika verabreicht, bei Pilzen Antimykotika, bei Viren sog. Virustatika. Allerdings lassen sich damit nicht alle Viren bekämpfen und so bleiben in manchen Fällen nur Allgemeinmaßnahmen zur Symptombekämpfung und Vorbeugung von Komplikationen.

Verlauf und Prognose bei Enzephalitis

Es ist schwer, allgemeine Aussagen zum Verlauf der Enzephalitis zu treffen, da dieser stark von der Art des Erregers und dem Allgemeinzustand des Betroffenen abhängt sowie davon, wie schnell mit der Therapie begonnen wurde. Schätzungen gehen davon aus, dass bei der FSME etwa 2 % der Erkrankten sterben, bei der Enzephalitis durch das Herpes-Virus trotz spezifischer Therapie noch immer etwa 20 % – früher waren es über 80 %!

Nicht selten kommt es z. B. durch die Narben zu bleibenden Schäden wie Krampfanfällen oder Lähmungen. Besonders unter diesem Aspekt gilt es zu bedenken, dass sich gegen eine Reihe von Viruserkrankungen, die eine Hirnentzündung verursachen können, sowie gegen manche Meningokokken und Pneumokokken durch Impfungen vorbeugen lässt.

Aktualisiert: 21.04.2017 – Autor: Dagmar Reiche

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