Wenn Yin und Yang aus dem Gleichgewicht geraten

Yoga-Übung im Gleichgewicht
© AndiP

Die fernöstliche Medizin übt eine immer größere Anziehungskraft auf die Menschen in der westlichen Welt aus – laut Umfragen ist "sanfte Medizin" mittlerweile für mehr als zwei Drittel der Deutschen eine wertvolle Ergänzung zur konventionellen Therapie. Von Akupunktur bis zur Zen-Meditation haben viele ihrer Bestandteile bereits den Weg in unseren Alltag gefunden. Und auch die westliche Schulmedizin nähert sich in vielen Bereichen dem ganzheitlichen Ansatz der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), die Körper und Seele nie isoliert von einander betrachtet, immer weiter an. Dr. Thomas Ruprecht, Mediziner bei der Techniker Krankenkasse (TK), beschreibt die grundlegenden Unterschiede zwischen westlicher und fernöstlicher Medizin und erklärt deren wesentliche Diagnose- und Behandlungsansätze.

Frage: Gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen westlichem und östlichem Denken in der Medizin?

Dr. Thomas Ruprecht: Ja, die gibt es. Unsere moderne, naturwissenschaftlich begründete Medizin ist eine vorwiegend auf den Körper bezogene Wissenschaft, auch wenn psychische und soziale Faktoren zunehmend Berücksichtigung finden.

Kranksein ist im Westen mit messbaren Veränderungen verknüpft. Es wird vorrangig als Fehlfunktion von physikalisch-chemischen und biologischen Mechanismen angesehen, die korrigiert werden können. In der Traditionellen Chinesischen Medizin – TCM abgekürzt – gibt es keine Trennung zwischen Körper, Seele und Geist. Sie basiert auf der Annahme, dass der menschliche Körper Krankheiten bewältigen und sich wieder erholen kann, wenn er sich im Gleichgewicht der beiden Polaritäten Yin und Yang befindet.

Einfach gesagt steht Yin dabei für Materie, Yang für Energie – und beides geht fließend ineinander über. Chinesische Ärzte verstehen den Menschen als energetisches Gefüge. Das "energetische Potenzial" nennen sie Qi. Es durchströmt den Menschen demnach wie Flüsse und Seen eine Landschaft. Die alte Medizin geht davon aus, dass das Qi auf definierten Bahnen fließt, den so genannten Meridianen. Diese leiten die Energie durch den Körper.

Frage: Wie entstehen denn laut TCM Erkrankungen?

Dr. Thomas Ruprecht: Krankheiten schreibt die Traditionelle Chinesische Medizin einem Zusammenspiel von vielen verschiedenen Faktoren zu. Sie unterscheidet dabei äußere klimatische und innere emotionale Einflüsse. Äußere Faktoren sind etwa Hitze und Kälte, innere Faktoren zum Beispiel psychische Belastungen oder auch ein Übermaß an bestimmten Gefühlen wie Angst, Wut oder Traurigkeit.

Frage: Und was passiert demnach, wenn ein Mensch krank ist?

Dr. Thomas Ruprecht: Nach chinesischer Vorstellung ist das harmonische Fließen der Lebensenergie Qi gestört, wenn ein Mensch krank ist. Es liegt entweder eine Fülle oder eine Schwäche der Lebensenergie in den Organsystemen und den Meridianen vor. Dabei führt eine Schwäche des Qi dazu, dass die entsprechenden Organe nicht mehr richtig funktionieren oder es ganz allgemein zu Symptomen wie Müdigkeit, Stimmungstiefs, Blässe oder niedrigem Blutdruck kommt.

Eine Fülle der Lebensenergie führt dagegen zu einer überschießenden Reaktion der entsprechenden Organsysteme. Ein Hauptsymptom von Füllestörungen ist die Hitze. Sie kann zum Beispiel auf ein Gelenk beschränkt sein, oder auch als Fieber den ganzen Körper betreffen. Auch akute, krampfartige und stechende Schmerzen können die Folge sein, und die Betroffenen sind innerlich oft unruhig und nervös.

Frage: Wie kommt nun der chinesische Arzt zu einer Diagnose?

Dr. Thomas Ruprecht: Der Weg zu einer Diagnose ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin anders als in der westlichen Medizin. Der chinesische Arzt benutzt vor allem seine Sinne – also Betrachten und Sehen, Hören und Riechen, Erfragen und Tasten –, um anhand der Symptome, der äußeren Erscheinung des Patienten und der körperlichen Untersuchung ein so genanntes Disharmoniemuster zu ermitteln.

Frage: Und was ist ein Disharmoniemuster?

Dr. Thomas Ruprecht: Ein Disharmoniemuster kann man sich in etwa vorstellen als das, was im Westen als Syndrom bezeichnet wird, also die Summe verschiedener Symptome. Ein Syndrom im chinesischen Sinne meint jedoch auch ihre Ursache und Interpretation nach den Vorstellungen des traditionellen Medizinsystems.

Das Disharmoniemuster beschreibt ein Ungleichgewicht im Körper des Patienten und umfasst dabei seine gesamten Gestalt. So kommt der chinesische Arzt nicht zu einer speziellen, isolierten Krankheit oder zu präzisen organischen Ursachen. Man muss sich eine chinesische Diagnose als eine fast poetisch klingende Beschreibung des ganzen Patienten vorstellen. Dennoch ergibt sich daraus für den Arzt eine definierte Art der Behandlung und ein klares Behandlungsziel.

Aktualisiert: 19.11.2015
Autor*in: TK

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