Oxytocin: So wirkt das Kuschelhormon

Frau und Mann kuscheln © Getty Images/Lena Mirisola

Oxytocin wird auch als Bindungs-, Lust oder Kuschelhormon bezeichnet. Sowohl bei Frauen als auch bei Männern ist das Hormon von herausragender Bedeutung in zwischenmenschlichen Beziehungen, selbst bei Babys wird es schon gebildet. Es kommt sowohl natürlicherweise im Körper vor als auch als Medikament zum Einsatz. Was löst Oxytocin aus, wie ist die Wirkung des Hormons bei Männern und Frauen und wann wird es medikamentös angewendet?

Was ist Oxytocin?

Oxytocin ist laut Definition ein Hormon, welches vielseitige wichtige Funktionen im weiblichen und männlichen Körper übernimmt. Das Oxytocin wird im Gehirn, genauer gesagt im Hypothalamus, synthetisiert. Es wird dann im hinteren Teil der Hypophyse, der Hirnanhangsdrüse, gespeichert und bei Bedarf freigesetzt.

Oxytocin wird ähnlich wie Endorphine zu den Glückshormonen gezählt und umgangssprachlich auch als Kuschel- oder Treuehormon bezeichnet. Zustände wie "Liebe" entsprechen allerdings keinem einheitlichen körperlich-hormonellen Zustand, sondern sind tatsächlich hochindividuell.

Mit Oxycodon hat Oxytocin nichts zu tun. Oxytocin ist ein Peptidhormon, während Oxycodon ein Opioid ist, welches bei starken und sehr starken Schmerzen angewendet wird und ein großes Suchtpotenzial beherbergt.

Was macht Oxytocin im Körper?

Das Hormon fördert im Allgemeinen zwischenmenschliches Verhalten und spielt deshalb eine Rolle beim Bindungsverhalten von Menschen – daher auch die Bezeichnung als Kuschelhormon. Auch beim Geburtsprozess kommt es körpereigen vor und fördert das Zusammenziehen der Gebärmutter.

Der Begriff stammt auch aus diesem Zusammenhang, der Name Oxytocin hat seine Ursprünge in dem griechischen Wort okytokos. Dieses bedeutet so viel wie "leicht gebärend". Nicht nur beim Menschen ist das Hormon Oxytocin relevant – es wurde bei allen Säugetieren nachgewiesen.

Wie wird Oxytocin ausgelöst und welche Wirkung hat es?

Die Wirkung von Oxytocin besteht im Wesentlichen aus zwei Aspekten:

  1. Zusammenziehen der Muskulatur der inneren Organe, also der Muskulatur, die nicht absichtlich angestrengt werden kann (glatte Muskulatur in der Fachsprache)
  2. Auf psychischer Ebene führt eine Ausschüttung des Hormons vor allem zu einer Förderung des Bindungsverhaltens über Rezeptoren im Gehirn.

Physische Effekte

Aus dem muskulären Effekt resultieren folgende physische Wirkungen:

  • Auslösen der Wehen im Geburtsprozess: Für eine normale Wehentätigkeit ist Oxytocin unbedingt notwendig.
  • Förderung der Milchabgabe durch die Brustdrüse: Oxytocin fördert das Zusammenziehen (die Kontraktion) der Brustdrüse und unterstützt so die Milchabgabe nach der Geburt. Die Milchproduktion selbst wird dabei allerdings nicht gefördert, dies erfolgt durch das Hormon Prolaktin und wird durch Dopamin gehemmt.
  • Verbesserung der Wundheilung: Auch hierbei ist die glatte Muskulatur gefragt, welche die Wundränder zusammenzieht und diese dadurch aneinander annähert.

Psychische Effekte

Aus dem zweiten, im Gehirn stattfindenden Mechanismus, ergeben sich folgende psychische Effekte auf den Menschen:

  • Verstärkung des emotionalen Bindungsverhaltens zwischen Mutter und Kind: Ein erhöhter Oxytocin-Spiegel besteht dabei bereits während der Schwangerschaft. Auch Babys produzieren schon Oxytocin, beispielsweise nach dem Nuckeln.
  • Verbundenheit in Paarbeziehungen: Auch hier liegt die im Gehirn stattfindende Wirkung zugrunde. Dabei wirkt Oxytocin nicht nur beim einvernehmlichen Kuscheln, sondern wird auch beim Sex sowohl bei Männern als auch bei Frauen ausgelöst. Hier dient es zunächst der Luststeigerung, die Höchstdosis wird allerdings beim Orgasmus selbst freigesetzt.
  • Zugewandtheit in sozialen Interaktionen: Es liegt dabei ebenfalls derselbe Mechanismus wie bei anderen zwischenmenschlichen Bindungen vor. Nicht nur bei engem Körperkontakt, sondern auch bei zugewandten Gesprächen und aufbauenden Worten kommt es zu einer Ausschüttung von Oxytocin – diese ist allerdings geringer als bei engerem Kontakt.
  • Reduzierung von Schmerzen und Stress: Oxytocin kann im Körper zur Schmerzlinderung und Stressreduktion beitragen.

Wirkung von Oxytocin bei Frauen und Männern

Wie schon angedeutet, kommt das Hormon sowohl bei der Frau als auch beim Mann, vor. Allerdings gibt es hierbei kleinere Unterschiede.

Was macht Oxytocin bei Frauen?

Neben den oben genannten Wirkungen des Hormons an der Muskulatur der Gebärmutter (des Uterus), der Brustdrüse, und der Mutter-Kind-Bindung, wird das Oxytocin auch beim Orgasmus freigesetzt.

Was macht Oxytocin bei Männern?

Wie bereits beschrieben, führt auch beim Mann eine Ausschüttung von Oxytocin zu einem gesteigerten Bindungsverhalten. Daneben wird vermutet, dass es durch das Zusammenziehen der (glatten) Muskulatur in den Samenkanälchen und der Prostata eine Rolle bei der Ejakulation und der damit einhergehenden Austreibung des Spermas spielt.

Oxytocin-Mangel

Ein Mangel an Oxytocin in der Schwangerschaft kann zu Wochenbett-Depressionen (postpartalen Depressionen) führen. Dabei wurde nachgewiesen, dass vor allem ein niedriger Hormonspiegel im letzten Schwangerschaftsdrittel mit diesen schwerwiegenden Folgen einhergeht. Auch bei anderen Formen von Depressionen wird ein Oxytocin-Mangel als mögliche Ursache diskutiert.

Oxytocin erhöhen

Um den Folgen eines Oxytocin-Mangels vorzubeugen, wurde das Hormon bisher nur in Studien medikamentös verabreicht. Es konnte dabei beispielsweise gezeigt werden, dass der niedrige Hormonspiegel ausgeglichen und somit die späteren Depressionssymptome gelindert werden konnten. Jedoch auch negativ konnotierte Emotionen wie Aggression, Neid und Schadenfreude werden mit Oxytocin in Verbindung gebracht.

Oxytocin als Medikament

Nach heutigem Stand ist Oxytocin als Medikament lediglich in der Geburtshilfe bei der Entbindung zugelassen. Wird in einer Schwangerschaft ein Geburtstermin weit überschritten, können durch die medikamentöse Gabe von Oxytocin Wehen ausgelöst werden.

Darüber hinaus kommt Oxytocin als Medikament zum Einsatz, wenn es nach der Geburt aufgrund einer schlaffen Gebärmutter-Muskulatur zu Blutungen kommt (atonische Blutung). Nach einem Kaiserschnitt wird das Oxytocin zur Ablösung der Plazenta verwendet. Auch kommt es beim Wehenbelastungstest zum Einsatz.

Die Anwendungsmöglichkeiten in den Bereichen der Psychiatrie und Neurologie sind derzeit noch Gegenstand der Forschung. Hierzu gehören unter anderem Studien zur Wirkung bei Menschen mit Alzheimer, Menschen mit Autismus oder mit Depressionen. 

Anwendung von Oxytocin

Oxytocin wird meistens intravenös verabreicht, man kann es allerdings auch als Nasenspray anwenden. 

Die Dosierung bei Infusionen wird in "Internationalen Einheiten" (I.E.) angegeben. Die Dosierungen der Infusionslösungen gibt es in drei unterschiedlichen Stärken: 3 I.E., 5 I.E. und 10 I.E.. Da es ein sogenanntes Peptidhormon ist (es besteht aus Eiweißen), kann Oxytocin nicht in Tabletten-Form verabreicht werden, da es sonst im Verdauungstrakt unwirksam gemacht würde.

Dass man Oxytocin also in nennenswerten Mengen unbeabsichtigt, beispielsweise über die Nahrung durch Oxytocin in Lebensmitteln aufnimmt, ist also sehr unwahrscheinlich. Lediglich als Infusion in das Blut-Kreislauf-System, als Spray auf die Nasenschleimhaut, oder in Tropfenform auf Schleimhäute, kann von einer Wirkung ausgegangen werden.

Bei stillenden Frauen kann Oxytocin als Nasenspray zur Unterstützung der Milchabgabe angewendet werden Das Saugen wird dadurch erleichtert. 

Da das Medikament allerdings in Deutschland aufgrund der unsicheren Studienlage 2008 vom Markt genommen wurde, gibt es keine offiziellen Empfehlungen bezüglich Anwendung und Dosierung. Falls die*der behandelnde Ärztin*Arzt eine Anwendung für sinnvoll hält, sollten diese Hinweise individuell geklärt werden. Außerhalb der offiziellen Anwendungsgebiete (off-label) kann Oxytocin auf ärztliches Rezept in Apotheken teilweise bezogen werden. Das Produkt wird dann aus dem Ausland importiert.

Nebenwirkungen von Oxytocin

Oxytocin ähnelt in seiner Struktur dem sogenannten antidiuretischen Hormon (ADH oder auch Vasopressin), welches den Wasserhaushalt im Körper reguliert. Oxytocin bewirkt daher in hohen Dosen eine Wasserretention (in der Niere wird weniger Flüssigkeit ausgeschieden) und eine Verengung der Gefäße. Darin weist es vergleichbare Effekte auf, wie Adrenalin. Es versetzt den Körper so in einen ähnlichen Zustand, wie er in einer Durstperiode eintreten würde. In niedrigeren Dosen wurde jedoch der gegenteilige Effekt nachgewiesen, das bedeutet, es wurde mehr Urin produziert und vermehrt Natrium ausgeschieden.

Eine weitere mögliche Nebenwirkung ist Müdigkeit, denn vor allem durch die hohen Dosen des beim Orgasmus freigesetzten Oxytocins kommt es danach in der Entspannungsphase zur Erschöpfung.

Teilweise zeigen Studien zudem Nebenwirkungen wie Aggressionen, Neid oder Schadenfreude. Diese Emotionen sollen vor allem durch den Aspekt des Oxytocins bedingt sein, der den Zusammenhalt fördern und in diesem Zusammenhang auch vermehrtes Aggressionsverhalten gegenüber Außenseitern zum Vorteil der Eigengruppe hervorrufen soll. Die Studienlage ist hier allerdings nicht eindeutig.

Wann sollte Oxytocin nicht angewendet werden?

Bei bestehender Schwangerschaft (mit Ausnahme zur Einleitung der Geburt unter ärztlicher Aufsicht) oder bei gleichzeitiger Prostaglandin-Gabe darf kein Oxytocin verabreicht werden. Prostaglandine werden vor allem im Rahmen der Geburtshilfe eingesetzt. Sie fördern die Öffnung des Muttermundes. Durch Prostaglandine wird die Gebärmutter sehr empfindlich gegenüber der zusammenziehenden Wirkung des Oxytocins. Auch in Kombination mit Bluthochdruckmedikamenten ist Vorsicht geboten.

Kann man Oxytocin kaufen?

Hormonpräparate, die Oxytocin enthalten, sind in Deutschland nicht frei zugänglich. Lediglich das Nasenspray Syntocinon® wurde früher in deutschen Apotheken verlauft, wurde dann aber vom Markt genommen. Dies lag vor allem in der unsicheren Studienlage bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit des Medikaments begründet.

Oxytocin als Droge?

Aufgrund der relativ einfachen Freisetzung des Oxytocins durch vielfältige Arten des Körperkontakts, beispielsweise auch Massagen, wird es ähnlich den Endorphinen manchmal als körpereigene Droge bezeichnet.

Hierbei ist allerdings zu beachten, dass keinerlei Abhängigkeitspotenzial des Oxytocins nachgewiesen wurde und die hierbei freiwerdenden, eher geringen Dosen, auch in der Schwangerschaft unbedenklich sind. Insofern ist der Begriff allerdings zutreffend, dass auch von einem Hormon wie Oxytocin eine euphorisierende Wirkung ausgehen kann. 

Es gibt zudem Drogen, wie zum Beispiel das MDMA, welche zu einer Erhöhung des Oxytocin-Spiegels führen.

Aktualisiert: 22.03.2021 - Autor: Miriam Kunz, Studentin der Humanmedizin

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