Borderline – Gratwanderung des Lebens

Frau mit Borderline © RyanMcGuire

Das Borderline-Syndrom ist eine Persönlichkeitsstörung, die durch eine starke emotionale Instabilität und Impulsivität gekennzeichnet ist. Das Krankheitsbild ist ausgesprochen vielfältig und reicht von Depressionen über Drogen-, Alkohol- oder Sexsucht bis hin zu massiven Identitätsproblemen, Aggressivität und Selbstmord. Für Betroffene bedeutet die Störung eine enorme Beeinträchtigung im Umgang mit anderen, aber auch in Bezug auf die eigenen Gefühle, Stimmungen und Verhaltensweisen.

Borderline-Syndrom: Ursachen

Kennzeichnend für die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist eine starke emotionale Instabilität. Der 1938 geprägte Begriff bedeutet "Grenzlinie" geht auf den amerikanischen Psychoanalytiker William Louis Stern zurück. Er sah die Störung in einem Übergangsbereich zwischen Neurose und Psychose, da sich bei Betroffenen Symptome aus beiden Bereichen zeigten.

Heute bilden Borderline-Störungen ein eigenständiges Krankheitsbild, dessen Ursache Psychologen in der Kindheit sehen, wenn wichtige zwischenmenschliche Beziehungen, etwa zum Vater oder zur Mutter, im weitesten Sinne belastet waren. Dazu gehören sexueller Missbrauch, Misshandlungen und Vernachlässigungen. Gerade in der Kindheit lernen Menschen den Umgang mit ihren Gefühlen, und auch, diesen zu vertrauen. Wird diese Entwicklung nachhaltig gestört, entsteht die emotionale Instabilität.

Wer ist von Borderline betroffen?

Zur Verbreitung des Borderline-Syndroms in der Bevölkerung gibt es nur Schätzungen, da viele Betroffene keine professionelle Hilfe suchen. Es wird davon ausgegangen, dass rund zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind  die meisten sind jünger als 30.

Nur ein Viertel der Patienten ist männlich, meist begeben sich Mädchen und Frauen in Therapie. Trotzdem wird vermutet, dass möglicherweise gleich viele Männer wie Frauen betroffen sind. Über zwei Drittel der Betroffenen haben schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen.

Borderline und Gewalt

"Manchmal nehme ich meinen Körper nicht mehr wahr. Ich verletze mich selbst, um mich wieder zu spüren. Angst, Panikanfälle, Depressionen und Beziehungsprobleme bestimmen mein Leben. Ich bin gefangen in mir!" Diese und andere Beschreibungen finden sich in den Interviews und persönlichen Berichten von Borderline-Patientinnen. Martina Schwarz hat im Rahmen ihrer Diplomarbeit als Grafikdesignerin viele dieser Berichte zusammengetragen und mit ihnen ein "tagebuch borderline – borderland" gestaltet.

Deutlich wird hier unter anderem, wie sehr Borderliner auch zu Gewalt neigen – gegen sich und andere. Der Mörder der schwedischen Außenministerin Anna Lindh, Mijailo Mijailovic, soll nach Aussagen von Experten am Borderline-Syndrom leiden. Häufiger jedoch sind Selbstverletzungen mit Messern, Rasierklingen, Feuer oder Nadeln, bis hin zum Suizid.

Zwischen Wahnsinn und Normalität – Borderliner und Beziehungen

Die Diagnose Borderline ist schwierig, es scheint, als passten sehr viele Symptome zu der Erkrankung. Charakteristisch sind starke Gefühlsschwankungen, die für Betroffene sowie deren Umfeld unvorhersehbar sind. Besonders in Bezug auf Anziehung und Hass kann die Haltung gegenüber anderen Personen schnell von einem Extrem ins andere umschlagen.

Doch nicht nur die Gefühle gegenüber anderen Mensch sind instabil, auch das Ich-Gefühl verändert sich rapide. Für Borderline-Patienten ist es daher oft schwierig, ihre eigenen Handlungen im Nachhinein nachzuvollziehen. Dies führt zu unerträglichen seelischen Spannungszuständen.

Einsamkeit, aber auch Nähe können sie nicht immer ertragen, daher gestaltet sich das Zusammenleben mit einem Borderliner ausgesprochen schwierig. Auch wenn es ihnen meist nicht schwerfällt, neue Leute kennenzulernen, haben sie oft große Schwierigkeiten, einen Freundeskreis aufzubauen und zu pflegen. Oft gibt es nur eine einzige Bezugsperson, auf die der Borderliner alles projiziert.

Typische Verhaltensmuster bei Borderline

"Borderline", so heißt es in Marie-Sissi Labrèches gleichnamigem autobiografischem Roman, "ist eine große Metapher. Die Chance, Grenzen zu überschreiten, anders zu denken, all das rauszulassen, was im Innern brodelt. Ein Tanz zwischen Wahnsinn und Normalität. Ich bin es gewohnt, wie auf einem Gleis zwischen beidem zu sein."

Nach dem Diagnostischen und Statistischen Manual IV (DSM-IV)  ein weltweit angewandtes Klassifikationssystem der psychischen Störungen – sind neun für Borderline typische Verhaltensmuster beschrieben. Wenn fünf dieser Verhaltensweisen erfüllt sind, lässt sich die Diagnose "Borderline-Syndrom" stellen.

  1. Verzweifelte Versuche, tatsächliches oder vermeintliches Verlassenwerden zu vermeiden – man hat das Gefühl, ohne den Partner nicht überleben zu können.
  2. Muster von intensiven und instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen, die durch einen Wechsel zwischen den Extremen Idealisierung und Abwertung gekennzeichnet sind – mal versteht man sich gut, mal ist die Nähe zum Partner bedrohlich.
  3. Identitätsstörung im Sinne eines auffällig und durchgängig instabilen Selbstbildes oder Selbstwahrnehmung – einige Menschen haben das Gefühl, ihr Körper sei nichts als eine leere Hülle.
  4. Impulsives, selbst schädigendes Verhalten – Drogen- und Alkoholmissbrauch, Kaufsucht, Fresssucht oder Ladendiebstahl gehören mit zum Erscheinungsbild.
  5. Wiederholte suizidale Handlungen, Suizidandrohungen oder selbst verletzendes Verhalten  Schneiden, Verbrennen, Nägelausreißen, Suiziddrohungen und -versuche.
  6. Affektive Instabilität – man kann seine Emotionen nicht steuern, schwankt zwischen Depression und Glücksgefühl, manchmal kommen Ängste hinzu und man kann nichts dagegen tun.
  7. Chronisches Gefühl der inneren Leere.
  8. Unangemessene, sehr heftige Wut oder Schwierigkeiten, Wut zu kontrollieren. Manche Patienten können sich nicht kontrollieren, greifen Gegenstände oder andere Menschen an, sind tagelang gereizt.
  9. Vorübergehende, stressabhängige paranoide Vorstellungen oder eindeutig dissoziative Symptome. Dissoziation ist ein Verlust des Wirklichkeitsgefühls, alle Sinneswahrnehmungen einschließlich Schmerz sind reduziert. Manche Patienten bekommen Halluzinationen oder "Flashbacks" – plötzliches Auftreten oftmals traumatischer Erlebnisse aus der Vergangenheit.

Therapie – denn ohne Hilfe geht es nicht

Borderlinie-Patienten gehören in psychotherapeutische Behandlung, die sowohl ambulant als auch stationär, als Gruppen- oder Einzeltherapie stattfinden kann. Ein sehr häufig eingesetztes Therapiekonzept ist die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), entwickelt von der amerikanischen Psychiaterin Marsha Linehan. Man setzt bei den Symptomen der Krankheit an: Zuallererst versuchen Therapeut und Patient gemeinsam, die Selbstmordgefahr und die Selbstverletzungen zu stoppen.

In der Gruppentherapie geht es besonders um die Anleitung zu einer erhöhten Achtsamkeit für das eigene Erleben. Darauf aufbauend erlernen die Patienten einen angemessenen Umgang mit Gefühlen, das heißt deren frühzeitige Wahrnehmung, nicht-bewertende Beschreibung und angemessener Ausdruck. Wichtig ist auch ein kompetentes Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Begleitend werden individuelle Krisenpläne erarbeitet, die zum Beispiel auflisten, wie man sich beruhigen oder ablenken kann. In der Gruppentherapie sollen außerdem Verhaltensweisen gelernt werden, die helfen sollen, soziale Beziehungen befriedigender zu gestalten. Rollenspiele und Videoaufzeichnungen unterstützen dabei, das eigene soziale Verhalten besser wahrzunehmen und die Sicherheit im Umgang mit anderen Menschen zu erhöhen.

Ziele sind eine positivere Selbstbewertung, eine verbesserte Kommunikation, ein Sich-Zeigen, das Sich-Einlassen und Abgrenzen in sozialen Beziehungen.

Therapieformen beim Borderline-Syndrom

Erst in einer späteren Phase werden die traumatischen Früherfahrungen aufgearbeitet, danach schließt die Integrationsphase an, in der neue Perspektiven für das Leben entwickelt werden. In zahlreichen Kliniken gibt es spezielle Borderline-Therapie-Stationen, die zusätzlich weitere Therapiemöglichkeiten wie Gestaltungs-, Musik-, Tanz- und Sporttherapien, Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation einsetzen.

Die Bewegungstherapie zielt darauf ab, die eigenen körperlichen Funktionen und Fähigkeiten wie Atmung, Kraft, Bewegung besser kennenzulernen. Mittels der Progressiven Muskelrelaxation lernen die Patienten, Spannungszustände wahrzunehmen, zu lösen und durch regelmäßiges Üben eine entspannte und gelassene Grundstimmung zu entwickeln. Innerhalb der Sportgruppe werden Eigeninitiative und Integration in die Gruppe gefördert, hier bietet sich die Möglichkeit, aggressive Impulse strukturiert abzubauen.

Eine traurige Tatsache ist jedoch, dass 75 Prozent aller Therapien abgebrochen werden – die Probleme liegen jedoch nicht immer beim Patienten, sondern auch bei der Komplexität des Krankheitsbildes für Therapeuten.

Aktualisiert: 27.06.2018 - Autor: bo

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?