Morbus Bechterew

Mann mit Schmerzen durch Morbus Bechterew © istockphoto, seb_ra

Der mächtige Pharao Ramses II. in Ägypten litt genauso darunter wie Menschen in Palästina zur Zeit Jesu – Medizinhistoriker sind sich sicher, dass der Morbus Bechterew keine Zivilisationskrankheit ist, sondern bereits vor 4.000 Jahren sein Unwesen trieb. Und es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass sich in altägyptischen Papyrusrollen namens „Ramesseum V" nicht nur medizinische Beschwörungsformeln, sondern auch Rezepte gegen Versteifungen und Verkrümmungen fanden.

Spondylitis ankylosans als Synonym

Die nach dem russischen Neurologen Bechterew (1857–1927) benannte Krankheit hat noch viele andere Namen. Doch auch unter ihrem häufigsten Synonym Spondylitis ankylosans (SPA) ist sie in der Öffentlichkeit kaum bekannt, bis zur Diagnosestellung vergehen auch heute noch häufig einige Jahre. Und das, obwohl sie ebenso häufig vorkommt wie die rheumatoide Arthritis, fast jedem als Rheuma bekannt. Der Morbus Bechterew ist - ähnlich wie Rheuma - eine chronische entzündliche Erkrankung der Gelenke, die allerdings vorwiegend die Wirbelsäule betrifft.

Man vermutet, dass vererbte Anlagen und Umwelteinflüsse krankhafte Immunreaktionen in Gang setzen. In 95 Prozent der Betroffenen findet sich ein bestimmtes genetisches Gewebemerkmal (HLA-B27), dass dafür verantwortlich gemacht wird (aber auch bei Gesunden vorkommt!). Die wiederholt auftretenden Entzündungsprozesse führen zu langsam fortschreitender Verkrümmung der Wirbelsäule und zunehmender Bewegungseinschränkung bis hin zur Versteifung der Gelenke.

Morbus Bechterew: Wer ist betroffen?

Bis vor wenigen Jahren dachte man, dass drei bis fünf Mal so viel Männer wie Frauen erkranken. Neuere Untersuchungen haben aber gezeigt, dass die Geschlechter etwa gleich häufig betroffen sind. Mittlerweile gelingt es aufgrund der verfeinerten diagnostischen Methoden besser, Frühdiagnosen zu stellen. Dabei zeigte sich, dass es in Deutschland viel mehr Betroffene gibt als bisher angenommen. So geht man mittlerweile davon aus, dass jeder 100ste an dieser Krankheit leidet. Meist beginnt sie zwischen dem 16. und 45. Lebensjahr.

Morbus Bechterew: Symptome der Krankheit

Zu Beginn sind über Monate anhaltende tief sitzende Kreuzschmerzen typisch, die besonders morgens und in Ruhe am Schlimmsten sind. Sie strahlen in das Gesäß und die Oberschenkel aus und verstärken sich beim Husten oder Niesen. Seltener sind Schmerzen in anderen Gelenken, insbesondere Hüfte, Knie und Schulter. Unspezifische Frühzeichen sind Müdigkeit, Gewichtsverlust und Stimmungsschwankungen.

Die Erkrankung verläuft in Schüben, manchmal begünstigt durch Nässe und Kälte. Mit der Zeit verändert sich die Krümmung der Wirbelsäule: Die Lendenwirbelsäule wird flach, im Bereich der Brustwirbelsäule bildet sich ein Buckel aus. Hüft- und Kniegelenke beugen sich, der Hals streckt sich. Das führt zu veränderter Körperhaltung und verminderter Beweglichkeit.

Die Verkrümmung kann so ausgeprägt werden, dass der Patient nicht mehr richtig gerade aus blicken kann. Die Entzündungsschübe können auch andere große Gelenke sowie die Regenbogenhaut der Augen (Iritis), die Schlagader (Aortitis) oder die Schleimhäute von Darm- und Urogenitaltrakt befallen.

Diagnose von Morbus Bechterew

Neben den Krankheitszeichen ist der Nachweis des Merkmals HLA-B27 im Blut typisch. Wegweisend sind Röntgenuntersuchungen von Wirbelsäule und Becken, in denen sich die Gelenksveränderungen zeigen. Weitere bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie und Szintigraphie können je nach Patient angezeigt sein.

Morbus Bechterew behandeln

Die Krankheit kann nicht geheilt werden. Deshalb stehen Schmerzbekämpfung und Erhaltung der Wirbelsäulenbeweglichkeit im Vordergrund der Behandlung. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Krankengymnastik. Die vom Physiotherapeuten gelehrten Übungen müssen vom Betroffenen selbstständig täglich durchgeführt werden. Je nach individuellen Vorlieben helfen auch Kälte- oder Wärmeanwendungen.

Der chronische Schmerz lässt sich mit schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten (z.B. Ibuprofen, Diclofenac) in den Griff bekommen. Bei akuten Schüben kann Kortison angezeigt sein - entweder in Tablettenform oder vom Arzt in den Gelenkspalt gespritzt. Mit Medikamenten, die das Immunssystem beeinflussen (z.B. Sulfasalazin, Methotrexat), werden auch Erfolge erzielt, sie haben allerdings häufig stärkere Nebenwirkungen.

Seit 2003 wird in bestimmten Fällen ein neu zugelassenes Medikament (Infliximab) als Infusion gegeben. Es blockiert einen Botenstoff, der die Entzündung fördert (Tumor-Nekrose-Faktor). Es wirkt sehr gut und wird von den meisten Patienten gut vertragen; allerdings kann eine in der Vergangenheit durchgemachte Tuberkulose wiederaufflammen. Langzeitdaten stehen allerdings noch aus.

Bei stark eingeschränkter Beweglichkeit kann dem Patienten manchmal mit einer Operation geholfen werden, bei dem das versteifte Gelenk durch ein künstliches ersetzt wird. Bei ausgeprägten Verkrümmungen kann die Wirbelsäule operativ aufgerichtet und damit verbundene Gesichtsfeldeinschränkungen verbessert werden.

Worauf muss der Erkrankte achten?

Die aktive Mitarbeit des Betroffenen ist eine zwingende Voraussetzung dafür, dass er besonders lange beweglich bleibt. Folgende Punkte sollten dabei beachtet werden: Die Übungen müssen konsequent durchgeführt werden - sie sollten zur täglichen Routine gehören wie das Zähneputzen. Es ist wichtig, in jeder Lebenssituation auf die Körperhaltung zu achten - ob beim Arbeiten, Schlafen, Autofahren oder Ausspannen. Die Umgebungsbedingungen sollten entsprechend angepasst werden (z.B. Matratze, Sitze, Kleidung, Schuhe).

Es ist wichtig, die verordneten Medikamente einzunehmen. Allgemeine Gesundheit und vernünftige Lebensweise sind genauso wichtig, wie zu beobachten, was gut tut und was nicht, und daraus zu lernen. Fördern und fordern sind wichtig, Überforderung ist schlecht.

4 beliebte Reha-Ideen bei Morbus Bechterew

  1. Übungen mit dem Pezziball
  2. Nordic Walking
  3. Zwerchfellatmung bzw. Bauchatmung erlernen
  4. Lagerungstherapie (zunächst unter Aufsicht)

Morbus Bechterew: Verlauf und Prognose

Bei gut einem Drittel der Patienten bleibt die Erkrankung auf die Wirbelsäule begrenzt. Die ausgeprägte Form mit starker Verformung und kompletter Versteifung der Wirbelsäule kommt nur bei etwa 10-20 Prozent der Erkrankten vor - meist kommt die Krankheit vorher zum Stillstand. Die meisten Betroffenen können weiter ihrem Beruf nachgehen. Die Prognose hängt neben der Schwere und Häufigkeit der Schübe auch davon ab, ob und welche andere Gelenke oder Organe betroffen sind.

Aktualisiert: 25.04.2017 – Autor: Dagmar Reiche

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