Corona und negative Folgen für die Psyche

Frau sitzt auf Sofa und schaut traurig aus dem Fenster © iStock.com/ediebloom

Die Corona-Pandemie betrifft ausnahmslos alle Bereiche unseres Lebens. Während der Fokus in dieser Krise natürlich auf den physischen gesundheitlichen Auswirkungen liegt, werden von Experten zunehmend Sorgen geäußert, wie sich das wochenlange Social Distancing und Ausgangsbeschränkungen auf die Psyche auswirken. Auch Konflikte in der Familie und Partnerschaft einschließlich häuslicher Gewalt können sich während Corona verschärfen.

Wie Corona die psychische Gesundheit beeinträchtigen kann

Der Mensch ist ein soziales Wesen und Herdenwesen –  er braucht von Natur aus persönliche Kontakte zu anderen Menschen, damit es ihm gut geht. Während der Corona-Pandemie lautet das Gebot der Stunde jedoch auf Abstand zueinander zu gehen und seine sozialen Kontakte auf das Notwendigste zu reduzieren. Außerdem werden die Menschen dazu angehalten, möglichst zu Hause zu bleiben und im Homeoffice zu arbeiten. Kinos, Restaurants, Fitnessstudios und andere Einrichtungen, in denen man normalerweise seine Freizeit verbringt und Ablenkung vom Alltag findet, haben zeitweise geschlossen.

All das kann sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken: Wer längere Zeit von wichtigen Bezugspersonen wie Eltern, Familie und Freunde getrennt ist, kann sich einsam fühlen, Ängste entwickeln oder sogar an einer Depression erkranken. Das betrifft Alleinstehende meist stärker und häufiger als Menschen in Partnerschaften und Verheiratete.

Besonders problematisch kann es für Menschen werden, die bereits vor Corona mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Hier kann der fehlende Kontakt zu geliebten Menschen bestehende Probleme verschärfen oder bereits erreichte Erfolge gefährden. Telefonate, Textnachrichten und Video-Konferenzen helfen in dieser Situation zwar – dauerhaft ersetzen sie persönliche Kontakte jedoch nicht.

Psychotherapie findet trotz Pandemie statt

Psychotherapeuten und Psychiater zählen zur medizinischen Grundversorgung und dürfen ihre Patienten während der Corona-Pandemie weiter behandeln. Dies gilt natürlich nur solange Patient und Therapeut keine Symptome einer Corona-Infektion zeigen. Viele bieten auch Therapiesitzungen per Video oder Telefon an, die man von zu Hause durchführen kann. Wichtig bei der Therapiesitzung in der Praxis ist das Einhalten der Hygienemaßnahmen wie Abstand zueinander halten, auf Händeschütteln verzichten und in Ellenbogen husten oder niesen.

5 Tipps gegen psychische Probleme durch Corona

Wer von psychischen Problemen wie depressiven Verstimmungen, Ängsten oder Einsamkeit während Corona betroffen ist, sollte gut auf sich achten. Einige Tipps können helfen, dass Probleme gar nicht erst auftreten oder verhindern, dass sich bereits bestehende psychische Belastungen verstärken:

  1. Halten Sie Kontakte aufrecht: Gerade weil die Möglichkeiten zum direkten körperlichen Kontakt durch Social Distancing stark eingeschränkt sind, sollte vermehrt auf Videotelefonie, Telefonate und Textnachrichten gesetzt werden. Das ist gerade für Telefonmuffel oft nicht einfach. Planen Sie für die Kommunikation mit Familie, Freunden und Kollegen wenn möglich feste Zeiten ein. Es kann auch hilfreich sein, sich vorzunehmen, täglich mit mindestens einer oder zwei Personen Kontakt aufzunehmen.
  2. Suchen Sie sich bedeutungsvolle Aufgaben: Viele Menschen können während Corona nicht wie gewohnt arbeiten gehen und für einige fällt auch die Option weg, von zu Hause aus dem Job nachzugehen. Andere haben sogar ihren Arbeitsplatz verloren. Stecken Sie den Kopf nicht in den Sand und leben Sie nicht in den Tag hinein! Jeder Mensch braucht eine sinnvolle Aufgabe. Machen Sie sich einen Plan und überlegen Sie, welche Aktivitäten Ihnen das Gefühl vermitteln, etwas Sinnvolles zu tun. Auch kleine Dinge wie die Steuererklärung zu machen, endlich die Wohnung zu renovieren oder einen Online-Kurs zu machen, können bereits antipsychotisch wirken, so Experten.
  3. Treiben Sie Sport: Für viele fällt während der Corona-Krise der Weg zur Arbeit weg und auch der Besuch von Fitness- und Yogastudio ist zeitweise nicht möglich. Für ihre üblichen sportlichen Aktivitäten sollten Sie sich während Corona einen Ausgleich suchen, denn regelmäßige Bewegung ist wichtig für die psychische Gesundheit. Trotz Social Distancing dürfen Sie, sofern Sie sich nicht in Quarantäne befinden, zum Beispiel Joggen gehen oder sich im Park an der frischen Luft auspowern. Im Internet gibt es zudem zahlreiche Angebote, um via Video von zu Hause aus mit seinem Lieblingsworkout fit zu bleiben. Passende Tipps für ein Workout zu Hause finden Sie auch in unserer Fotostrecke.
  4. Essen Sie gesund und regelmäßig: Die meisten Menschen essen am liebsten in geselliger Runde. Durch Quarantänemaßnahmen und Social Distancing kann es schnell vorkommen, dass eine regelmäßige und ausgewogene Nahrungsaufnahme vergessen und vernachlässigt wird. Auch das Gegenteil ist häufig anzutreffen: Wer Kummer, Frust oder Langeweile versucht, mit übermäßigem Essen zu betäuben, fühlt sich dadurch nicht besser, sondern kann sogar von Schuldgefühlen geplagt werden. Achten Sie darauf, immer etwas frisches zu Hause zu haben, kochen Sie wenn möglich selbst oder bestellen Sie gesundes Essen. Mahlzeiten können Sie auch mit der besten Freundin, dem Kollegen oder mit der Familie virtuell gemeinsam einnehmen.
  5. Etablieren Sie eine neue Routine: Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus stellen den Tagesablauf vieler Menschen auf den Kopf. Schaffen Sie sich eine neue Routine mit festen Schlafens-, Arbeits- und Essenszeiten. Planen Sie dabei auch genügend Zeitfenster für Ihre Hobbies, Sport und das Kommunizieren mit Menschen, die Ihnen gut tun, ein.

Wo Sie jetzt Hilfe finden

 

  • Krisenhotline des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen: Die anonyme und kostenlose Corona-Hotline ist täglich von 8 bis 20 Uhr unter 0800 777 22 44 erreichbar.
  • Telefonseelsorge: Die evangelische und katholische Telefonseelsorge ist während der Corona-Pandemie rund um die Uhr besetzt und bietet anonym und kostenfrei Hilfe unter 0800 111 0 111 (evangelisch) und unter 0800 111 0 222 (katholisch).

  • Silbertelefon: Die Hotline richtet sich speziell an ältere Menschen, um ihnen während der Krise zu helfen. Unter 0800 470 80 90 ist die Hotline täglich von 8 bis 22 Uhr besetzt.

  • Kinder und Jugendtelefon: Die "Nummer gegen Kummer" bietet Kindern und Jugendlichen unter 116 111 Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr und zusätzlich Montag, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr kostenfrei Hilfe an.

  • Elterntelefon: Bei Problemen in Erziehungsfragen ist für Eltern die Nummer 0800 111 0 550 von Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr und zusätzlich Dienstag und Donnerstag bis 19 Uhr erreichbar.

  • Weißer Ring: Das Opfer-Telefon ist anonym und kostenfrei täglich von 7 bis 22 Uhr unter 116 006 besetzt.

  • Hilfetelefone: Rund um die Uhr, kostenfrei und anonym sind unter 08000 116 016 das Hilfetelefon gegen Gewalt an Frauen und unter 0800 40 40 020 das Hilfetelefon für Schwangere in Not erreichbar.

  • Hilfetelefon sexualisierter Missbrauch: 0800 22 55 530

  • Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016 oder 030 611 03 00

  • Hilfetelefon Schwangere in Not: 0800 40 40 020

  • Mädchennotdienst: Mädchen und junge Frauen von zwölf bis 21 Jahren finden unter 030 610062 Hilfe.

  • Anonyme Alkoholiker: 08731 32573 12

  • Sucht- und Drogen-Hotline: 01805 313 031

Zunahme häuslicher Gewalt während Corona-Pandemie

Auch bestehende Konflikte innerhalb der Familie und Partnerschaft können durch Corona verstärkt werden. Die ungewohnte Enge im eigenen Zuhause, Ausgangsbeschränkungen, finanzielle Sorgen oder gar der Verlust des Arbeitsplatzes können Streit provozieren und eskalieren lassen. Im schlimmsten Fall mündet dies in in Aggressionen und häuslicher Gewalt, meist gegenüber Frauen und Kindern.

Untersuchungen aus dem chinesischen Wuhan zeigen, dass laut Frauenorganisationen dort während des Lockdowns im Frühjahr 2020 die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt um das Dreifache gestiegen sind. Auch bei der Polizei in Wuhan sind während der Ausgangssperre doppelt so viele Notrufe von Frauen eingegangen. Ähnliche Berichte über zunehmende häusliche Gewalt wurden aus anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich und Italien laut.

Vermehrte häusliche Gewalt auch in Deutschland erwartet

Auch in Deutschland rechnen Hilfsorganisationen und Frauenhäuser mit einer Zunahme häuslicher Gewalt. Diese Annahme stützt eine erste repräsentative Studie der TU München mit 3.800 befragten Frauen, die im Frühsommer veröffentlicht wurde. Als Risikofaktoren für eine häusliche Gewalt identifizierten die Studienleiter Ausgangsbeschränkungen, Quarantäne, aber auch Kurzarbeit und Angstzustände. 

Gleichzeitig stehen Frauenhäuser und Fachberatungsstellen in der Coronakrise unter Druck: Kontaktsperren und die Auflagen zum Infektionsschutz erschweren die direkte und persönliche Beratung. Zudem sind die Kapazitäten in Frauenhäusern durch Quarantänemaßnahmen reduziert. Bundesfrauenministerin Dr. Franziska Giffey hatte bereits Anfang April 2020 den Einrichtungen Unterstützung angeboten und betont, dass ihre Arbeit systemrelevant sei.

Um über vorhandene Hilfsangebote zu informieren, startete das Bundesfamilienministerium Ende April 2020 in Supermärkten die Poster-Aktion "Zuhause nicht sicher?" im Rahmen seiner Initiative "Stärker als Gewalt". Seitdem haben sich Hilfsangebote stärker ins Internet oder per Telefon verstärkt.

Suchtprobleme durch Corona-Pandemie verstärkt?

Aufgrund der laufenden Corona-Pandemie erwarten Experten, dass sich auch Suchtprobleme und ihre Auswirkungen auf das Leben und die Gesundheit der Betroffenen sowie deren Familien verstärken werden. Auslöser für einen steigenden Missbrauch von Alkohol, Drogen und anderen Suchtmitteln können die veränderte häusliche Situation, Sorgen und Ängste, etwa durch Arbeitsplatzverlust oder finanzielle Notlage, sowie auch Langeweile sein.

In dieser Situation sind Suchtstellen und andere Hilfesysteme besonders gefordert, um ihre Unterstützung auch während der Coronavirus-Pandemie aufrechtzuhalten. Gleichzeitig sind auch sie von Einschränkungen zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus betroffen. Helfen kann die Umstellung auf telefonische Beratungen und Online-Dienste. Die Landesstelle Sucht NRW beispielsweise bietet Einrichtungen der Suchthilfe in Nordrhein-Westfalen Unterstützung beim Einsatz einer Videokonferenz-Software an. So soll weiterhin eine Beratung ermöglicht werden.

Quellen

Aktualisiert: 27.11.2020 - Autor: Dagmar Schüller, Medizinredakteurin und Dipl.-Trophologin

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