Das Unterbewusstsein – wie beeinflusst es unsere Entscheidungen?

Nachdenkliche Frau © istockphoto, Alliance

Jeder Psychologe würde bestätigen, dass das Unterbewusstsein bei größeren Entscheidungen eine wichtige Rolle spielt. Diese Erkenntnis ist für die meisten Menschen nicht neu, denn fast jeder kennt das etwas undefinierbare "Bauchgefühl", jene Intuition, die man häufig verspürt, wenn es um wichtige Entscheidungen geht. Mittlerweile ist es wissenschaftlich bewiesen: Nicht immer ist das sorgfältige Abwägen der richtige Weg, zu langes Nachdenken überfordert nämlich das Gehirn. Und: auf seine Gefühle zu hören, ist lebenswichtig.

Nacht darüber schlafen

Wie die Zeitschrift "Science" in ihrer Ausgabe vom 17. Februar 2006 schrieb, hat ein Psychologen-Team unter der Leitung von Ap Dijksterhuis von der Universität Amsterdam in Versuchen mit Testpersonen herausgefunden, dass man bei komplexen Entscheidungen wie einem Autokauf nicht eine Unmenge an Fakten und Informationen benötige, um zu einer richtigen Entscheidung zu gelangen.

Wenn man seinem normalen Tagesgeschäft nachgeht, dabei nicht weiter über den Kauf nachdenkt, eine Nacht darüber schläft und nun die Entscheidung trifft, ist die Entscheidung fast immer zufriedenstellend. Dagegen sind bewusste Überlegungen sinnvoll, wenn es um kleinere Entscheidungen geht, etwa, welchen Haartrockner man kaufen soll. Dies ließ sich sowohl unter Laborbedingungen wie auch im richtigen Leben belegen.

Die Forscher gehen davon aus, dass das menschliche Unterbewusstsein eine höhere Kapazität aufweist, um mehr Informationen zu integrieren, die schließlich zu besseren Entscheidungen führen. Bei einfachen Sachen wie Haartrocknern braucht man nur wenige Fakten – Wattzahl, Stromverbrauch und Gewicht etwa – um die zur Wahl notwendigen Informationen zu sammeln.

Unterbewusstsein, Intuition – was ist das?

Ein Aha-Erlebnis, die zündende Idee, das sichere Gefühl, der richtige Riecher – all das steckt hinter den Begriffen Unterbewusstsein und Intuition. Das Unterbewusstsein ist die umgangssprachliche Variante des Unbewussten, ein Begriff, den Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, geprägt hat.

Nach Freud ist das Unbewusste ein System, das vor allem aus verdrängten, vom Bewusstsein nicht zugelassenen Inhalten besteht und das einer eigenen Gesetzmäßigkeit unterliegt. Intuition kommt aus dem Lateinischen "intueor" und bedeutet "etwas betrachten, erwägen". Intuition ist eine Eingebung, die aus dem Unbewussten heraus entsteht.

Die Schweizer Psychologin Maja Storch schreibt dazu: "Neueste Forschungen auf dem Gebiet der Neurowissenschaften zeigen, dass der Mensch neben dem rationalen Entscheidungssystem, das mit bewussten Prozessen verbunden ist, auch über ein Entscheidungssystem, das mit Gefühlen und körperlichen Empfindungen verbunden ist, verfügt."

Die Intuition sei in komplexen Situationen, die viele Variablen enthalten, dem rationalen Entscheidungssystem überlegen. Maja Storch hat sich an der Universität Zürich mit dem Einfluss von Gefühlen auf die Entscheidungsfindung beschäftigt.

Der rationale Mensch – Vernunftentscheidungen contra Bauchentscheidungen

Wir haben von klein auf gelernt, "vernünftig" zu sein, überlegt zu handeln, rational zu denken. Die Erkenntnisse der Hirnforschung zeigen, dass aber die Gefühle beim Handeln überlebenswichtig sind, denn Gefühle bewerten laufend die Erfahrungen, die wir machen. Eine gute Erfahrung bedeutet, etwas wieder tun zu können, eine schlechte Erfahrung heißt, vermeiden.

Maja Storch sagt dazu: "So hat jedes Gehirn sozusagen seine persönliche Stiftung Warentest!" Motivationspsychologen haben herausgefunden, dass nur diejenigen Entscheidungen eine reelle Chance haben, auch in Handlung umgesetzt zu werden, die von einem starken positiven Gefühl begleitet sind.

Der portugiesische Neurologe Antonio R. Damasio, Leiter der neurologischen Abteilung der Universität Iowa, erklärt überzeugend, welche grundlegende Rolle Emotionen im "vernünftigen" Verhalten des Menschen spielen: Ein Mensch, dessen emotionales und soziales Verhalten durch Hirnverletzungen gestört ist, ist nicht mehr fähig, sogenannte rationale Entscheidungen zu treffen. Damasio prägte den Begriff "somatische Marker", ein körperliches Signalsystem. Somatische Marker lenken unsere Aufmerksamkeit darauf, ob sich eine ins Auge gefasste Lösung wirklich "gut anfühlt".

Die Intuition wird also weitgehend gespeist aus unseren Erinnerungen, Sinneseindrücken und Empfindungen. Wir lernen ständig, doch der Lernprozess ist uns nicht bewusst. Das Gelernte steht dann bei passender Gelegenheit wie aus heiterem Himmel zur Verfügung. So kommen wir oft sogar bei banal erscheinenden Alltagsproblemen automatisch und schnell zu wichtigen Lösungen.

Experten, etwa Ärzte, kommen dank ihres Erfahrungsschatzes zu besonders guten intuitiven Lösungen. "Wenn wir intuitiv denken und handeln, brauchen wir oft nur eine sehr geringe Menge von Fakten oder Informationen, um zu einem Urteil zu gelangen oder eine Entscheidung zu treffen.", schrieb Heiko Ernst in "Psychologie heute" (März 2003) – dies entspricht dem, was die Amsterdamer Psychologen herausgefunden haben.

Das "Bauchhirn" – Emotionen aus dem Verdauungstrakt

Dass der Bauch also eine entscheidende Rolle spielt, sagt nicht nur der Volksmund: "Aus dem Bauch heraus entscheiden" ist eine der gebräuchlichsten Redewendungen, wenn man scheinbar spontan entscheidet. Tatsache ist, dass es in der Bauchregion ein Nervengeflecht gibt, das das Hirn gewissermaßen mitsteuert.

Der amerikanische Neurowissenschaftler Michael Gershon, Chef des Departments für Anatomie und Zellbiologie der Columbia University in New York, gilt als Entdecker des "Bauchhirns". Konkret ist damit der Verdauungstrakt gemeint. Er besitzt mehr als 100 Millionen Nervenzellen – mehr als im gesamten Rückenmark zu finden sind. Und es führen weit mehr Nervenstränge vom Bauch ins Gehirn als umgekehrt. 90 Prozent der Verbindungen laufen von unten nach oben.

Dieses "zweite Gehirn", so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, ist ein Spiegelbild des Kopfhirns – Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich. Wissenschaftler der Tiermedizinischen Hochschule Hannover stimulierten lebende Nervenzellen aus der Bauchregion von Tieren mit Strom und chemischen Stoffen. Sie fanden dabei heraus, dass das "Bauchhirn" auch Erinnerungen speichern kann, denn es verwendet die gleichen Botenstoffe wie das Kopfhirn und steht mit diesem in ständiger Verbindung.

Die Empfindungen und Reaktionen des Bauchhirns werden permanent zu 90 Prozent ins Kopfhirn gemeldet und dort in einem bestimmten Bereich gespeichert und ausgewertet. Der Informationsaustausch vom Kopfhirn Richtung Bauch ist dagegen sehr gering, nur zehn Prozent.

Nach alledem, was wir wissen, stellt sich die Frage: Sind nun jene Entscheidungen, die wir "aus dem Bauch heraus" treffen, die besten? Sollen wir mehr auf unsere Gefühle hören statt auf den Verstand? Doch dies wäre eine falsche, weil einseitige Schlussfolgerung. Intuitive Botschaften oder somatische Marker "dürften für normale menschliche Entscheidungsprozesse nicht ausreichen", warnt Antonio R. Damasio.

Seiner Meinung nach erleichtern und verbessern somatische Marker Entscheidungen, aber sie nehmen uns das Denken nicht ab. "Sie helfen uns beim Denken, indem sie einige (gefährliche oder günstige) Wahlmöglichkeiten ins rechte Licht rücken." Zwischen Verstand und Intuition, zwischen Bauchgefühl und rationalem Abwägen "besteht eine enge Partnerschaft", sagt Damasio.

Tipps für den Alltag

Intuition also kann für wichtige Entscheidungen wichtig sein und es schadet nicht, sich ihr zu öffnen. Ang Lee und Theodor Seifert beschreiben in ihrem Buch "Intuition" die Methode des Mathematikers Henri Poincaré: es sind vier Stufen, die man durchlaufen muss, wenn man die Lösung eines Problems sucht.

  1. Präparation – man beschäftigt sich zunächst ausgiebig mit der Aufgabe oder dem Problem, sucht aktiv nach Lösungen und prüft auch die ethischen und moralischen Richtlinien.
  2. Inkubation – nun "lässt man los", ignoriert das Problem, geht seinem Hobby nach oder schläft.
  3. Illumination – der Geistesblitz, die Erleuchtung, die Lösung stellen sich ein – dies kommt nicht gewollt, sondern von alleine, man weiß plötzlich, was zu tun ist.
  4. Verifikation – die intuitiv gefundene Lösung sollte unbedingt noch einmal kritisch hinsichtlich "Wahrheit und Ethik überprüft werden".

Ein häufig zitiertes Beispiel, auf die beschriebene Weise zu Lösungen zu gelangen, ist Auguste Kekulé, der die Strukturformel des Benzols suchte. Irgendwann eines Abends, als er vor seinem Kamin einschlief, erschien ihm im Traum ein eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Das Problem war gelöst: Benzol hat eine Ringstruktur, was damals ein vollkommen neuartiges Ergebnis war.

Aktualisiert: 13.03.2017 – Autor: bo

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