Was ist Anästhesie?

In der modernen Medizin beschreibt die Anästhesie einerseits den Zustand der Empfindungslosigkeit, welcher zur Durchführung von Operationen angestrebt wird, und andererseits die Methode selbst, um diesen Zustand herbeizuführen. Hierfür werden spezielle schmerz- und bewusstseinshemmende Medikamente, sogenannte Anästhetika, verabreicht. Unter Vollnarkose oder Lokalanästhesie können am Patienten auf diesem Wege Eingriffe vorgenommen werden, welche früher noch unvorstellbar waren.

Funktion der Anästhesie in der Intensivmedizin

Die gängigste Anästhesieform ist die Allgemeinanästhesie, die auch Narkose genannt wird. Sie wirkt auf den gesamten Körper ein und dient dem schmerzfreien Vollzug von operativen Eingriffen. Der Zustand der Narkose wird durch die intravenöse oder inhalative Verabreichung von Medikamenten (Anästhetika) erreicht und zeichnet sich durch Bewusstseinsverlust, Eindämmung bestimmter Bereiche des Nervensystems, Muskelentspannung und der Ausschaltung des Schmerzempfindens aus. Normalerweise haben Patienten nach dem Erwachen aus einer Narkose Gedächtnislücken. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer Amnesie.

Die Lokalanästhesie (Regionalanästhesie) ist ein Verfahren zur örtlichen Betäubung. Dabei wird lediglich die Schmerzausschaltung durch medikamentöse Einwirkung auf das Nervensystem angestrebt. Das Bewusstseinsempfinden des Patienten bleibt bei einer Lokalanästhesie unbeeinträchtigt.

Für gewöhnlich erfolgt die Lokalanästhesie über eine Injektion im Bereich des Rückenmarks, wie es bei der Periduralanästhesie oder Spinalanästhesie der Fall ist. Hierfür wird zuvor meist eine Oberflächenanästhesie durch Auftragen von Salben, Gelen, Sprays oder Pflastern auf die Haut durchgeführt.

Erste Gehversuche der Anästhesiologie

Bereits im Mittelalter verwendeten Priester und Mönche neben Gebeten auch Alkohol und schmerzlindernde Pflanzen im Zuge ihrer Heilpraktiken. Zudem gab es eine Reihe unsanfter Techniken zur Betäubung von Schmerz während einer Behandlung. Hierzu zählten beispielsweise der Aderlass oder die Kompression von Blutgefäßen zur Betäubung bestimmter Gliedmaßen. Diese Methode war sehr gefährlich, denn sie konnte zu Infektionen und sogar zu Bewusstlosigkeit führen.

Trotz der anfänglich rohen Methoden verfolgte die Anästhesie seit jeher nur ein Ziel: die Schmerzfreiheit des Patienten bei medizinischen Eingriffen. Hierfür wusste man schon früh die anästhetische Wirkung von Pflanzenextrakten zu nutzen. Einige pflanzliche Substanzen wie Curare oder Opium (Morphium) finden noch heute Anwendung in der Anästhesie.

Anfänge der inhalativen Anästhesie

In der Frühen Neuzeit erlangte die Wissenschaft neue Kenntnisse über gasförmige Teilchen. Dieses Wissen nutzte man auch in der Anästhesie und Intensivmedizin. Ein neues Narkoseverfahren stellte die Verabreichung von gasförmigen Anästhetika durch Inhalation über die Lunge des Patienten dar. Ein Nachteil der inhalativen Anästhesie war allerdings die langsame Ansammlung des Gases im Organismus. Zudem benötigte der Körper ebenso viel Zeit, um sich von der Narkose zu wieder zu erholen. Lachgas, Chloroform und Äther fanden als die ersten gasförmigen Betäubungsmittel Anwendung in der Anästhesie.

Lachgas war eines der ersten gasförmigen Substanzen, welches zunächst als Rausch- und Lustmittel konsumiert wurde. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden erste Versuche gestartet, Lachgas als Anästhetikum in der Zahnmedizin einzusetzen.

Chloroform fand vorwiegend Einsatz in der Geburtshilfe. Allerdings verfügt Chloroform über eine sehr giftige und hoch explosive Eigenschaft, an denen viele Patienten starben.

Vor- und Nachteile von Äther als Anästhetikum

Bereits in geringer Konzentration konnte mit Äther eine ausreichende Schmerzausschaltung erzielt werden. In narkotischer Dosis dieses Anästhetikums kam es zu einer Muskelerschlaffung des Patienten, jedoch ohne schwere Atemdepression. Dadurch schaffte man gute Operationsbedingungen während einer Narkose.

Obwohl Äther als Anästhetikum weniger gefährlich war als Chloroform, so hatte auch dieses anästhetische Medikament gesundheitsgefährdende Eigenschaften. Durch die Anästhesie mit Äther wurden die Atemwege der Patienten stark gereizt. Außerdem löste das neuentdeckte gasförmige Anästhetikum Erbrechen und starken Hustenreiz aus. Im schlimmsten Fall konnte durch Inhalation von Äther eingeleitete Narkose zum Atemstillstand führen.

Dennoch wurde 1846 die erste erfolgreiche Äther-Narkose der Geschichte zur Behandlung eines Unterkiefertumors in Boston durchgeführt. Nur einige Monate später nutzte man auch in London Äther als Anästhetikum während einer Oberschenkelamputation. Seither wurde Äther als Anästhetikum zur Einleitung einer Inhalationsnarkose weltweit bekannt.

Die intravenöse Anästhesie

Die Verabreichung schmerzstillender Medikamente über die Vene ist seit der Erfindung der Spritze und damit lange vor der Entwicklung der Anästhesie bekannt. Bereits im 17. Jahrhundert hatte man die intravenöse Anästhesie mittels Opium an Hunden erprobt. Dennoch fand die intravenöse Anästhesie zur Schmerzausschaltung erst 1946 Einzug in die Medizin.

Vorteile der intravenösen Anästhesie:

Gasförmige Narkosemittel haben die Eigenschaft alle vier Komponenten einer Narkose, nämlich Bewusstsein, Schmerz, Muskeltätigkeit und die vegetativen Stressreaktionen gleichzeitig auszuschalten. Darum war die inhalative Anästhesie, also die Narkotisierung des Patienten durch Inhalation von Gasen wie Lachgas, Chloroform oder Äther, nur schwer steuerbar.

Das intravenöse Verfahren der modernen Anästhesie ermöglicht es, jede Komponente einzeln auszuschalten. Dadurch kann die Verabreichung von anästhetischen Medikamenten auf den Patienten individuell abgestimmt werden. Somit wird die Durchführung einer Narkose erheblich erleichtert.

Anästhesieverfahren heute

Mit der Aufnahme des „Facharztes für Anästhesie“ 1953 in die Ärztliche Berufsordnung in Deutschland, erfolgte die offizielle Anerkennung der Anästhesie als eigenständiges medizinisches Fachgebiet. Viele der im Laufe der folgenden Jahre eingeführten Opiate und Hypnotika wie Fentanyl, Bupivacain, Midazolam, Sevofluran, Remifentanil und Propofol sind heute wichtige Anästhetika der Intensivmedizin und Schmerztherapie.

Die Entwicklung synthetischer Medikamente ermöglicht den Fachärzten und Anästhesisten heute eine exakte Dosierung der Narkosemittel. Gefährliche Zwischenfälle während einer Operation werden damit zunehmend seltener.

Mittlerweile ist die Anästhesie so weit fortgeschritten, dass medizinische Eingriffe schmerzfrei durchgeführt werden können. Hatte man zeitweise zur Einleitung einer inhalative Anästhesie noch einen Luftröhrenschnitt setzen müssen, wird der Beatmungstubus heutzutage direkt in Mund- oder Nasenraum eingeführt. Diese Methode ist nicht nur schonender, sondern auch mit einem geringeren Infektionsrisiko verbunden.

Nach wie vor ist die Anästhesie am Ausbau ihrer Narkoseverfahren zum Wohle des Patienten interessiert. Dennoch ist jede Narkose mit einem Risiko verbunden. Darum sollten Sie folgende Regeln beachten:

  • Seien Sie vor jeder Narkose nüchtern.
  • Halten Sie sich an die Anweisungen des Anästhesisten.
  • Lesen Sie sich das Informationsblatt Ihres Anästhesisten genau durch.
  • Klären Sie Ihren Anästhesisten über eventuelle (Vor-)Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Infektionen auf.
  • Setzen Sie Ihren Körper nur dann einer Narkose aus, wenn dies medizinisch erforderlich ist.
     

Aktualisiert: 25.09.2018 – Autor: Miriam Erb

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