Post-COVID-Syndrom: Chronische Erschöpfung nach Coronavirus

Post-COVID-Syndrom: Frau schläft im Bett © iStock.com/Rawpixel

Viele Coronavirus-Infizierte berichten noch Monate nach einer Infektion mit dem Virus über anhaltende Müdigkeit und bleierne Erschöpfung. Dies könnten Anzeichen für eine Erkrankung namens Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS) sein. Ist es eine mögliche Langzeitfolge von COVID-19? Viele COVID-19-Verläufe zeigen sich in einer relativ kurzen Krankheitsdauer, nach der die Betroffenen wieder vollständig genesen sind und keinerlei Symptome mehr aufweisen. Doch laut einer Studie fühlen sich über 80 Prozent der ehemaligen Coronavirus-Patienten zwei Monate nach der akuten Infektion noch krank.

Was verstehen Mediziner unter dem Post-COVID-Syndrom?

Mediziner sprechen vom sogenannten "Post-COVID-Syndrom", wenn bei Menschen nach überstandener COVID-19-Infektion Symptome zurückbleiben. Sehr viele Betroffene fühlen sich ununterbrochen erschöpft und zeigen Anzeichen für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom. Auf Französisch steht "Fatigue" für "Erschöpfung, Müdigkeit". Lungen- und Herzfunktion scheinen bei den Betroffenen dagegen nicht eingeschränkt zu sein.

Die ehemaligen Coronavirus-Infizierten fühlen sich bei der Post-COVID-Fatigue aber nicht etwa nur schlapp oder weniger belastbar als noch vor der SARS-CoV-2-Infektion, sondern vielmehr außer Stande, ihrem Alltag nachzugehen. Und das teilweise noch Monate später.

Der Zustand von Fatigue wird auch als "Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom" (ME/CFS) oder "chronisches Erschöpfungssyndrom" bezeichnet. Ob die post-virale bleierne Erschöpfung beim Coronavirus tatsächlich ME/CFS oder eine eigenständige Erkrankung ist, wird nun erforscht. Für das chronische Fatigue-Syndrom sprechen unter anderem auch die von vielen ehemaligen COVID-19-Patienten häufig geschilderten Symptome wie Muskelschmerzen und Konzentrationsprobleme.

Post-COVID-Syndrom auch nach mildem Symptomverlauf

Dass Menschen nach überstandenen Infektionen noch eine Zeit lang geschwächt sind, ist grundsätzlich normal. Dabei sind typische Symptome wie Fatigue in der Regel umso ausgeprägter und andauernder, je schwerer der Krankheitsverlauf war.

Daher ist für Mediziner auch nachvollziehbar, dass COVID-19-Patienten nach schweren Verläufen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, teilweise noch lange nach der akuten Krankheitsphase sehr geschwächt sind.

Was aber verwundert: Im Falle von SARS-CoV-2 scheint eine über mehrere Monate anhaltende Erschöpfung auch sehr häufig bei besonders milden Krankheitsverläufen aufzutreten. Viele ehemalige Infizierte, die in der akuten Phase der Erkrankung kaum Symptome zeigten, berichten nun von Schlappheit und anhaltender Müdigkeit. Sie fühlen sich völlig erschöpft.

Starke Erschöpfung nach milder COVID-19-Erkrankung zeigte sich zum Beispiel bei 170 COVID-Patienten aus Sydney. Bei 90 Prozent von ihnen waren die typischen Coronavirus-Symptome so mild, dass keine Behandlung im Krankenhaus erforderlich war. Gail Matthews, Leiterin der Abteilung für Infektionskrankheiten im St. Vincents Krankenhaus in Sydney, erklärt gegenüber der britischen Tageszeitung "The Guardian", dass von diesen 90 Prozent etwa jeder Dritte noch drei bis vier Monate nach der Infektion Symptome zeigt. Darunter sind die häufigsten Beschwerden anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit, wie sie für ME/CFS typisch sind.

Chronisches Erschöpfungssyndrom bei SARS-1-Pandemie 2003

Auch von früheren Virusausbrüchen ist bekannt, dass bei einigen Betroffenen chronische Erschöpfungszustände noch lange nach der Infektion zurückbleiben. So zum Beispiel beim Epstein-Barr-Virus oder bei der SARS-Pandemie von 2003. Eine Studie kam zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass beinahe ein Drittel der Patienten auch noch Monate nach der Infektion mit dem Virus SARS-1, das dem COVID-19-Erreger sehr ähnlich ist, körperlich deutlich weniger belastbar und sehr erschöpft waren. Und das, obwohl die Lungenfunktion bereits wieder vollständig hergestellt war.

Im Rahmen einer anderen Studie mit SARS-1-Infizierten aus Toronto gaben sogar zwei Drittel der Befragten an, dass sie noch nach einem Jahr an einer post-viralen chronischen Erschöpfung litten. Und 40 Prozent ehemaliger SARS-1-Patienten aus Hong Kong klagten im Rahmen einer anderen Untersuchung selbst vier Jahre nach überstandener Coronavirus-Infektion noch über Fatigue.

Ursachen: Wie kommt es zum Post-COVID-Syndrom?

Bei den noch lange nach überstandener Infektion krankhaft erschöpften Betroffenen wurden unter anderem Veränderungen der Lymphozyten (Untergruppe weißer Blutkörperchen, die für die Immunabwehr wichtig sind) festgestellt, weshalb Experten davon ausgehen, dass es sich beim Post-COVID-Syndrom um eine immunologisch bedingte Langzeitfolge von Coronavirus-Infektionen handelt.

Am Post-COVID-Syndrom scheinen nach bisherigem Kenntnisstand außerdem mehr Frauen als Männer zu leiden.

Die erste Coronavirus-Welle hat aber bislang vor allem Erkenntnisse zum akuten Krankheitsverlauf gebracht. Die möglichen Langzeitfolgen von COVID-19 sind dagegen noch weniger gut erforscht. So auch die anhaltende Erschöpfung. Weitere, über einen größeren Zeitraum angelegte, Studien sind notwendig. Forscher wollen nun vor allem herausfinden, welche Menschen besonders häufig vom Post-COVID-Syndrom betroffen sind und was die Risikofaktoren sind.

Wissenschaftler des King's College in London wollen zum Beispiel innerhalb der nächsten eineinhalb Jahre Daten von Gesundheits-Apps auswerten und so herausfinden, ob ein gewisser Immunstatus die Entwicklung einer post-viralen Fatigue bei COVID-19 begünstigt oder nicht.

Therapie der ME/CFS nach COVID-19

Für Patienten, die nach einer durchgestandenen Coronavirus-Infektion unter chronischer Erschöpfung leiden, sind vor allem sorgfältige Nachuntersuchungen wichtig. Behandelnde Ärzte sollten die Beschwerden nicht leichtfertig abtun, sondern die Patienten ernst nehmen und an einen erfahrenen Facharzt überweisen. Die Diagnose erfolgt häufig über den Ausschluss anderer Krankheiten mit ähnlichen Symptomen, wie Leukämie oder Depressionen.

Da die Erkrankung bisher wenig erforscht ist, ist auch noch keine einheitliche Therapie bekannt. Zum Behandlungsplan gehören häufig eine ausgewogene Ernährungsweise, geregelte Schlaf- und Ruhezeiten und die Beseitigung bestehender Infekte. Psychologische Unterstützung kann zusätzlich dabei helfen, die Erkrankung besser zu bewältigen.

Verlauf: Wie lange hält Fatigue nach COVID-19 an?

Ehemalige Coronavirus-Infizierte befürchten häufig, dass die post-viralen Erschöpfungsbeschwerden dauerhaft bestehen bleiben könnten. Matthews erklärt aber, sie gehe davon aus, dass die Betroffenen wieder komplett genesen, da dies auch bei anderen Viruserkrankungen mit post-viraler Symptomatik normalerweise der Fall sei. Bei COVID-19 könnte es bis zur völligen Symptomfreiheit aber ihrer Einschätzung nach auch länger dauern. Die anhaltende Erschöpfung scheint sich jedenfalls bei den meisten ehemaligen COVID-19-Infizierten nach bisherigen Beobachtungen mit der Zeit tatsächlich zu verringern, wenn auch nur schleppend.

Ob bei Coronavirus-Erkrankungen auch eine unvollständige Heilung (auch "Reparationsheilung" oder "Defektheilung") denkbar ist, also Symptome dauerhaft zurückbleiben, kann aber nach jetzigem Stand der Forschung noch nicht sicher ausgeschlossen werden.

Quellen

Aktualisiert: 03.09.2020 - Autor: Annika Lutter, Medizinredakteurin

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?