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Immunitätsausweis nach Coronainfektion: Ja oder Nein?

Mann mit Immunitätsausweis nach Coronavirus-Infektion © iStock.com/doble-d

Hinter dem Immunitätsausweist steckt die Idee, dass Menschen nach überstandener Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 eine Bescheinigung über ihre Immunität erhalten. Damit sollen es immune Menschen zukünftig leichter im Leben haben. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Vorteile des Immunitätsausweises bei COVID-19

Wer eine COVID-19-Erkrankung durchgemacht hat und genesen ist, soll zukünftig in Deutschland einen Immunitätsausweis erhalten. So sehen zumindest die Pläne von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aus. Der Immunitätsausweis war ursprünglich Teil des neuen Infektionsschutzgesetzes, das Anfang Mai vom Bundeskabinett beschlossen wurde. Obwohl dieser Passus letztendlich doch aus dem Gesetzentwurf gestrichen wurde, hält Spahn die Einführung eines solchen Ausweises weiterhin für erforderlich. Für die weitere Diskussion zum Immunitätsausweis hat er daher den Ethikrat um eine Einschätzung zum Thema gebeten.

Mit diesem Dokument sollen es immune Menschen im Alltag leichter haben: Sie könnten ohne Kontaktbeschränkungen ihrer Arbeit nachgehen oder Menschen aus Risikogruppen unterstützen, indem sie Besorgungen erledigen. Besonders wichtig wäre das für Menschen, die beruflich viel Kontakt zu anderen haben: Zum Beispiel Ärzte, Krankenpfleger, Lehrer, Polizisten, Bedienungen oder Fahrer von öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie könnten ohne die bisher geltenden Vorsichtsmaßnahmen arbeiten, da sie nicht Gefahr laufen würden, sich erneut mit dem Coronavirus zu infizieren.

Auch in anderen Ländern wird über die Einführung eines solchen Passes diskutiert. Denkbar wäre, dass zukünftig ein Nachweis zur Immunität gegenüber SARS-CoV-2 zur Bedingung für die Einreise in ein Land wird. In Ländern mit hohem Risiko für Gelbfieber beispielsweise ist dies bereits seit langem gängige Praxis. Auch deshalb plädiert Spahn für die Einführung des Immunitätsausweises in Deutschland.

 

WHO warnt vor Immunitätsausweis

Bisher warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) allerdings ausdrücklich vor einem Dokument zur Immunität nach einer überstandenen Coronavirus-Infektion. Schließlich sei wissenschaftlich bis jetzt nicht nachgewiesen, dass Menschen nach einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus tatsächlich (dauerhaft) immun sind. Hierzu sind weitere Untersuchungen und Daten aus Langzeitstudien erforderlich, bevor eine allgemeingültige Aussage getroffen werden kann.

Spaltung der Gesellschaft als Folge

Die Einführung eines Immunitätsausweises kann auch Gefahren bergen. Denn die Gesellschaft würde sich zwangsläufig in zwei Gruppen mit unterschiedlichen Privilegien und Verhaltensregeln teilen. Diejenigen mit Immunität dürften ihr Leben normal fortführen – ohne Kontaktbeschränkungen, Mindestabstand zu anderen Menschen und eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Für die zweite Gruppe ohne Ausweis würde all das jedoch weiterhin gelten.

Eine solche Spaltung der Gesellschaft würde vermutlich große soziale Spannungen und Konflikte hervorrufen. Zumal sich die Menschen wohl ungleich behandelt fühlten – obwohl vor dem Grundgesetz in Deutschland alle gleich sind. Um dieses Ungleichgewicht zu lösen, besteht die Gefahr, dass sich Menschen absichtlich mit dem Coronavirus anstecken lassen würden. In der Folge könnte die Zahl der Infizierten wieder stark ansteigen – je nach Anzahl der Beteiligten wären bei sogenannten Corona-Parties die Infektionsketten wahrscheinlich nicht mehr nachvollziehbar.

Datenschutz: Arbeitgeber sollen über Immunität informiert werden

Laut Entwurf zum neuen Infektionsschutzgesetz soll im Impfpass auch der Immunstatus abgebildet werden. Darüber hinaus soll der Arbeitgeber die Daten seiner Arbeitnehmer zu Impfstatus und Immunität verarbeiten dürfen – das gilt sowohl für Krankheiten, denen durch eine Impfung vorgebeugt werden kann, als auch für Krankheiten wie COVID-19, für die es bisher noch keinen Impfstoff gibt. Diese Änderung ist jedoch hinsichtlich des Datenschutzes wichtig: Denn im Grundgesetz ist die informationelle Selbstbestimmung festgesetzt und außerdem, inwieweit medizinische Daten des Einzelnen verarbeitet werden dürfen.

Quellen und weitere Informationen

Aktualisiert: 05.06.2020 – Autor: Dagmar Schüller

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