Gerechtigkeit - Ist das fair?

Die dicke Gehaltserhöhung der Kollegin, der dritte Strafzettel in einem Monat: Wo fängt Gerechtigkeit an und wo hört sie auf?

Was ist Gerechtigkeit?

"Das ist ungerecht", beschwert sich Lisa. Die Arm ein die Hüften gestemmt baut sich die Siebenjährige vor ihrer Mutter auf. "Ich bin ein Jahr älter als Jonas und muss immer zur gleichen Zeit ins Bett!", schimpft sie. "Das Thema hatten wir doch schon", antwortet Lisas Mutter genervt. "Auch wenn du älter bist braucht ihr beide noch genauso viel Schlaf." Bei diesem Thema behandelt sie beide Sprösslinge gleich, was Lisa eine himmelschreiende Ungerechtigkeit empfindet. Wer hat Recht? Und was ist überhaupt Gerechtigkeit?

Mit dieser Frage haben sich schon unzählige Gelehrte beschäftigt – von Theologen, Soziologen bis hin zu Politikern. Keiner hat eine eindeutige Antwort gefunden. Weil es sie nämlich nicht gibt, auch keine einzige wahre Gerechtigkeit. Dennoch weiß etwa die Diplom-Psychologin Juliane Kärcher: "Gerechtigkeit ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis und ein zentraler Wert, der für viele Menschen handlungsleitend ist."

Ungerechtigkeit macht krank

Finnische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass, wer sich ungerecht behandelt fühlt, sogar körperlich leidet: Das Herzinfarktrisiko steigt. "Alle gesellschaftlichen Diskussionen drehen sich im Grunde um Gerechtigkeit", erklärt Dr. Rainer Erlinger, Arzt, Jurist und Deutschlands "Gewissenspapst". Das fängt an bei der Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe an und geht bis zur Höhe des Kindergeldes.

Ansichtssache

Auch im normalen Alltag, abseits vom politischen Geschehen, gehen die Ansichten oft weit auseinander, was gerecht ist und was nicht. Ist es beispielsweise fair, wenn das Nesthäkchen der Familie mehr Geschenke zum Geburtstag kriegt als die älteren Kinder? Sollte der Ehemann nach dem Job noch im Haushalt mit anpacken, obwohl er mindestens schon acht Stunden Arbeit auf dem Buckel hat? Ist es gerecht, wenn der gut betuchte Manager jetzt auch noch im Lotto gewinnt?

Gerechtigkeit hat viele Facetten, je nach Kultur und Epoche wird sie ganz unterschiedlich ausgelegt. Was heute und hier als fair empfunden wird, kann morgen oder anderswo ungerecht sein - es kommt ganz allein auf den Blickwinkel an. Die Ehefrau revanchiert sich für den Seitensprung ihres Mannes, indem sie sein heiß geliebtes Motorrad zum Schrotthändler karrt. Aus ihrer Sicht eine gerechte Strafe, aus seiner bestimmt nicht.

Und für die schlechte Note in Mathe kein Taschengeld mehr zu kriegen, finden Kinder meist einfach nur gemein. Wenn Gerechtigkeit so vielschichtig ist – wie ist es zu vermeiden, dass sich ein Mensch gegenüber dem Partner, der Familie, den Freunden oder Kollegen ungerecht verhält?

Den meisten geht es darum, dass die Dinge gerecht verteilt sind. Wer soll wie viel Geld, Zeit oder Aufmerksamkeit bekommen, sodass am Ende keiner benachteiligt wird?

Eine Orientierungshilfe bietet die Psychologie, die das Gleichheits-, Bedürfnis- und Beitragsprinzip unterscheidet:

  • Das Gleichheitsprinzip richtet sich nach dem Motto "Jedem das Gleiche". In einer Klasse brüten alle Schüler über den gleichen Testfragen. Und in einer Partnerschaft kriegt jeder ein Geburtstagsgeschenk vom anderen oder beide einigen sich darauf, auf Präsente zu verzichten.
  • Beim Bedürfnisprinzip stehen die unterschiedlichen Bedürfnisse jedes Einzelnen im Vordergrund. Auf diese Weise funktioniert meist das Familienleben. So bekommt ein Baby mehr Zuwendung als ein Teenager. Und wenn zwei von zehn Mitarbeitern mit der neuen Software nicht zurechtkommen, dürfen oder müssen diese beiden zur Schulung - ihre Kollegen nicht.
  • Das Beitragsprinzip berücksichtigt die Leistungen jedes Einzelnen. Hat einer allein an einem Projekt gearbeitet, ist es unfair, wenn auch die Kollegen Lob dafür einheimsen. Und wenn die Schwiegermama jeden Samstag die Enkel hütet, verdient sie ein größeres Geschenk als der Schwiegervater, der nur selten dazu Lust hat.

Aktualisiert: 15.01.2014

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