COVID-19 und Grippe im Vergleich: Was ist gefährlicher?

Kranke Frau im Bett: Grippe oder COVID-19? © iStock.com/Thomas_EyeDesign

Die Meinungen zu den Kontaktbeschränkungen und der Schwere der durch das Virus SARS-CoV-2 ausgelösten Erkrankung COVID-19 gehen auseinander. Sowohl in der Bevölkerung als auch unter Wissenschaftlern wird diskutiert, wie man angemessen mit der aktuellen Coronavirus-Pandemie umgehen sollte. Oft wird zum Vergleich die jährliche Grippe (Influenza) herangezogen, die ebenfalls zahlreiche Todesfälle verursacht. Inwiefern man die beiden Erkrankungen vergleichen kann, was sie gemeinsam haben und welche gravierenden Unterschiede sie trennen, lesen Sie in diesem Artikel.

Wie wird berechnet, wie viele Menschen an COVID-19 oder der Grippe verstorben sind?

Wenn man versucht, die Gefährlichkeit der beiden Erkrankungen zu vergleichen, wird oft die Anzahl der jeweiligen Todesopfer verglichen. Eine große Schwierigkeit stellt dabei jedoch die Berechnung dieser Zahlen dar.

Die Anzahl an Menschen, die jährlich an der Grippe versterben, wird durch die sogenannte "Übersterblichkeit" (Exzess-Mortalität) beschrieben. Sie gibt an, wie viel mehr Menschen in einem bestimmten Zeitraum im Vergleich zur durchschnittlichen Todesrate der Vorjahre gestorben sind.

Dabei wies die Grippesaison 2017/2018 die höchste Rate der Übersterblichkeit durch die Grippe in den letzten Jahren auf. Die erfassten Schwankungen der Sterblichkeit erstrecken sich dabei in der Regel von Mitte Dezember bis Mitte März des Folgejahres.

Die Anzahl an Menschen, die an der Erkrankung COVID-19 verstorben sind, wird derzeit vor allem anhand von Meldezahlen ermittelt. Angaben zur Übersterblichkeit zeigen jedoch ebenfalls eine erhöhte Anzahl an Todesfällen.

Die aktuellen Zahlen werden dabei unter anderem vom deutschen Robert-Koch-Institut (RKI) und der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität (JHU) gemeldet. Die beiden Einrichtungen legen jedoch keine identischen Fallzahlen vor.

Wieso geben das RKI und die Johns-Hopkins-Universität unterschiedliche Zahlen an?

Der Unterschied kommt dadurch zustande, dass das RKI nur offiziell gemeldete Fälle in die Statistik einfließen lässt, die Johns-Hopkins-Universität dagegen ergänzt die offiziell gemeldeten Daten mithilfe von Modellen.

Bis positive Testergebnisse dem RKI gemeldet werden, dauert es seine Zeit. Das liegt daran, dass der positive Test zunächst dem lokalen Gesundheitsamt gemeldet wird, dann der entsprechenden Landesregierung, welche die Daten schließlich dem RKI übermittelt. Dieser Meldeprozess kann bis zu zwei Tage dauern. Zudem werden die Daten beim RKI nur einmal täglich aktualisiert und die Daten können beispielsweise durch überlastete Gesundheitsämter verspätet beim RKI eingehen.

Die Johns-Hopkins-Universität umgeht diese Warteschleife, in dem sie die Daten mithilfe von Modellen und weiteren Quellen ergänzt. Dabei spielen beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Veröffentlichungen der lokalen Behörden eine Rolle.

Wie viele Menschen sterben jährlich an der Grippe?

In dem Zeitraum der Grippewelle 2017/18 sind in Deutschland etwa 25.000 Menschen mehr verstorben, als durchschnittlich innerhalb von einem gleich langen Zeitraum ohne Grippewelle starben. Nachweislich, also mithilfe von Labortests bestätigt, sind dagegen nur 1.674 Menschen an der Grippe verstorben. Die 25.000 Toten kann man aber deshalb auf die Grippe zurückführen, weil es keinen anderen triftigen Grund für vermehrte Todesfälle zu dem Zeitpunkt gibt. Die Zahl wird also anhand von Schlussfolgerungen berechnet.

Die mithilfe der Übersterblichkeit berechnete Anzahl an Grippetoten bewegt sich jährlich in der Regel in einem Raum von mehreren hundert Toten bis hin zu circa 20.000 Todesfällen.

In manchen Jahren wird auch gar keine Übersterblichkeit nachgewiesen. Zwar finden sich auch in diesen Jahren laborbestätigte Influenza-Todesfälle, aber sie bewirken keine erhöhte Anzahl an Todesfällen im Vergleich zu der durchschnittlichen Anzahl aus Monaten ohne Influenza.

Wie viele Menschen sind bisher an COVID-19 verstorben?

Das Robert-Koch-Institut meldet aktuell 178.570 mit dem Coronavirus infizierte Menschen in Deutschland (Stand: 25.05.2020). Die Johns-Hopkins-Universität meldet 180.328& Infizierte (Stand: 25.05.2020), wobei die Differenz durch die oben genannte verschiedene Methodik der Datenerfassung zustande kommt. Außerdem registrierte das RKI 8.257 Todesfälle durch das Virus in Deutschland, während die JHU 8.287 Tote meldete (Stand: 25.05.2020).

Als alternative Berechnungsmethode wurden nun auch neuste Zahlen zur Übersterblichkeit herangezogen, um die Todesfälle durch COVID-19 zu bestimmen. Da diese Methode allerdings sehr unpräzise ist, kommt es im Vergleich zu den gemeldeten Sterbefällen bei diesen Werten zu Unterschieden. Ende März nahm die Gesamtzahl der monatlich in Deutschland verstorbenen Menschen leicht zu. Die Grippewelle gilt jedoch seit Mitte März als beendet, weswegen die Todesfälle eigentlich nicht steigen, sondern sinken müssten. Diese Übersterblichkeit könnte demnach durch die Corona-Pandemie zu erklären sein.

Die Abweichung nach oben war in der 15. Kalenderwoche (6. bis 12. April 2020) am größten. In dieser Woche starben 19.872 Menschen in Deutschland. Von 2016 bis 2019 gab es in der 15. Kalenderwoche durchschnittlich 17.893 Verstorbene. In dieser Woche lag die Übersterblichkeit demnach bei 1.979 Menschen. Gleichzeitig ist die Zahl der Todesfälle seit Mitte April rückläufig.1,2

Laut EuroMOMO, einem Portal, welches die Todesfälle von 24 EU-Staaten seit Jahren zusammenträgt, sind zwischen Mitte März und Mitte April 100.000 Menschen mehr in der EU verstorben als durchschnittlich in den Jahren zuvor. Davon gehören circa 95.000 Fälle der Altersklasse der über 65-Jährigen an.3

Die Zahlen zur Übersterblichkeit sind allerdings erst zeitverzögert darstellbar, weswegen bislang keine aktuelleren Daten vorliegen.

 

Sind die Todeszahlen der Grippe mit denen der Corona-Pandemie vergleichbar?

Selbst wenn man zum Vergleich der Todeszahl von Grippe und COVID-19 keine unterschiedlichen Berechnungsmethoden heranzieht, sondern in beiden Fällen die Übersterblichkeit betrachtet, sind diese Zahlen nur bedingt vergleichbar. Denn wie bereits erklärt ist die Übersterblichkeit kein genauer Wert, da sie keine anderen Einflussfaktoren miteinbezieht. Es wird lediglich berechnet, wie viele Menschen mehr verstorben sind, jedoch nicht aus welchem Grund. Ohne eine Aussage über die Ursachen und Zusammenhänge treffen zu können, ist auch ein reiner Vergleich der Zahlen nicht aussagekräftig.

Was die Zahlen verfälschen könnte, lesen Sie im Folgenden.

Wodurch werden die Todeszahlen möglicherweise verfälscht?

Die Todeszahlen können in Bezug auf COVID-19 möglicherweise durch folgende Aspekte beeinflusst werden:

1. Die Übersterblichkeit lässt keine genaue Differenzierung zwischen direkten Krankheitsfolgen des Virus und indirekten Folgen, beispielsweise durch den Ausfall von Kontrollterminen oder Operationen, zu:

  • Menschen mit schweren Erkrankungen gehen derzeit möglicherweise gar nicht oder später zum Arzt, da sie sich vor einer Ansteckung im Wartezimmer fürchten. Das könnte bewirken, dass schwer kranke Menschen durch das Ausbleiben eines Arztbesuchs nicht die Hilfe bekommen, die sie eigentlich benötigen, und vorzeitig ihrer Erkrankung erliegen.
  • Auch könnte das Ausfallen von Operationen zu einer erhöhten Sterblichkeit führen, die nur indirekt mit dem neuartigen Coronavirus zusammenhängt.
  • Durch das Fehlen von Sozialkontakten und die möglicherweise schlechtere Versorgung psychisch kranker Menschen in Zeiten der Corona-Pandemie könnten zudem die Suizidraten steigen.;

2. Selbst bei einer nachgewiesenen COVID-19-Erkrankung sind Todeszahlen mitunter schwer zu bestimmen:

  • Die Exzess-Mortalität kann nicht differenzieren, ob ein Patient tatsächlich an der Erkrankung verstirbt oder an anderen, von dem Virus unabhängigen Erkrankungen. So stellt sich doch die Frage, ob ein Patient, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde und nach einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt verstirbt, letztendlich an diesem oder an COVID-19 verstorben ist. Aus diesem Grund könnte die Anzahl der an COVID-19 verstorbenen Patienten zu hoch angesetzt werden.
  • Außerdem versterben die Menschen nicht direkt nach ihrer Infektion an der Krankheit, sondern meistens Wochen danach. Aus diesem Grund können einige Patienten, die infiziert, aber (noch) nicht gestorben sind, aktuell noch gar nicht korrekt in die Statistik einfließen.
  • Des Weiteren könnten auch einige infizierte Menschen verstorben sein, bei denen kein Nachweis des Coronavirus erfolgte. Das würde bewirken, dass es eine Dunkelziffer an Personen gäbe, die unbekannterweise an dem Virus verstorben sind. So sind beispielsweise in Italien aufgrund fehlender Behandlungskapazitäten einige Patienten verstorben, ohne behandelt oder getestet worden zu sein. Diese Todesfälle beeinflussen zwar nicht die Übersterblichkeit, aber die Statistik der COVID-19-Verstorbenen.

3. Auf der anderen Seite können die allgemeinen Todeszahlen durch indirekte Folgen auch gesenkt werden:

  • So könnte durch das verminderte Reisen die Anzahl der Autounfälle abnehmen.
  • Außerdem soll die verbesserte Luftqualität durch das verminderte Reisen circa 11.000 frühzeitige Todesfälle in Europa verhindern. Demnach würde es eine kleinere Übersterblichkeit geben, obwohl viele Menschen an COVID-19 verstorben sind.

Aufgrund der benannten Störfaktoren, die Einfluss auf die Zahlen der Übersterblichkeit nehmen, ist es derzeit nicht möglich, eine zuverlässige Anzahl Verstorbener auf diese Weise zu benennen. Das erschwert den Vergleich der Todeszahlen – und somit der Sterblichkeit – mit denen der Grippesaisonen der letzten Jahre erheblich.

Was sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Krankheiten?

Die Inkubationszeit beschreibt den Zeitraum von der Ansteckung mit einem Virus bis zum Beginn der Symptome der Erkrankung. Für die Grippe liegt sie im Mittel bei ein bis vier Tagen. Für COVID-19 beträgt sie im Durchschnitt etwas länger, nämlich fünf bis sechs Tage. Dadurch werden Personen, die an COVID-19 erkranken, später symptomatisch als Personen, die an der Grippe erkranken. Möglicherweise bleiben sie erst später zu Hause und stecken potenziell in der Zeit, in der sie keine Symptome bemerken, mehr Personen an. Außerdem scheinen einige Personen, die an COVID-19 erkranken, überhaupt keine Symptome auszubilden, was ein unvorsichtigeres Verhalten begünstigen könnte.

Die Risikogruppen für schwere Verläufe sind sich bei beiden Erkrankungen sehr ähnlich. Vornehmlich sind ältere Personen mit Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus oder chronischen Lungenerkrankungen betroffen. Dabei waren 87 Prozent der an COVID-19 Verstorbenen in Deutschland nach aktuellem Stand 70 Jahre oder älter, das mittlere Alter lag bei 82 Jahren.4

Im Gegensatz zur Grippe zählen Kinder und Schwangere im Falle von COVID-19 nicht zu den Risikogruppen. Jedoch sind die Auswirkungen auf diese beiden Gruppen noch nicht ausreichend geklärt, weshalb Experten keine Entwarnung in Bezug auf die potenzielle Gefährdung geben.

Was ist an COVID-19 gefährlicher als an der Grippe?

Einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Erkrankungen stellt die Verfügbarkeit eines Impfstoffes dar. Während für die Grippe jedes Jahr ein neuer Impfstoff bereitgestellt wird, ist aktuell noch kein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 verfügbar. Für Angehörige von Risikogruppen fehlt daher eine wirksame Möglichkeit zum Schutz vor der Erkrankung.

Zudem ist die Grippe keine neu aufgetretene Krankheit für die Menschheit, sondern eine, die jedes Jahr erneut auftritt. Zwar ist das Virus sehr wandlungsfähig, jedoch können Menschen, die sich im vorherigen Jahr mit der Grippe angesteckt haben, im nachfolgenden Jahr gegen das Virus geschützt sein, wenn es sich nicht zu stark gewandelt hat. Wenn sich in einem Jahr das Virus demnach nur geringfügig im Vergleich zum Vorjahr verändert ist, dann fällt die Grippewelle deutlich milder aus. Das liegt an der sogenannten "Grundimmunität" der Bevölkerung, die beschreibt, wie viele Menschen gegen die Erkrankung immun, also bereits geschützt, sind.

SARS-CoV-2 ist ein neuartiges Virus, für das keine Grundimmunität in der Bevölkerung besteht. Dadurch kann das Virus potenziell eine höhere Ansteckungsrate erreichen und sich damit schnell und weit ausbreiten.

Da die Zahl der Ansteckungen mit dem Coronavirus möglichst gering zu halten, wurden umfangreiche Schutzmaßnahmen ergriffen, wodurch die Fallzahlen massiv gesenkt werden konnten. Eben diese erfolgreichen Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen können auch bewirken, dass das Virus unterschätzt wird. Schließlich ist nur die Anzahl der Betroffenen und Todesfälle bekannt, die mit Kontaktbeschränkungen auftreten. Wie viel höher die Zahl ohne Kontaktbeschränkungen gestiegen wäre, ist unklar.

Während die Grippe zudem nur saisonal auftritt und die Ausbreitung mit steigenden Temperaturen normalerweise von selbst nachlässt, scheint dies nach aktuellem Stand der Forschung bei SARS-CoV-2 nicht der Fall zu sein.

Fehlende Behandlungsmöglichkeiten

Ein weiterer Unterschied findet sich in den Behandlungsmöglichkeiten der beiden Erkrankungen. Für die jährliche Influenza stehen Medikamente parat, die beispielsweise in den Zyklus des Virus eingreifen. Dabei sollen sie etwa verhindern, dass das Virus aus der Zelle, die es befallen hat, in den Organismus des Menschen freigesetzt wird. Dadurch können die Krankheitsdauer verkürzt und die Symptomatik abgemildert werden.

Zur Bekämpfung des neuartigen Coronavirus sollen bereits bestehende Medikamente, die gegen andere Viren, wie beispielsweise gegen HIV oder Ebola wirken, umfunktioniert werden. Aktuell gibt es jedoch noch kein Medikament, welches gesichert gegen SARS-CoV-2 helfen kann. Deshalb können bisher nur die Symptome, wie beispielweise Fieber oder Halsschmerzen, behandelt werden, jedoch nicht die Krankheit selbst. Der Körper muss das Virus selbst bekämpfen, was vor allem für das Immunsystem von älteren oder bereits kranken Menschen eine Herausforderung darstellt.

Auch in der Therapie der Influenza steht die Reduktion der Symptome im Vordergrund, es sind jedoch zusätzlich die bereits erwähnten Medikamente verfügbar.

Fazit: Was ist gefährlicher – COVID-19 oder die Grippe?

Die aufgezählten Probleme zeigen, dass COVID-19 eine Erkrankung ist, die man nicht unterschätzen sollte. Welche Erkrankung letztendlich gefährlicher ist, kann aktuell jedoch noch nicht beantwortet werden. Das liegt zum einen daran, dass die aktuellsten und vor allem auch die finalen Zahlen der Corona-Pandemie noch gar nicht vorliegen, und zum anderen daran, dass die Übersterblichkeit keine genaue Angabe liefern kann, ob alle zusätzlichen Todesfälle wirklich durch die Erkrankung COVID-19 verschuldet sind, oder ob sie andere Ursachen haben.

Aktualisiert: 30.07.2020 - Autor: Silvana Schönit, Studentin der Humanmedizin

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