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Hypochonder

Hypochonder © Anastasia Gepp

Beharrlich und voller Sorge suchen hypochrondrisch Veranlagte nach Krankheitszeichen, die ihren Verdacht bestätigen könnten. Sie kontrollieren ständig den eigenen Körper und die Organfunktionen. Hypochonder messen manchmal stündlich die Körpertemperatur und den Blutdruck, sie tasten sich fortwährend nach Knoten oder anderen Veränderungen ab.

Hypochondrie: Kein männliches Phänomen

Völlig normale körperliche Reaktionen bewerten Hypochonder häufig falsch. Wenn sie nach vier Stockwerken Treppensteigen ordentlich aus der Puste sind, deuten sie das nicht als Zeichen mangelnder Fitness, sondern als ersten Hinweis auf Lungenkrebs. Untersuchungen des Psychologischen Instituts der Universität Mainz ergaben, dass etwa sieben Prozent der Deutschen übertriebene Gesundheitsbefürchtungen haben.

Forscher der Universitäten Marburg und Dresden halten die Hypochondrie dagegen für eine seltene Erkrankung. Die Psychologen befragten 4.181 zufällig ausgewählte Deutsche im Alter von 18 bis 65 Jahren in einem standardisierten Interview. Nur drei von ihnen zeigten Symptome einer schweren Hypochondrie, weniger als drei Prozent litten unter ausgeprägten oder unrealistischen Krankheitsbefürchtungen.

Männer und Frauen sind ungefähr gleich häufig betroffen, alle Altersklassen sind vertreten. Die Mär von ausschließlich männlichen Hypochondern ist also nicht haltbar.

Hypochonder unter Medizinstudenten

Dennoch gibt es tatsächlich Häufungen hypochondrischen Verhaltens: etwa unter Medizinstudenten. Sie tendieren dazu, jene Symptome bei sich selbst zu entdecken, die gerade in der aktuellen Vorlesung Thema sind. In der Regel geht diese leichte Form der Hypochondrie ("morbus clinicus") schnell wieder vorüber.

Auch Fernsehübertragungen zu bestimmten Krankheitsformen ziehen eingebildete Kranke nach sich. In den Tagen nach der Ausstrahlung einer Sendung über Darmkrebs, Ebola-Viren oder Vogelgrippe melden sich in den Zuschauersekretariaten der Fernsehredaktionen und bei Praxisärzten auffällig viele Menschen, die befürchten, genau an dieser Erkrankung zu leiden. Schon allein die Erwähnung einer Krankheit oder der typischen Symptome kann demnach die Beschwerden nach sich ziehen.

Auslöser und Ursachen

Aber auch individuelle Ursachen spielen in der Regel eine wichtige eine Rolle:

  • So sind Hypochonder häufig von Natur aus ängstliche und vorsichtige Menschen, die schon seit der Pubertät Angst vor Krankheiten haben.
  • Oft erleben sie in jungen Jahren eine schwere Krankheit oder einen Klinikaufenthalt.
  • Manchmal ist ein chronisch krankes Familienmitglied der Auslöser.
  • Auch eine ängstliche und überbehütende Umgebung spielt eine Rolle. Etwa, wenn das Kind wegen eines harmlosen Schnupfens nicht in die Schule darf, sondern ins Bett gesteckt wird.
  • Auch ein sehr schmerzhaftes Lebensereignis wie der Tod eines geliebten Menschen kann die Störung auslösen.

Diagnose: Hypochonder

Eine hypochondrische Störung zu entdecken, ist nicht ganz einfach. Zuerst muss der Arzt sichergehen, dass keines der befürchteten körperlichen Leiden auch tatsächlich existiert. Wichtig ist eine gründliche körperliche Untersuchung. Findet er keine Krankheit, heißt es: mit dem Patienten sprechen, ihn aufklären und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten suchen.

Verschiedene Kriterien helfen außerdem bei der Diagnose. Da die Krankheitsangst auch die Folge einiger anderer psychischer Erkrankungen sein oder ihnen ähneln kann, müssen Ärzte diese Möglichkeiten in Erwägung ziehen. Die Angewohnheit von Hypochondern, ihre Körperfunktionen ständig zu kontrollieren ("Checking Behavior"), erinnert beispielsweise an eine Zwangsstörung. So wie diese Patienten ständig die Tür oder den Backofen kontrollieren, überprüfen Hypochonder unablässig ihre Gesundheit.

Außerdem schlägt die ständige Angst vor einer schweren Krankheit auf die Stimmung. Etwa die Hälfte der Hypochonder leidet zusätzlich unter einer mehr oder weniger ausgeprägten Form von Depression. Daher muss in der Regel unbedingt ein Fachmann hinzugezogen werden, der mit Hypochondern Erfahrung hat: beispielsweise ein Psychiater, Psychotherapeut oder Facharzt für Psychosomatische Medizin. Denn die permanente Krankheitsangst ist eine psychische Erkrankung, keine körperliche.

Aktualisiert: 29.04.2019

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