R-Wert bei Corona: Das sagt die Reproduktionszahl aus!

Darstellung der Reproduktionszahl
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Die sogenannte Reproduktionszahl, auch R-Wert genannt, spielt – neben der Inzidenz und der Hospitalisierungsrate – bei der Einschätzung der pandemischen Lage weiterhin eine wichtige Rolle. Aber wie lautet eigentlich die Definition der Reproduktionszahl, wie funktioniert die Berechnung und was sagt ihre Entwicklung über den aktuellen Stand der Corona-Pandemie aus? Alles Wichtige zum Thema finden Sie in diesem Artikel.

Definition: Was ist die Reproduktionszahl?

Die Reproduktionszahl (kurz R) beschreibt laut Definition des Robert-Koch-Instituts (RKI), wie viele Menschen im Durchschnitt durch eine mit einer Viruserkrankung infizierte Person angesteckt werden. Liegt die Reproduktionszahl des Coronavirus SARS-CoV-2 bei 1, bedeutet dies also, dass eine infizierte Person im Mittel wiederum eine weitere Person ansteckt. Für Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut jeweils täglich einen durchschnittlichen Schätzwert der Reproduktionszahl.

Bei der Definition des R-Werts unterscheidet man die sogenannte Basisreproduktionszahl und die effektive Reproduktionszahl. Diese definieren sich folgendermaßen:

  1. Basisreproduktionszahl (R0): Sie gibt an, wie viele Personen eine infizierte Person im Mittelwert zu Beginn einer Epidemie oder Pandemie ansteckt, wenn noch niemand Immunität entwickelt hat oder keine Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ergriffen wurden – also sozusagen unter idealen Bedingungen für das Virus. Laut RKI liegt die Basisreproduktionszahl für COVID-19 bei 2,8 bis 3,8.1 Die Basisreproduktionszahl der Delta-Variante ist deutlich höher: Sie liegt laut bisherigen Forschungsergebnissen zwischen 6 und 7. Zum Vergleich: Bei der Grippe liegt dieser Wert zwischen 0,9 und 2,1, bei den Masern zwischen 15 und 18 – so viele Menschen würde ein einziger mit Masern infizierter Mensch also anstecken, wenn es keinen Impfstoff gäbe.2
  2. Effektive Reproduktionszahl (R): Die effektive Reproduktionszahl gibt an, wie viele Personen im Durchschnitt durch eine infizierte Person angesteckt werden, nachdem Maßnahmen zur Eindämmung eines Virus ergriffen wurden, so wie es aktuell der Fall ist. Ihr Wert schwankt – je nachdem, welche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ergriffen wurden und wie gut diese greifen.

Um die Ausbreitung von SARS-CoV-2 einzudämmen, muss die effektive Reproduktionszahl dauerhaft unter 1 liegen. Das bedeutet, nicht jede Person, die mit dem Coronavirus infiziert ist, steckt eine weitere Person an. Die Zahl der Neuinfektionen nimmt damit dauerhaft ab.

Berechnung des R-Werts

Die effektive Reproduktionszahl für das Coronavirus wird durch das RKI mithilfe statistischer Methoden berechnet. Grundlage dafür sind die an das Institut weitergegebenen Daten zu bestätigten Infektionen. Zur Berechnung werden jeweils die Zahlen der innerhalb der letzten vier Tage gemeldeten Infizierten miteinander verglichen. Das RKI führt auf seiner Website entsprechende Rechenbeispiele an.

Dazu muss man wissen, dass aktuelle Reproduktionszahlen immer Schätzwerte darstellen. Dieser Schätzwert wird als Nowcast bezeichnet. Die Notwendigkeit des Schätzens ist der Verzögerung geschuldet, die bei der Übermittlung von Neuinfektionen an das RKI entsteht. Zum Teil liegen dem Institut bei der Berechnung der aktuellen Reproduktionszahl nämlich nur die Fälle vor, die besonders schnell übermittelt wurden. Auch bei der Diagnose von COVID-19 kann es zu Verzögerungen kommen, sodass bereits infizierte Personen erst verspätet an das RKI gemeldet werden.

Aus diesem Grund veröffentlich das Robert Koch-Institut seit Juli 2021 keinen R-Wert auf Basis der letzten vier Tage mehr. Stattdessen wird nun ausschließlich das sogenannte "7-Tage-R" veröffentlicht.

Dieses wird anhand eines 7-Tage-Mittelwertes der Nowcasting-Kurve geschätzt, wodurch Schwankungen stärker ausgeglichen werden können. Im 7-Tage-R wird der 7-Tages-Mittelwert der Neuerkrankungen eines Tages mit dem gleichen Wert vier Tage davor verglichen. Die Infektionen zu diesen gemeldeten Neuerkrankungen liegen etwa vier bis sechs Tage davor, weshalb das 7-Tage-R das Infektionsgeschehen jeweils mit einer bis zwei Wochen Verzögerung abbildet.

Darüber hinaus errechnet auch eine gemeinsame Forschungsgruppe des Helmholtz-Instituts sowie der Ludwig-Maximilian-Universität München jeden Tag die aktuelle Reproduktionszahl für Deutschland. Sie berechnet R dabei mithilfe der Modellierung von typischen Krankheitsverläufen. Während sich das RKI also auf Meldungen von Infizierten konzentriert, versucht die Forschungsgruppe, mögliche Krankheitsverläufe und damit einhergehende Neuinfektionen nachzubilden.

Welche Bedeutung hat der R-Wert in Bezug auf das Coronavirus?

In der aktuellen Corona-Pandemie kommt der Reproduktionszahl eine zentrale Bedeutung zu, denn sie dient als Maßeinheit für die Entwicklung der Ansteckungsraten und somit für den Erfolg der Schutzmaßnahmen. Dennoch sollte man sich bewusst machen, dass die aktuellen Reproduktionszahlen auf Schätzungen basieren.

Dies ist zum einen durch die bereits erwähnte zeitliche Verzögerung bei Diagnose und Meldung von Infektionen bedingt. Zum anderen aber auch dadurch, dass auch Personen ohne Symptome mit dem Coronavirus infiziert und damit potenzielle Überträger von SARS-CoV-2 sein können, ohne dass eine Diagnose und damit eine Meldung erfolgt. Die Zahl kann also nie den exakten Stand abbilden, sondern lediglich eine bestmögliche Einschätzung ermöglichen.

Auch die Anzahl der durchgeführten Corona-Tests beeinflusst die Reproduktionszahl. Denn je mehr Tests durchgeführt werden, desto mehr Infektionen werden festgestellt, womit auch die Reproduktionszahl steigt. Dafür sinkt jedoch die Dunkelziffer von Infizierten, die Angaben werden also genauer.

Die Reproduktionszahl stellt dennoch einen wichtigen Faktor dar, um die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie einzuschätzen, sollte aber immer mit den oben genannten Einschränkungen betrachtet werden.

Hospitalisierung und Inzidenz: weitere Kennzahlen der Pandemie

Wichtig zu beachten ist , dass die Reproduktionszahl nicht allein als Maßgabe für den Umgang mit dem Coronavirus herangezogen wird. Weitere zentrale Faktoren sind darüber hinaus die Anzahl von Krankenhauseinweisungen aufgrund von COVID-19 sowie die absolute Zahl der täglichen Neuinfektionen.

Der erstgenannte Wert wird auch als Hospitalisierungsinzidenz bezeichnet. Um diese auszurechnen, wird die Gesamtzahl der innerhalb der letzten sieben Tage an das RKI gemeldeten Fälle addiert und anschließend auf 100.000 Personen umgerechnet. Durch lange Meldezeiten in den Krankenhäusern kann es hier jedoch zu Verzögerungen kommen.

Damit wird dasselbe Rechenverfahren angewendet, wie bei der sogenannten Sieben-Tage-Inzidenz. Bei dieser wird die Anzahl an gemeldeten Neuinfektionen der letzten sieben Tage aus ganz Deutschland addiert und anschließend auf 100.000 Einwohner umgerechnet.

Aktualisiert: 23.11.2021 - Autor: Jasmin Rauch, Medizinredakteurin

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