Langzeitfolgen und Komplikationen von Corona

Ärztin hört Patienten mit Stethoskop ab © iStock.com/wutwhanfoto

Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht die Lungenkrankheit COVID-19. Doch nicht bei allen Infizierten heilt die Krankheit vollständig aus. Inzwischen bezeichnen Ärzte diesen Umstand als Post-COVID-Syndrom. Welche Langzeitfolgen sind nach überstandener Corona-Infektion möglich?

COVID-19 ist eine Multisystemerkrankung

Da Corona und die daraus resultierende Erkrankung COVID-19 neu sind, wissen Ärzte und Virologen bisher zu wenig, um allgemeingültige Aussagen über die Prognose einer Infektion treffen zu können. Allerdings ist inzwischen klar, dass Corona alle Organe des Körpers schädigen kann. Denn SARS-CoV-2 bindet an das Enzym ACE2, das sich als Rezeptor auf den Zellen von Lunge, Herzmuskel und weiteren Organen befindet. So gelangt Corona leicht in Zellen des menschlichen Körpers und kann dort Schäden anrichten. Experten sprechen daher davon, dass COVID-19 als Multisystemerkrankung betrachtet werden muss.

Eingeschränkte Lungenfunktion als Langzeitfolge von Corona

COVID-19 ist in erster Linie eine Lungenkrankheit. In schweren Fällen müssen Corona-Patienten invasiv beatmet werden – auch das kann die Lungenfunktion nachhaltig einschränken. Durch die Bettlägerigkeit wird zudem die Atemmuskulatur geschwächt, was die Lungenkapazität einschränkt. Die Sterblichkeit unter beatmeten Patienten ist vergleichsweise hoch im Gegensatz zu nicht beatmeten COVID-19-Patienten. Dabei macht es keinen nennenswerten Unterschied, ob die Beatmung invasiv oder nicht invasiv ist.

Ärzte gehen bisher davon aus, dass sich ein Großteil der Patienten wieder vollständig erholt. Doch bei einigen Menschen wird das Lungengewebe durch die Virusinfektion so stark geschädigt, dass sie noch Wochen nach der Genesung nur eine eingeschränkte Lungenfunktion haben. Sie kann nach überstandener Infektion um 20-30 Prozent zurückgehen. Außerdem zeigten Lungen-Scans von COVID-19-Patienten eine Trübung der Lunge. Im schlimmsten Fall könnte dies auf eine Lungenfibrose hindeuten.

Ob die bisher beobachteten Schäden der Lunge nur vorübergehend sind oder dauerhaft bleiben, können Experten bisher noch nicht sagen. Da das Organ über eine hohe Regenerationsfähigkeit verfügt, stehen die Chancen auf ein vollständiges Ausheilen der Lunge gut.

Folgen von Corona: Nierenerkrankungen und andere Organschäden

Im Verlauf der Erkrankungen kann es zum Ausfall einzelner Organe kommen. Besonders die Niere ist häufig betroffen, weshalb bei beatmungspflichtigen Patienten oft Nierenversagen als Langzeitfolge von Corona beobachtet wird. Betroffene können dann lebenslang dialysepflichtig oder auf eine neue Niere angewiesen sein.

Eine der gefürchteten Folgen von COVID-19 ist zudem das sogenannte Multiorganversagen, bei dem gleich mehrere Organe ihren Dienst versagen. Wird die Erkrankung überstanden, ist dennoch eine langfristige Schädigung der betroffenen Organe möglich. Eine zentrale Rolle bei der Schädigung der Organe spielen vermutlich Gefäßentzündungen, welche die Durchblutung der Organe behindern.

Schäden des Herz-Kreislaufsystems durch Coronavirus

Neben der Lunge kann SARS-CoV-2 auch das Herz befallen – Menschen mit bestehenden Vorerkrankungen des Herz-Kreislaufsystems haben ein besonders hohes Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19. Durch eine Infektion mit Corona können akute Schäden am Herz entstehen:

Auch chronische Schädigungen des Herzens sind möglich, weshalb der kardiovaskuläre Schutz bei der Behandlung von Corona laut Experten besonders wichtig ist. Im Fokus sollten dabei blutverdünnende Medikamente stehen, um Thrombosen vorzubeugen. Eine aktuelle Obduktionsstudie aus Hamburg hatte ergeben, dass es bei COVID-19-Patienten zu einer Gerinnungsaktivierung und einem gehäuften Auftreten von Thrombosen in den Beinvenen sowie Lungenembolien kommt.

Die Herzmuskelentzündung ist eine gefürchtete Komplikation bei anderen Viruserkrankungen wie der Grippe. Auch bei COVID-19 gibt es zunehmend Hinweise auf diese Langzeitfolge von Corona – betroffen sind auch Menschen ohne Vorerkrankung des Herzens. Außerdem wird das Herz zusätzlich belastet, wenn es durch eine Infektion mit Corona zu einer Lungenentzündung kommt. Denn die Blutgefäße verengen sich und das Herz muss gegen den stärkeren Druck anpumpen.

Mögliche neurologische Langzeitfolgen von Corona

Inzwischen sind auch neurologische Komplikationen von COVID-19 bekannt. Es gibt Fallberichte über Patienten mit folgenden Langzeitfolgen nach Corona, die teilweise auch bei mildem Verlauf von Corona auftraten:

  • Guillain-Barré-Syndrom und Miller Fisher-Syndrom: Entzündliche Erkrankungen der Nerven, die zu fortschreitenden Lähmungen führen. Ursache sind überschießende Immunantworten des Körpers, wenn er Corona bekämpft und dabei eigenes Gewebe schädigt.
  • Akute nekrotisierende hämorrhagische Enzephalopathie
  • Meningitis
  • Entzündungen im Gehirn
  • Hirnfunktionsstörungen, darunter Gedächtnisverlust und Reduktion des IQ um bis zu 10 Punkte
  • Nervenschäden

Neurologen beobachten zudem eine erhöhte Rate an Schlaganfällen – unabhängig vom Schweregrad der COVID-19-Erkrankung. Eine Untersuchung aus New York City zeigte, dass auch junge COVID-19-Patienten zwischen 30 und 40 Jahren einen Schlaganfall erlitten. Noch ist jedoch unklar, ob die Schlaganfälle auf die Virusinfektion zurückzuführen sind oder ob die Patienten ohnehin zur Risikogruppe für diese Gefäßerkrankung gehören.

Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn?

Zu den häufig auftretenden Symptomen bei einer Infektion mit Corona zählt der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Innerhalb weniger Wochen erholt sich der Riechnerv bei den meisten Patienten jedoch wieder. Doch von der Grippe ist bereits bekannt, dass eine Infektion zu einem dauerhaften Geruchsverlust führen kann – ähnlich könnte es bei manchen COVID-19-Patienten sein. Grundsätzlich benötigen die Riechzellen bis zu 14 Tage, bis sie erneuert werden, während Geschmackszellen sich erst innerhalb mehrerer Monate neu bilden.

Diabetes als Langzeitfolge von Corona?

Menschen mit Diabetes mellitus gehören zu den Risikogruppen für schwere Verläufe bei einer Corona-Infektion. Umgekehrt könnte COVID-19 aber möglicherweise auch Diabetes auslösen, wie Ärzte im New England Journal of Medicine warnten. Es gibt Berichte von Betroffenen, bei denen nach einer COVID-19 Erkrankung später Typ-1-Diabetes diagnostiziert wurde. Ähnliches war zuvor auch bereits bei der SARS-Pandemie berichtet worden. Ob jedoch tatsächlich Corona dafür verantwortlich ist oder ob es sich um einen Zufall handelt, ist zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht feststellbar. Um die Zusammenhänge zu überprüfen, haben Diabetologen ein Melderegister für Verdachtsfälle ins Leben gerufen.

Bereits seit vielen Jahren wird vermutet, dass die Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes durch Viren ausgelöst werden könnte. Bei dieser Form des Diabetes werden die Zellen des Körpers angegriffen, die für die Produktion von Insulin verantwortlich sind. In der Folge kann der Körper das Hormon, das für die Verarbeitung von Zucker zuständig ist, nicht mehr in ausreichender Menge ausschütten und der Blutzuckerspiegel wird nicht mehr richtig reguliert.

Kawasaki-Syndrom durch Corona bei Kindern?

Auch Kinder und Jugendliche infizieren sich mit dem neuartigen Coronavirus. Die meisten von ihnen zeigten nur sehr milde Symptome der Infektion, dennoch gibt es Berichte über infizierte Kinder mit schwerem COVID-19-Verlauf: Ärzte berichteten zunächst von Symptomen, die dem Kawasaki-Syndrom ähneln – bei der Erkrankung entzünden sich die Gefäßwände im gesamten Körper. Mittlerweile wird für das Syndrom der Name Multisystem inflammatory syndrome in children (MIS-C) oder pädiatrisches entzündliches Multisystem-Syndrom (PIMS) verwendet.

Die mit SARS-CoV-2-infizierten Kinder zeigten etwa einen Monat nach der Infektion typische Symptome des Syndroms: Entzündungen der Blutgefäße, Hautausschlag, anhaltendes Fieber, Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen, Erbrechen und Übelkeit oder Durchfall sowie eine geschwollene Zunge und einen beschleunigten Herzschlag. Als Ursache vermuten Ärzte eine überschießende Immunreaktion auf eine Atemwegsinfektion.

Ob tatsächlich ein Zusammenhang mit Corona besteht, muss noch untersucht werden. Erste Ergebnisse einer US-Studie scheinen den Zusammenhang jedoch zu bestätigen. Die Erkrankung tritt nach ersten Einschätzungen nur sehr selten auf.

Psychische Folgen von Corona

Manche Patienten haben nach einer überstandenen Erkrankung mit psychischen Folgen zu kämpfen: Trotz überstandener Infektion leiden sie unter Angstzuständen, depressiven Phasen oder Psychosen. Betroffene sollten achtsam mit sich umgehen und sich nach der Erkrankung schonen. Je nachdem, wie schwer die Schäden durch das Coronavirus waren, braucht der Körper länger, um sich zu erholen.

Die in Deutschland geltenden Kontaktbeschränkungen und Empfehlungen zum Social Distancing, können psychische Auswirkungen haben. Denn die Menschen sind dazu angehalten, ihre sozialen Kontakte auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren. Durch die Vereinzelung kann es zu Einsamkeit kommen.

Langzeitfolgen durch Lockdown?

Die Corona-Pandemie kann auch andere Langzeitfolgen haben: Durch temporäre Ausgangsbeschränkungen und Lockdown gehen die Menschen seltener zum Arzt, es werden zeitweise weniger reguläre Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt und nicht dringende Operationen verschoben. Vor allem Menschen mit Vorerkrankungen wird empfohlen, während der Pandemie möglichst zu Hause zu bleiben.

In der Folge werden möglicherweise Krebserkrankungen oder andere schwerwiegende Krankheiten nicht in einem frühzeitigen und damit gut behandelbaren Stadium entdeckt. Deshalb raten Ärzte dazu, bei Beschwerden und gesundheitlichen Problemen während der Pandemie rechtzeitig einen Arzt aufzusuchen. Dies gilt auch bei Symptomen einer Atemwegserkrankung: Hier sollten Betroffene weiterhin zeitnah einen Arzt oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 telefonisch kontaktieren und das weitere Vorgehen besprechen.

Quellen

Aktualisiert: 17.11.2020 - Autor: Dagmar Schüller; überarbeitet: Silke Hamann

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