Post-COVID-Syndrom: Chronische Erschöpfung nach Coronavirus

Post-COVID-Syndrom: Frau schläft im Bett © iStock.com/Rawpixel

Viele COVID-19-Verläufe zeigen sich in einer relativ kurzen Krankheitsdauer, nach der die Betroffenen wieder vollständig genesen und keinerlei Symptome mehr aufweisen. Doch was ist mit den ehemaligen Coronavirus-Patienten, die sich noch Monate nach der akuten Infektion krank fühlen? 

Zahlreiche Menschen berichten noch Monate nach einer Infektion mit dem Coronavirus zum Beispiel über anhaltende Müdigkeit und bleierne Erschöpfung. Diese könnten Anzeichen für eine Erkrankung namens Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS) sein, wie Mediziner vermuten. Ist chronische Erschöpfung tatsächlich eine mögliche Langzeitfolge von COVID-19?

Was verstehen Mediziner unter dem Post-COVID-Syndrom?

Mediziner sprechen vom sogenannten "Post-COVID-Syndrom", wenn bei Menschen nach überstandener COVID-19-Infektion Symptome zurückbleiben. Der Jenaer Mediziners Andreas Stallmach geht davon aus, dass über die Hälfte ehemals stationär behandelter COVID-19-Patienten von Spätfolgen betroffen sind. Diese können fast alle Organe betreffen, da sich das Virus im gesamten Körper ausbreitet. Zudem werden Langzeitfolgen auch bei ehemals Infizierten beobachtet, die im akuten Krankheitsstadium nur an leichten Symptomen litten.

Mögliche Symptome nach durchgemachter COVID-Infektion sind unter anderem:

  • Funktionsstörungen der Lunge: Auch, wenn die Beschwerden der durch COVID-19 akuten Lungenentzündung bereits abgeklungen sind, leiden viele Betroffene an einer eingeschränkten Lungenfunktion, die oft mit Husten und Luftnot einhergeht.
  • Verlust des Geruchs- und Geschmacksinns: Die Einschränkungen im Geruchs- und Geschmacksempfinden können bei akuter Infektion auftreten und bleiben bei einigen Patienten noch lange nach der akuten Krankheitsphase zurück.
  • Neben Konzentrationsstörungen und Schwindel sind auch Herz-Rhythmus-Störungen wie Herzrasen mögliche postvirale Symptome.
  • Muskel- und Kopfschmerzen
  • neben einer Belastungsintoleranz bleiben bei einigen auch Depressionen zurück.
  • Auch der Magen-Darm-Trakt kann von post-viralen Symptomen beeinträchtigt sein.

Neben diesen möglichen Spätfolgen fühlen sich viele Betroffene nach der akuten Krankheitsphase anhaltend erschöpft und zeigen Anzeichen für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom. Auf Französisch steht "Fatigue" für "Erschöpfung, Müdigkeit". Die ehemaligen Coronavirus-Infizierten fühlen sich bei der Post-COVID-Fatigue aber nicht etwa nur schlapp oder weniger belastbar als noch vor der SARS-CoV-2-Infektion, sondern vielmehr außer Stande, ihrem Alltag nachzugehen. Und das teilweise noch Monate später.

Das Symptom Fatigue allgemein wird bei hausärztlichen Untersuchungen oft geschildert und kommt auch bei anderen Erkrankungen vor. Fatigue ist zudem eines der Hauptsymptome bei "Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue Syndrom (ME/CFS)", auch "chronisches Erschöpfungssyndrom" bezeichnet. Es tritt bei ME/CFS nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Belastung meist zeitverzögert auf. Ob die post-virale, bleierne Erschöpfung im Zusammenhang mit Coronavirus-Infektionen tatsächlich auf ME/CFS zurückzuführen ist oder eine eigenständige Erkrankung darstellt, wird nun erforscht. Für das chronische Fatigue-Syndrom sprechen unter anderem zumindest auch die von vielen ehemaligen COVID-19-Patienten häufig geschilderten Symptome wie Muskelschmerzen und Konzentrationsprobleme.

Ein im November 2020 in der Fachzeitschrift "Der Pneumologe" veröffentlichter Beitrag kommt zu dem Schluss, dass es für die Diagnose eines Post-COVID-Syndroms bislang in den meisten Fällen noch zu früh ist. Denn für eine solche müssten bereits seit einem halben Jahr entsprechende Beschwerden vorliegen. Der Begriff "postinfektiöse Fatigue" scheint daher bislang korrekter als "Post-COVID-Syndrom".

Insgesamt gibt es jedenfalls ausreichende Beobachtungen, die auf ein mögliches Post-COVID-Syndrom schließen lassen. Vor allem bei schweren Krankheitsverläufen sind Folgeschäden, sowohl körperlicher, als auch kognitiver sowie psychischer Natur, durchaus denkbar.

Post-COVID-Syndrom auch nach mildem Symptomverlauf

Dass Menschen nach überstandenen Infektionen noch eine Zeit lang geschwächt sind, ist grundsätzlich normal. Dabei sind typische Symptome wie Fatigue in der Regel umso ausgeprägter und andauernder, je schwerer der Krankheitsverlauf war.

Daher ist für Mediziner auch nachvollziehbar, dass COVID-19-Patienten nach schweren Verläufen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, teilweise noch lange nach der akuten Krankheitsphase sehr geschwächt sind.

Was aber verwundert: Im Falle von SARS-CoV-2 scheint eine über mehrere Monate anhaltende Erschöpfung auch sehr häufig bei besonders milden Krankheitsverläufen aufzutreten. Viele ehemalige Infizierte, die in der akuten Phase der Erkrankung kaum Symptome zeigten, berichten noch Monate später von Schlappheit und anhaltender Müdigkeit. Sie fühlen sich völlig erschöpft.

Starke Erschöpfung nach milder COVID-19-Erkrankung zeigte sich zum Beispiel bei 170 COVID-Patienten aus Sydney. Bei 90 Prozent von ihnen waren die typischen Coronavirus-Symptome so mild, dass keine Behandlung im Krankenhaus erforderlich war. Gail Matthews, Leiterin der Abteilung für Infektionskrankheiten im St. Vincents Krankenhaus in Sydney, erklärt gegenüber der britischen Tageszeitung "The Guardian", dass von diesen 90 Prozent etwa jeder Dritte noch drei bis vier Monate nach der Infektion Symptome zeigt. Darunter sind die häufigsten Beschwerden anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit – Symptome, wie sie für ME/CFS typisch sind.

Chronisches Erschöpfungssyndrom bei SARS-1-Pandemie 2003

Auch von früheren Virusausbrüchen ist bekannt, dass bei einigen Betroffenen chronische Erschöpfungszustände noch lange nach der scheinbar überstandenen Infektion zurückbleiben. So zum Beispiel beim Epstein-Barr-Virus oder bei der SARS-Pandemie von 2003. Eine Studie kam in diesem Zusammenhang damals zu dem Ergebnis, dass beinahe ein Drittel der Patienten auch noch Monate nach der Infektion mit dem Virus SARS-1, das dem COVID-19-Erreger sehr ähnlich ist, körperlich deutlich weniger belastbar und sehr erschöpft waren. Und das, obwohl die Lungenfunktion bereits wieder vollständig hergestellt war.

Von ehemaligen SARS-1-Infizierten aus Toronto gaben sogar zwei Drittel der Befragten noch ein Jahr nach der Infektion an, dass sie an chronischer Erschöpfung litten. Und 40 Prozent ehemaliger SARS-1-Patienten aus Hong Kong klagten selbst vier Jahre nach überstandener Coronavirus-Infektion noch über Fatigue, so das Ergebnis einer 2009 publizierten Studie.

Ursachen: Wie kommt es zu Fatigue nach COVID-19-Infektion?

Bei den noch lange nach überstandener, akuter COVID-Infektion krankhaft Erschöpften wurden unter anderem Veränderungen der Lymphozyten (Untergruppe weißer Blutkörperchen, die für die Immunabwehr wichtig sind) festgestellt, weshalb Experten davon ausgehen, dass es sich bei Fatigue um eine immunologisch bedingte Langzeitfolge von Coronavirus-Infektionen handeln könnte.

An chronischer Erschöpfung nach Infektionen mit COVID-19 scheinen nach bisherigem Kenntnisstand außerdem mehr Frauen als Männer zu leiden.

Die bisherigen Coronavirus-Fälle haben jedoch bislang vor allem Erkenntnisse zum akuten Krankheitsverlauf gebracht. Die möglichen Langzeitfolgen von COVID-19 sind dagegen noch weniger gut erforscht. So auch die anhaltende Erschöpfung. Weitere, über einen größeren Zeitraum angelegte, Studien sind notwendig. Forscher wollen nun vor allem herausfinden, welche Menschen besonders häufig vom Post-COVID-Syndrom betroffen sind und was mögliche Risikofaktoren sind.

Wissenschaftler des King's College in London haben zum Beispiel angefangen, Daten von Gesundheits-Apps zu sammeln und auszuwerten. Sie wollen feststellen, ob ein gewisser Immunstatus die Entwicklung einer post-viralen Fatigue bei COVID-19 begünstigt oder nicht.

Therapie der ME/CFS nach COVID-19

Für Patienten, die nach einer durchgestandenen Coronavirus-Infektion unter Fatigue/chronischer Erschöpfung leiden, sind vor allem sorgfältige Nachuntersuchungen wichtig. Behandelnde Ärzte sollten die Beschwerden nicht leichtfertig abtun, sondern die Patienten ernst nehmen und an einen erfahrenen Facharzt überweisen. Die Diagnose erfolgt häufig über den Ausschluss anderer Krankheiten mit ähnlichen Symptomen, wie Leukämie oder Depressionen.

Da die Erkrankung ME/CFS bisher nicht ausreichend erforscht ist, ist auch noch keine einheitlich wirksame Therapie bekannt. Zum Behandlungsplan gehören häufig eine ausgewogene Ernährungsweise, geregelte Schlaf- und Ruhezeiten und die Beseitigung bestehender Infekte. Psychologische Unterstützung kann zusätzlich dabei helfen, die Erkrankung besser zu bewältigen.

Verlauf: Wie lange hält Fatigue nach COVID-19 an?

Ehemalige Coronavirus-Infizierte befürchten häufig, dass die post-viralen Erschöpfungsbeschwerden dauerhaft bestehen bleiben könnten. Ob dies zutrifft, bleibt abzuwarten. Die anhaltende Erschöpfung scheint sich jedenfalls bei den meisten ehemaligen COVID-19-Infizierten nach bisherigen Beobachtungen mit der Zeit zu verringern, wenn auch nur schleppend.

Ob bei Coronavirus-Erkrankungen auch eine unvollständige Heilung (auch "Reparationsheilung" oder "Defektheilung") denkbar ist, also Symptome dauerhaft zurückbleiben, kann aber nach jetzigem Stand der Forschung noch nicht sicher ausgeschlossen werden.

Quellen

Aktualisiert: 23.12.2020 - Autor: Annika Lutter, Medizinredakteurin

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