Delfintherapie

Delfintherapie © Annca

Seit der amerikanischen Erfolgsserie "Flipper" ist der Delfin eines der beliebtesten Tiere überhaupt. Stets freundlich, klug und hilfsbereit, schwamm der fortwährend lächelnde Tümmler in die Herzen der Zuschauer. Bald wurden ihnen zudem heilende Fähigkeiten zugesprochen: Der amerikanische Verhaltensforscher und Psychologe Dr. David E. Nathanson entwickelte Ende der 80er Jahre die sogenannte delfingestützte Therapie, deren ersten Ansätze schon in die frühen 70er zurückreichen.

Bald wurde die Delfintherapie zur neuen Wundertherapie bei verschiedenen körperlichen und geistigen Behinderungen erklärt. Doch bis heute ist die Wirksamkeit der Delfintherapie umstritten; zudem häuft sich die Kritik an der nicht artgerechten Haltung der Delfine.

Delfintherapie bei Autismus, Traumata & Co.

Nach wie vor umfasst die Delfintherapie kein einheitliches Konzept, dennoch gibt es weltweit mehr und mehr Anbieter dieser kostspieligen Therapie-Form. Vor allem Kinder mit Autismus, Spastik, Hirntraumata, geistiger Behinderung und seelischen Erkrankungen sollen von der Delfintherapie profitieren, wobei beispielsweise "keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass eine Delfintherapie Kindern mit Autismus zu Förderung und Heilung verhilft" vorliegen (Maria Kaminski, Vorsitzende des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V.).

Häufig handelt es sich bei den Patienten um Menschen, die Schwierigkeiten haben, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren oder über motorische Defizite verfügen. Die Delfine sollen in erster Linie helfen, das Umfeld besser wahrzunehmen und mit ihm in Kontakt zu treten sowie die Konzentrationsfähigkeit zu steigern.

Delfine als Belohnung

Oft basiert die Delfintherapie auf dem Prinzip der Belohnung: Der Patient soll zunächst eine Reihe von Aufgaben erfüllen, die ihm Physio-, Sprach- und Verhaltenstherapeuten stellen. Nach erfolgreicher Absolvierung winkt das Spiel mit dem Delfin, das entweder von einer Plattform aus oder im Becken bei dem Tier selbst geschieht.

Einige Kritiker bemängeln, dass der Ansatz der Delfintherapie davon ausgehe, dass die Lern- und Motivationsschwierigkeiten weitestgehend auf das Aufmerksamkeitsdefizit der betreffenden Patientengruppen zurückgeführt werde, was mit dem aktuellen Forschungsstand nicht vereinbar sei.

Delfintherapie: Wissenschaftlich umstritten

Zwar ist man sich weitgehend darüber einig, dass die Delfintherapie tatsächlich zu Erfolgen führt. Doch herrscht weiter Uneinigkeit darüber, ob die Fortschritte der Patienten tatsächlich durch die Delfine vorangetrieben werden oder durch andere Faktoren bestimmt sind.

Kritiker bemängeln, dass wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit der Delfintherapie nicht genügend die den Lernerfolg positiv begünstigenden Umstände, wie Veränderung der Umgebung und ein dadurch eventuell hervorgerufenes Urlaubsgefühl, Bewegung im Wasser oder erhöhte Zuwendung und eine positive Erwartungshaltung berücksichtigten.

Wirkung von Sonarwellen nicht eindeutig belegt

Auch kritisieren Gegner der Delfintherapie, dass Aussagen zur vielseits propagierten heilenden Wirkung der Sonarwellen, mit deren Hilfe die Delfine untereinander kommunizieren, teils widersprüchlich seien.

Während eine Gruppe von Wissenschaftler behaupte, die Frequenz der Gehirnwellen werde erhöht und wirke deshalb beruhigend, gingen die anderen von einer Senkung und somit einer Aktivierung und Leistungssteigerung aus. Wieder andere Wissenschaftler halten die möglichen Effekte von Ultraschall auf das Gewebe für äußerst unwahrscheinlich.

Delfintherapie: Fortschritte, aber keine Wunder

Erwin Breitenbach vom sonderpädagogischen Institut der Universität Würzburg bewertet die Delfintherapie durchaus positiv: Nicht nur aktiver, selbstbewusster und mutiger seien die Kinder geworden, auch ihre Kommunikationsfähigkeit habe sich verbessert. Auch ein halbes Jahr nach Beendigung der Delfintherapie sei der Erfolg noch immer zu beobachten.

Dennoch warnt auch Breitenbach davor, wahre Wunder von der Delfintherapie zu erwarten. Manche Experten merken an, dass bestimmte Gruppen, wie etwa klinisch Depressive, sich zu sehr an die Delfine gewöhnen könnten und durch deren anschließende Abwesenheit derbe Rückschläge erleiden könnten.

Delfintherapie: Kosten der Therapie

Die Delfintherapie ist nicht mit unerheblichen Kosten verbunden, zumal sie von den Krankenkassen weder getragen noch bezuschusst wird. Zwar fördern einige Vereine die Delfintherapie in einzelnen Fällen, dennoch kommen noch immer hohe Kosten auf die Familien zu.

Je nach Anbieter, Therapieform und Zielland können die Kosten der Delfintherapie stark variieren. Die Spanne reicht von 5.000 bis 20.000 Euro oder mehr für eine Familie, da zusätzlich noch Kosten für Flug, Unterbringung, Verpflegung und Transfer entstehen.

Oft spiegeln sich auch die unterschiedlichen Therapieansätze in den Kosten wider:

  • Während einige Delfinarien lediglich ein Elternteil und das Kind mit dem Delfin schwimmen lassen, arbeiten anderswo ausgebildete Therapeuten und Trainer mit Tier und Mensch; manche Therapiezentren setzen dafür eine Stunde pro Einheit an, andere nur 20 Minuten.
  • Gegen Aufpreis werden häufig noch zusätzliche Verfahren wie Sprachtherapie, Spieltherapie, Physiotherapie oder Verhaltenstherapie angeboten.
  • Zudem können die Kosten einer Delfintherapie von der Saison abhängig sein.

TAD: Therapeutic Animatronic Dolphins

In neueren Schriften hat Nathanson, der "Vater" der Delfintherapie, bestätigt, dass der gleiche Therapieerfolg mit Robotern erzielt werde. Diese den echten Delfinen täuschend ähnlich sehenden therapeutic animation dolphins, kurz TAD, bewirken laut Experten in einigen Fällen sogar größere Fortschritte als die lebendigen Tümmler.

Sollte sich diese Alternative durchsetzen, könnten auf lange Sicht die Kosten für eine Delfintherapie möglicherweise gesenkt werden. Zudem unterliegen die Delfin-Roboter keiner beschränkten Arbeitszeit, über deren Einführung seit Kurzem diskutiert wird.

Delfintherapie als Tierquälerei?

Vor allem Tierschützer freuen sich über TAD: Eine artgerechte Haltung der hochsensiblen und intelligenten Tiere ist in Gefangenschaft nicht möglich. Freilebende Delfine finden sich in Verbänden von zeitweise bis zu 1.000 Tieren zusammen, schwimmen am Tag zwischen 60 und 100 Kilometer und tauchen bis zu 500 Meter tief.

Dagegen können sich Delfine in Gefangenschaft ihre Partner nicht aussuchen, leben in einem kleinen Becken oder abgetrennten Meeresbereich, müssen lernen, tote Fische zu fressen. Zudem werden meist mit Medikamenten und Hormonen behandelt, um Krankheiten zu vermeiden. Dennoch können sich Mensch und Delfin im Becken gegenseitig mit vorhandenen Krankheiten anstecken.

Da die Gefangenschaft für Delfine großen Stress bedeutet, kommt es auch immer wieder (durch Aggressivität oder Unfälle) zu Verletzungen von Patienten.

Aktualisiert: 20.04.2018 – Autor: Daniela Heinisch

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