Akupunktur: Wirksamkeit

Akupunktur und Schulmedizin

Prinzipiell erinnert der Gedanke der Meridiane zunächst an die dem westlichen Schulmediziner vertrauten Nervenbahnen, die den ganzen Körper durchziehen. Obwohl eine spezielle Stimulation solcher Nervenbahnen durch die Nadelreizung beispielsweise ein Schmerzempfinden beeinflussen könnte, lässt sich eine Zuordnung der Meridiane zu den bekannten Nervenbahnen jedoch nicht ohne Weiteres treffen. Eine andere These vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Verlauf der Leitbahnen und dem von Lymphgefäßen. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Leitbahnen und Körperstrukturen gibt es bisher allerdings genauso wenig wie ein endgültige Erklärung für die Effekte der Akupunktur.

Akupunktur: im Westen noch mit Skepsis verbunden

Trotzdem spricht die weite Verbreitung und lange Tradition der Akupunktur für diese Heilmethode. Doch wie andere Therapien und Arzneimittel muss sich auch die Akupunktur im Westen einer modernen, nach statistischen und medizinischen Kriterien ermittelten Überprüfung unterziehen. Dazu gehören auch Fragen wie: Ist die Behandlungsmethode verträglich und birgt sie keine unkalkulierbaren oder schwerwiegenden Gefahren? Bringt die Behandlung tatsächlich eine Linderung des Leidens? Falls ja: Ist diese positive Wirkung tatsächlich so hoch, dass sie nicht mehr durch den sogenannten Placebo-Effekt erklärbar ist?

"Gerac"-Studie zur Wirksamkeit der Akupunktur

In den letzten Jahren wurden mehrere Studien nach modernen Kriterien und mit ausreichend großen Patientenzahlen durchgeführt, um die Wirksamkeit der Akupunktur zu überprüfen.
In den Jahren 2001–2005 wurde im ersten Teil der "Gerac" (German Acupuncture trials – Klinische Untersuchungen zur Akupunktur in Deutschland) ermittelt, inwiefern die Akupunktur unerwünschte Effekte, also Nebenwirkungen, mit sich bringt. Die Resultate zeigten, dass die Akupunktur eine sehr verträgliche Therapie ist. Weit weniger als ein Prozent der Behandelten zeigten beispielsweise lokale Infektionen nach der Behandlung.

Im zweiten Teil, der bis 2008 lief, sollte festgestellt werden, ob sich die Wirksamkeit der Akupunktur statistisch belegen lässt, speziell im Vergleich zu anderen, "westlichen" Therapieformen. Dazu wurden Schmerzpatienten mit einer von drei möglichen Therapien behandelt: Entweder traditionell westlich, also beispielsweise mit Arzneimitteln, oder mit einer von zwei Akupunkturarten – wobei sich die eine an die Regeln der chinesischen Medizin hielt, bei der anderen diese gezielt missachtet und zufällig ausgewählte Körperstellen akupunktiert wurden. Dadurch sollte sich herausstellen, ob die Konzentration auf die klassischen Akupunkturstellen tatsächlich wichtig ist. Untersucht wurden z. B. 1039 Patienten mit Kniegelenksverschleiß – 28 Prozent der mit Standardtherapie Behandelten hatten danach weniger Schmerzen und bessere Gelenksfunktion; die Erfolgsraten bei den Akupunktur-Patienten lag bei etwa 50 Prozent.

Weitere Studien zur Wirksamkeit der Akupunktur

Im April 2005 veröffentlichten die Berliner Charité und die Techniker Krankenkasse den Abschlussbericht zur Wirksamkeitsstudie "Akupunktur erhöht die Lebensqualität und ist wirtschaftlich". Dabei hatten rund 10.000 Ärzte in viereinhalb Jahren über 300.000 Patienten mit Akupunktur behandelt und die Ergebnisse unter anderem mittels Fragebögen protokolliert. Das Ergebnis: Akupunktur hilft dauerhaft bei vielen Leiden – von Allergien bis zu Wirbelsäulenschmerzen. So ging es zum Beispiel neun von zehn Allergikern noch ein halbes Jahr nach der Behandlung deutlich besser als vorher, 82 Prozent der Asthmatiker hatten erheblich weniger Beschwerden.

Die Ergebnisse einer Studie von deutschen Komplementärmedizinern im amerikanischen Ärzteblatt (Klaus Linde et al.: Acupuncture for Patients With Migraine. Journal of the American Medical Association – JAMA, 2005;Bd. 293 S. 2118-2125) belegt eine hohe Wirksamkeit bei Migräne. Etwa 300 Männer und Frauen über 40 wurden für diese Studie in drei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhielt zwölf Anwendungen nach der traditionellen chinesischen Akupunktur. Eine zweite Gruppe erhielt unspezifische Akupunktur, eine dritte Gruppe erhielt keine Therapie, durfte aber Schmerzmittel einnehmen. Bei beiden Akupunktur-Therapien gab es deutlich weniger Migräneattacken – statt fünf nur zwei pro Monat.

Akupunktur: Nebenwirkungen kaum vorhanden

Bei einer koreanischen Studie wurden kaum Nebenwirkungen bei Akupunktur festgestellt. Bei 100 Behandlungen traten dort im Schnitt dreimal Nebenwirkungen auf. Dabei litten die untersuchten Patienten am häufigsten unter Blutungen im Einstichbereich. Auch Blutergüsse und Schmerzen traten gelegentlich auf. Generell waren alle Nebenwirkungen jedoch nach spätestens 48 Stunden wieder verschwunden. Besonders häufig traten die Beschwerden übrigens bei Patienten auf, die von Ärzten mit weniger als drei Jahren Berufserfahrung behandelt wurden. Bei erfahrenen Ärzten, die alle Richtlinien befolgen, ist Akupunktur jedoch eine sehr sichere Behandlungsmethode.

Fazit: Akupunktur hilft

Die Ergebnisse der Studien konnten eines bestätigen: Akupunktur hilft, bei einigen Beschwerden wirkt sie sogar besser als Standardtherapien. Dies trifft vor allem auf Migräne, Rücken- und Gelenkbeschwerden sowie Allergien zu. Möglicherweise trägt, wie einige Ärzte vermuten, eine stärkere Ausschüttung von körpereigenen Schmerzstillern, den Endorphinen, zur Wirkung bei.

Doch darin sind sich alle Mediziner einig: Akupunktur eignet sich nicht für alle Beschwerden gleichermaßen. Starke Schmerzen, denen ein Krebsleiden oder eine andere schwere Krankheit zugrunde liegt, sollten auf herkömmliche Weise behandelt werden.

Aktualisiert: 27.10.2017
Autor*in: Dagmar Reiche

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