Hochsensibilität: Was ist das?

Frau mit Hochsensibilität ist überfordert © iStock.com/skynesher

1913 wurde durch den bekannten Psychologen C. G. Jung zum ersten Mal der Begriff Hochsensibilität erwähnt. Jung beschrieb, dass einige Menschen hochsensibel auf Umweltreize reagieren und diese emotional tiefer verarbeiten. Es dauerte jedoch bis in die 1990er-Jahre, bis die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron verschiedene Untersuchungen durchführte, um typische Eigenschaften hoch- beziehungsweise hypersensibler Menschen herauszufinden.

Auch wenn bereits einiges an Forschungsarbeit geleistet wurde, gibt es jedoch auch immer noch viele Unklarheiten über die konkreten Auswirkungen und Ursachen von Hochsensibilität. Dieser Artikel klärt darüber auf, was nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft über Hochsensibilität bekannt ist, wie sich eine Hochsensibilität zeigt und welche Therapie für Betroffene in Frage kommt.

Was ist Hochsensibilität?

Um den Begriff Hochsensibilität besser einordnen zu können, lohnt sich ein kurzer Exkurs in die Lehren der Psychologie. Über die Jahrhunderte hinweg haben viele Wissenschaftler, wie Freud, Adler oder Jung verschiedene Modelle entwickelt, um die Persönlichkeit eines Menschen besser beschreiben zu können und dadurch die Herausforderungen, die sich in unserem täglichen Leben auftun, zu bewältigen.

Tagtäglich sind wir Menschen einer unglaublich großen Menge an Informationen ausgesetzt. Diese können visuell, akustisch oder ganz anderer Natur sein. Unser Gehirn ordnet all diese Reize ein, interpretiert sie und gibt uns damit eine Einschätzung, wie wir uns in der jeweiligen Situation verhalten sollen.

Jeder Mensch ist verschieden und das betrifft auch seine Fähigkeit, Eindrücke von außen wahrzunehmen und diese einzuordnen. Hochsensibilität beschreibt ein Persönlichkeitsmerkmal, welches sich dadurch auszeichnet, dass die betroffenen Personen Umweltreize und Emotionen intensiver wahrnehmen.

Anhand des durch Aron entwickelten Tests wurden weitere Untersuchungen zur Häufigkeit von Hochsensibilität durchgeführt. Nach den Ergebnissen dieser Studien geht man aktuell davon aus, dass circa 20 Prozent aller Menschen Merkmale einer HSP (Highly Sensitive Person) besitzen.

Ist Hochsensibilität eine Krankheit?

Diese Frage lässt sich eindeutig mit Nein beantworten. Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal. Im Gegensatz dazu wäre eine Angststörung eine psychologische Erkrankung, die man therapieren kann. Bei der Angststörung nehmen die Betroffenen Umweltreize vermehrt wahr und reagieren hypersensibel auf diese.

Unter dem Begriff Angststörung werden verschiedene Krankheiten zusammengefasst. Ein Beispiel wäre die soziale Phobie. Betroffene fürchten sich vor sozialen Interaktionen, da sie diese als unangenehm empfinden. Um dieses unangenehme Gefühl zu verhindern, isolieren sich diese Menschen immer mehr.

Hochsensible können soziale Situationen als belastend empfinden. Nach einer Pause, in der sie wieder Zeit für sich haben, können Hochsensible aber wieder ohne Probleme am sozialen Leben teilnehmen.

Wie entsteht Hochsensibilität?

Die genauen Ursachen zur Entstehung von Hochsensibilität sind noch unbekannt. In der Wissenschaft spricht man von einer multifaktoriellen Genese, was einfacher ausgedrückt bedeutet, dass viele Faktoren eine Rolle spielen können.

Vermutet wird beispielsweise, dass genetische Ursachen bei der Entstehung von Hochsensibilität eine Rolle spielen könnten. Aktuell gibt es allerdings erst eine britische Studie aus dem Jahr 2019, die Hochsensibilität bei Kindern untersucht hat. Mithilfe von Fragebögen wurden die teilnehmenden Kinder in verschiedene Kategorien eingeordnet. Diese Kategorien reichten von wenig sensibel bis zu hochsensibel. Die Studienergebnisse lassen jedoch keine konkreten Rückschlüsse darüber zu, ob Hochsensibilität vererbbar ist.

Vielmehr geht man von einer Veranlagung aus, die auch schon bei Kindern nachgewiesen werden kann. Kinder mit einer Veranlagung für Hochsensibilität haben eine höhere Wahrscheinlichkeit dieses Merkmal auszubilden, wenn die richtigen Umweltbedingungen auftreten. Deshalb kann man bei Babys noch nicht sicher sagen, ob diese hochsensibel sind oder nicht, auch wenn sie scheinbar empfindlich auf Umweltreize reagieren.

Wie zeigt sich Hochsensibilität?

Hochsensibilität zu erkennen und die Symptome richtig einzuordnen, kann mitunter schwierig werden, da es in der Psychologie weitere Merkmale oder Erkrankungen gibt, deren Symptome sich mit denen der Hochsensibilität überschneiden. Zum Beispiel kann eine Angststörung ähnliche Verhaltensweisen hervorrufen. Folgende Eigenschaften sind typisch für Highly Sensitive Persons:

  • stärkere Reaktion auf und intensivere Wahrnehmung von Umweltreizen (wie Geräusche, Gerüche, optische Reize). Menschenmassen können von HSPs als belastend empfunden werden.
  • generell schnelleres Gefühl der Überforderung
  • besonders sensible Reaktion auf Geräusche
  • große Emotionalität. Positive und negative Erfahrungen können von HSPs intensiver wahrgenommen werden.
  • etwas vorsichtigeres Verhalten als der Durchschnitt, wenn es sich um neue Situationen handelt
  • stärkere Empathie
  • häufig eher introvertiertes als extrovertiertes Verhalten

Diese unterschiedlichen Merkmale müssen nicht bei jeder hochsensiblen Person gleich stark ausgeprägt sein – während einige stärker auf Umweltreize reagieren, nehmen andere beispielsweise die Emotionen ihrer Mitmenschen stärker wahr.

Wie reagieren hochsensible Menschen auf Stimuli?

Um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, wie hypersensible Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, wurden einige Studien mittels MRT (Magnetresonanztomographie) durchgeführt. Dadurch konnten die Forscher verschiedene Areale des Gehirns darstellen und so ihre Rückschlüsse darauf ziehen, welche Prozesse in den einzelnen Arealen ablaufen. In einer Studie wurden den Probanden Bilder von verschiedenen Menschen vorgelegt, die jeweils unterschiedliche Emotionen zeigten.

Dabei hat man herausgefunden, dass hochsensible Menschen emotionaler reagieren. Die zuständigen Areale im Gehirn zeigten bei den Untersuchungen eine stärkere Aktivität als bei Menschen ohne Hochsensibilität. So wurde beispielsweise eine stärkere Aktivierung der Inselrinde sichtbar, eines Teils des Gehirns, welcher mit der Verarbeitung der verschiedenen Sinnesreize in Verbindung gebracht wird.

Die Inselrinde wird auch als "Sitz des Bewusstseins" bezeichnet, da dieses Areal im Gehirn extrem wichtig ist, um die nonverbalen Gesten unserer Mitmenschen (beispielsweise Mimik und Körpersprache) richtig interpretieren zu können. Durch das spezifische Aktivierungsmuster im Gehirn folgerten die Wissenschaftler, dass hypersensible Menschen positive Gefühle, aber auch negative Gefühle anderer, stärker wahrnehmen können als der Durchschnitt.

Wie kann man Hochsensibilität erkennen?

Die Merkmale für hochsensible Menschen sind sehr unterschiedlich und unspezifisch. Auch gibt es keine spezifischen körperlichen Symptome, die eine klare Aussage ermöglichen. Dies liegt vermutlich daran, dass Hochsensibilität sich nicht immer mit den klassischen Erklärungsmodellen der Psychologie erläutern lässt.

Eines der bekanntesten Modelle, anhand dessen versucht werden soll, Persönlichkeitsprofile zu erstellen, ist das Big-Five. Dieses enthält folgende Kategorien:

  1. Bedürfnis nach Stabilität
  2. Extraversion beziehungsweise Extrovertiertheit
  3. Offenheit
  4. Anpassungsfähigkeit
  5. Gewissenhaftigkeit

Um ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen, wird die jeweilige Ausprägung in den fünf Faktoren ermittelt und man erhält eine Einschätzung über seine individuelle Persönlichkeit. Hochsensible lassen sich jedoch keinem der verschiedenen Persönlichkeitstypen eindeutig zuordnen.

Allgemein konnten Studien aber feststellen, dass Hochsensible tendenziell eher offen für neue Erfahrungen sind, während sie sich gleichzeitig als emotional instabil und introvertiert beschreiben.

Dr. Elaine Aron begann in den 1990ern damit, hochsensible Menschen zu interviewen und stellte daraus einen Fragenkatalog mit über 60 Fragen zusammen, um so Hochsensibilität zu erkennen. Dieser Test für Hochsensibilität wurde in den vergangenen Jahren mehrfach überarbeitet und auch für Kinder angepasst. Er wird heute häufig zur Feststellung von Hochsensibilität genutzt und behandelt beispielsweise die individuelle Wahrnehmung von Reizen, wie lauten Geräuschen oder grellem Licht, aber auch die emotionale Wahrnehmung, wie den Umgang mit Stress oder Konfliktsituationen.

Hochsensibilität bei Kindern

Auch im Kindesalter kann bereits eine Hochsensibilität vorliegen. Dabei zeigen sich die gleichen Eigenschaften, wie bei einem erwachsenen Betroffenen. Diese Hochsensibilität kann mit negativen Folgen für das Kind verbunden sein, positive Impulse können jedoch aber auch das Gegenteil bewirken.

So zeigte eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2019, dass Kinder mit der Anlage für Hochsensibilität häufiger Verhaltensprobleme, wie beispielsweise Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) aufweisen. Gleichzeitig reagieren sie jedoch auch intensiv auf positive Bestärkung, wodurch sie in der Lage sind, ihre Fähigkeiten und Stärken umfassend auszubilden.

Hochsensibilität und Depression

Hochsensible Menschen können genauso glücklich sein, wie Menschen ohne dieses Merkmal. Man vermutet sogar, dass Menschen mit dieser Anlage Glück intensiver empfinden können. Das gleiche gilt aber auch für negative Emotionen, weshalb hochsensible Menschen ein erhöhtes Risiko haben, in eine Depression zu fallen. Hochsensibilität und Depression kommen also gehäuft zusammen vor, was aber nicht bedeutet, dass Hochsensibilität eine Ursache für Depression ist.

Hochsensibilität und Hochbegabung

Zwischen Hochsensibilität und Hochbegabung gibt es keinen Zusammenhang. Dies lässt sich schon durch die Verteilung innerhalb der Bevölkerung erklären. Hochsensibilität kommt mit etwa 20 Prozent deutlich häufiger vor als eine Hochbegabung, die nur in circa zwei Prozent der Weltbevölkerung diagnostiziert wird. Hochbegabt ist ein Mensch per Definition, wenn er weit überdurchschnittlich intellektuell leistungsfähig ist. In der Regel gibt man an, dass die Hochbegabung ab einem Intelligenzquotienten (IQ) von 130 Punkten oder höher erreicht wird.

Welche Therapie ist bei Hochsensibilität möglich?

Eine spezielle Therapie existiert nicht, da Hochsensibilität nicht als Krankheit eingestuft wird. Dementsprechend gibt es auch keine Medikamente, um die Symptome zu behandeln. Betroffenen hilft es aber häufig schon, wenn sie sich ihrer körperlichen und emotionalen Grenzen bewusst werden und darauf achten diese nicht zu überschreiten, um eine Reizüberflutung zu vermeiden.

Ratsam ist es zudem, eine Tätigkeit zu finden, bei der man sich entspannen kann. Ob Sport, Kunst, Meditation oder ein heißes Bad, jeder kann nach seinen individuellen Vorlieben eine Methode wählen, um so nach reizintensiven Situationen abzuschalten.

Wirkt sich die Hochsensibilität negativ auf die Partnerschaft oder den Beruf aus, oder man hat das Gefühl, schon mit alltäglichen Situationen überfordert zu sein, sollte man jedoch in Erwägung ziehen einen ausgebildeten Psychologen aufzusuchen. Auch wenn keine gesonderte Therapie für Hochsensibilität gibt, kann dieser dabei helfen, eine individuelle Strategie zu entwickeln, um den Fokus wieder auf die positiven Reize zu legen und den Alltag mit Hochsensibilität besser anzugehen.

Aktualisiert: 14.09.2020 - Autor: Yannis Diener, Student der Humanmedizin

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