Coronavirus: Impotenz oder erektile Dysfunktion durch COVID-19?

Banane mit Mundschutz © Getty Images/PAVEL IARUNICHEV

Ob anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder eine eingeschränkte Lungenfunktion – die Liste der bereits bekannten Spätfolgen, die nach einer Infektion mit dem Coronavirus auftreten können, ist lang. Nun könnten weitere Folgen für Männer hinzukommen. Immer wieder wird über einen möglichen Zusammenhang zwischen COVID-19 und dem Auftreten von Impotenz oder erektiler Dysfunktion diskutiert. Auch Spekulationen über mögliche Auswirkungen der Corona-Impfung auf Sexualität und Fruchtbarkeit halten sich hartnäckig. Wie begründet sind diese Vermutungen? Mehr zum aktuellen Kenntnisstand und neuesten Studienergebnissen lesen Sie hier.

Impotenz und erektile Dysfunktion – was ist das überhaupt?

Impotenz und erektile Dysfunktion (ED) beim Mann werden im allgemeinen und medizinischen Sprachgebrauch häufig gleichbedeutend verwendet. Im Folgenden wird der Begriff Impotenz im Sinne von Sterilität gebraucht – sprich, wenn ein Mann (oder auch eine Frau) zeugungsunfähig (unfruchtbar) ist. Unterschiedliche Erkrankungen können eine Impotenz auslösen. Der Geschlechtsverkehr selbst kann in der Regel vollzogen werden und ist durch die Impotenz nicht beeinträchtigt.

Bei einer erektilen Dysfunktion ist genau das Gegenteil der Fall: Leidet ein Mann unter einer ED, kann die Erektion nicht oder nicht lange genug aufrechterhalten werden, um den Geschlechtsverkehr auszuüben. Eine ED kann chronisch sein, aber auch spontan auftreten. Die häufigste Ursache von erektilen Dysfunktionen sind Durchblutungsstörungen, aber auch psychische Beschwerden, Alkoholmissbrauch oder bestimmte Medikamente können eine ED auslösen.

Coronavirus und Impotenz – was steckt dahinter?

Es gibt Hinweise darauf, dass die Spermienproduktion durch eine COVID-19-Erkrankung beeinträchtigt werden kann. Daher könnte sich die Infektion vermutlich auf die Zeugungsfähigkeit auswirken. Umfassende Studien zu dieser Thematik gibt es bisher nicht.

Chinesische Forscher*innen vermuten, dass die Spermienproduktion durch eine erhöhte Immunantwort der Hoden oder durch eine Schädigung von Zellen in den Hoden beeinträchtigt werden könnte. Bei den untersuchten Männern stellten sie eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen (als Zeichen einer Immunreaktion) oder degenerierte Keimzellen in den Hoden fest. Insgesamt wurden im Rahmen der Studien jedoch nur 30 Personen untersucht, weshalb die Aussagekraft der Studie begrenzt ist.

Theoretisch besteht laut Mediziner*innen jedoch die Möglichkeit, dass das Coronavirus über ACE-Rezeptoren, mit denen es an die Zellen andockt, auch die Zellen der Hoden befällt. In den sozialen Medien wird dies als "Hodencovid" bezeichnet. Tatsächlich sind vereinzelt Fälle von Männern bekannt, die nach Hodenschmerzen positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Dabei hatte SARS-CoV-2 in den Hoden Entzündungsreaktionen ausgelöst.

Nach aktuellem Kenntnisstand gilt eine direkte Infektion der Hoden durch das Coronavirus aber als eher selten. Bei entsprechenden Symptomen konnte jedoch auch DNA-Material des Virus im Hodengewebe festgestellt werden.

Ähnliche Folgeerscheinungen sind bereits von Infektionen mit SARS-CoV-1, dem Zika-Virus und Mumps bekannt. Bei diesen Erkrankungen kam es bei circa 20 Prozent der Betroffenen zu einer verschlechterten Spermienproduktion.

Inwieweit eine derartige Beeinträchtigung der Spermienproduktion nach einer COVID-19-Erkrankung bestehen bleibt, ist bisher noch offen. Zudem müssen nicht immer beide Hoden von der Infektion betroffen sein.

Begünstigt COVID-19 eine erektile Dysfunktion?

Aktuell gibt es noch wenige Daten zu einem potenziellen Zusammenhang zwischen einer COVID-19-Erkrankung und dem Auftreten einer erektilen Dysfunktion bei Männern. Durch Ärzt*innen werden jedoch immer wieder Fälle von ED gemeldet, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion aufgetreten sind. Dabei zeigen sich die Beschwerden häufiger nach schweren oder mittelschweren Verläufen, seltener nach milden.

Eine britische Studie hat mögliche Zusammenhänge zwischen COVID-19 und dem Auftreten von erektilen Dysfunktionen untersucht. Sie kam zu dem Ergebnis, dass folgende Beschwerden durch eine Infektion mit dem Coronavirus die Entstehung einer ED begünstigen könnten:

  • subklinischer Hypogonadismus, also die Abnahme von Testosteron und/oder der Spermienproduktion
  • psychische Beschwerden durch die Infektion
  • Beeinträchtigung der Hämodynamik, also des Blutflusses in Blutgefäßen
  • Verschärfung bestehender kardiovaskulärer Probleme, also von Problemen, die Herz und Gefäße betreffen

Auch die Entzündung von Gefäßen, die im Rahmen einer Coronavirus-Infektion eine Rolle spielen kann, könnte zur Entstehung einer erektilen Dysfunktion beitragen.

Kommt es zu einer ED, wird sie mit Phosphodiesterase-5-Hemmern behandelt. Meistens führt eine ärztliche Behandlung zu einer Besserung der Symptomatik. Langzeitdaten zur Behandlung einer ED nach einer COVID-19-Infektion liegen bisher jedoch noch nicht vor.

Unfruchtbarkeit durch Corona-Impfung?

Neben einer erektilen Dysfunktion oder Impotenz als möglichen Folgen einer Coronavirus-Infektion kursiert vor allem im Internet auch das Gerücht, eine Corona-Impfung könne eine Impotenz auslösen.

Im Rahmen einer US-amerikanischen Studie wurde diese These bereits widerlegt: Forscher*innen der Universität von Miami nahmen von 45 gesunden Männern Spermienproben – einmal vor der Impfung und einmal nach Erhalt der zweiten Impfdosis. Die Qualität und Anzahl der Spermien blieben unverändert. Die Studie bezog sich auf eine Impfung mit einem mRNA-Impfstoff. Vektor-Impfstoffe wurden nicht untersucht. Allerdings gibt es auch hier bisher keine Hinweise, dass solche Corona-Impfstoffe eine Impotenz auslösen könnten.

Ein ähnliches Gerücht betrifft eine mögliche Unfruchtbarkeit von Frauen durch die Corona-Impfung. Dieser Mythos beruht darauf, dass ein Teil des Spike-Proteins des Coronavirus, gegen das der Körper durch die Impfung Antikörper bildet, angeblich einem Protein ähnele, welches für den Aufbau der Plazenta eine Rolle spiele.

Wäre diese Theorie richtig, würde die Impfung durch eine Immunreaktion dazu führen, dass sich die Plazenta nicht richtig aufbauen könnte. Belege für diese Annahme fehlen jedoch. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Proteinen gilt als äußerst gering, weshalb eine "Verwechslung" durch das Immunsystem Fachleuten zufolge ausgeschlossen werden kann.

Auch entsprechende Komplikationen bei Frauen, die in der Schwangerschaft geimpft wurden, sind nicht bekannt. Darüber hinaus wurde auch bei Frauen, die bereits mit dem Coronavirus infiziert waren, bisher keine Unfruchtbarkeit als Folge der Erkrankung festgestellt. Da durch die Erkrankung viel mehr Spike-Proteine in den Körper gelangen als durch die Impfung, müsste dieser Effekt nach einer COVID-19-Erkrankung umso stärker auftreten, was jedoch nicht der Fall ist.

Fazit: Impotenz durch Corona möglich, durch Impfung nicht

Körperliche Symptome, die durch eine Infektion mit dem Coronavirus ausgelöst werden, können mutmaßlich die Entstehung einer erektilen Dysfunktion begünstigen. Auch die Produktion von Spermien und der Testosteronspiegel im Körper können beeinträchtig werden. Genauere Angaben über die Häufigkeit und die Dauer solcher Beschwerden liegen zum aktuellen Zeitpunkt aber noch nicht vor. Besteht der Verdacht auf eine ED oder eine Impotenz, sollte immer ärztlicher Rat gesucht werden, um die bestmögliche Behandlung zu ermöglichen.

Für die Entstehung einer Impotenz bei Männern oder Frauen durch die Corona-Impfung gibt es keine wissenschaftlichen Belege.

ICD-Codes für diese Krankheit:
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für Diagnosen, die Sie z.B. auf Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen finden.
N48.-, U09.-!

Aktualisiert: 03.09.2021 - Autor: Jasmin Rauch, Medizinredakteurin

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