Superspreader – was ist das? Bedeutung in der Corona-Pandemie

Kranker Mann als Superspreader in Menschengruppe
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Bei der Ausbreitung des Coronavirus spielen auch sogenannte Superspreader*innen oder "Superspreading-Events" eine wichtige Rolle. Eine hohe Anzahl von Neuinfektionen lässt sich dabei auf ein bestimmtes Ereignis oder sogar auf eine bestimmte Person zurückführen. Aber was ist eigentlich ein*e Superspreader*in genau, wann wird jemand zum*zur Superspreader*in und welche Auswirkungen könnte das Wissen um Superspreader*innen bei der Bekämpfung des Coronavirus haben?

Definition: Was ist ein Superspreader?

Bei der Erforschung von übertragbaren Erkrankungen wird der Begriff "Superspreader" oder „Superspreaderin“ (Englisch: spread = verbreiten) für infizierte Organismen (also beispielsweise Menschen) verwendet, die eine ungewöhnlich hohe Anzahl an anderen Organismen anstecken.

Superspreader*innen weisen in der Regel eine erhöhte Produktion und Ausscheidung von Erregern auf. Dies kann beispielsweise durch eine gleichzeitig bestehende weitere Erkrankung oder eine Immunsuppression, also eine Unterdrückung von Immunreaktionen durch Medikamente oder eine Bestrahlung, verursacht werden.

Das Phänomen der Superspreader*innen ist unter anderem im Zusammenhang mit Erkrankungen wie Röteln, Tuberkulose oder SARS bekannt und tritt jetzt auch im Zusammenhang mit COVID-19 auf.

Wie entstehen Superspreader-Events?

Während es sich bei den Superspreader*innen im Kontext von COVID-19 immer um Personen handelt, gibt es auch sogenannte Superspreading-Events oder -Ereignisse. Dies sind Veranstaltungen, auf die sich im Nachhinein eine große Zahl an Neuinfektionen zurückführen lässt. Superspreading-Ereignisse sind sowohl räumlich als auch zeitlich begrenzt.

Im Vorhinein lässt sich leider kaum bestimmen, ob sich eine Veranstaltung, wie beispielsweise ein Gottesdienst, ein Diskobesuch oder eine Geburtstagsfeier, zum Superspreading-Event entwickeln wird. Selbst wenn ein anwesender Mensch mit dem Coronavirus infiziert ist, bedeutet das nicht automatisch, dass er auch andere ansteckt.

Folgende Faktoren tragen vermutlich zu der Entstehung von Superspreading-Ereignissen bei:

  • Viruslast: Je mehr Viren bei einer infizierte Person nachweisbar sind (beispielsweise im Sputum oder über einen Rachenabstrich), desto höher ist auch das Risiko, andere Personen anzustecken.
  • Belüftung: In schlecht belüfteten Innenräumen bleiben Aerosole, also winzig kleine Tröpfchen, die mit der Atemluft ausgestoßen werden, länger erhalten. Laut einer japanischen Studie ist das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus in Innenräumen fast 19-mal so hoch wie im Freien.1 Zudem können in Innenräumen Abstände teilweise schlechter eingehalten werden. Durch eine professionelle Klimaanlage mit Frischluftzufuhr kann die Konzentration von Aerosolen in der Luft aber verringert werden. Klimaanlagen mit Umluftfunktion können dagegen zur Verteilung der Aerosole beitragen.
  • Länge des Aufenthalts: Aerosole sind leicht und können deshalb länger in der Raumluft schweben und sich so in einem geschlossenen Raum verteilen. Je länger sich eine erkrankte Person in einem Raum aufhält, desto mehr virushaltige Aerosole stößt sie aus. Gleichzeitig können sich die Aerosole besser im Raum verteilen, sodass eine Ansteckung auch unter Einhaltung des Mindestabstands wahrscheinlicher wird.
  • Aktivität: Auch auf die Aktivität könnte es ankommen: Je tiefer und heftiger ein Mensch atmet, desto mehr Viren könnte er ausstoßen und (als nicht infizierte Person) auch einatmen. Körperliche Anstrengung wie beispielsweise Tanzen könnte vor allem in geschlossenen Räumen die Viruslast in der Luft erhöhen – übrigens ebenso wie Singen und lautes Sprechen. Dies liegt daran, dass die Luft beim Singen oder lauten Sprechen schneller ausgestoßen wird. Zum Teil werden dabei dann auch mehr Tröpfchen produziert. Je "feuchter" die Aussprache, desto mehr Tröpfchen werden zudem ausgestoßen. Und: Je lauter die Umgebung ist, desto weniger Abstand halten Personen automatisch ein, da ansonsten eine Unterhaltung nicht möglich ist.
  • Anzahl an sozialen Kontakten: Je größer die Anzahl der Menschen ist, mit denen eine Person in einem bestimmten Zeitraum in engen Kontakt tritt, desto mehr Menschen kann sie infizieren. Deshalb beinhalten Treffen in größeren Gruppen ein größeres Risiko, sich zu Superspreading-Ereignissen zu entwickeln.
  • Zeitpunkt: Nach bisherigen Studienergebnissen beginnt die Infektiosität, also die Ansteckungsfähigkeit einer Person, etwa drei Tage vor Krankheitsbeginn. Zwischen zwei Tagen davor und einem Tag danach ist sie besonders hoch.2 In dieser Krankheitsphase geht also die höchste Ansteckungsgefahr von einer infizierten Person aus.

Je mehr Faktoren gleichzeitig auftreten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Superspreading-Ereignis auftritt. Infizierte trifft dabei keine Schuld – jede*r kann zum*zur Superspreader*in werden, wenn bestimmte Voraussetzungen zusammenkommen.

So stark kann die Zahl der Ansteckungen variieren

Auch wenn die sogenannte Reproduktionszahl R darüber Auskunft gibt, wie viele Menschen eine mit dem Coronavirus infizierte Person im Durchschnitt ansteckt, kann die tatsächliche Ansteckungsrate je nach Person und Ereignis natürlich stark variieren. Diese Unregelmäßigkeit wird in der Forschung als Überdispersion bezeichnet.

Forschende versuchen, diese individuelle Schwankung bei der Ansteckung durch einen Wert zu beziffern. Dieser sogenannte Dispersionsfaktor k variiert bei jedem einzelnen Erreger. Je größer der Wert von k ist, desto geringer ist die Unregelmäßigkeit (Wissenschaftler*innen sprechen von der Streuung) in Bezug auf die Ansteckungsraten. Das bedeutet, R bleibt weitgehend stabil, jede Person steckt etwa gleich viele Personen an. Je kleiner k ist, desto mehr Ansteckungen lassen sich auf einen kleinen Teil von infizierten Personen (Superspreader*innen) zurückführen.

Fallbeispiel

Nehmen wir an, in Fall 1 stecken von zehn Infizierten alle jeweils eine weitere Person an. In Fall 2 stecken von den zehn Infizierten neun Personen niemanden an, die zehnte Person jedoch zehn weitere. Beide Fällen führen zur selben Reproduktionszahl, denn auf zehn Infizierte kommen auch zehn Neuinfektionen. Die unterschiedliche Verteilung wird jedoch über die Höhe des Dispersionsfaktors angegeben.

Für das Coronavirus kann nach aktuellem Kenntnisstand noch kein genauer Dispersionsfaktor angegeben werden. Laut einer Studie der London School of Hygiene and Tropical Diseases könnte sein Wert bei 0,1 liegen.3 Das bedeutet konkret, dass 10 Prozent der Infizierten 80 Prozent aller Neuinfektionen verursacht haben könnten.

Eine Studie aus Hong-Kong, die im September 2020 veröffentlicht wurde, geht anhand der Untersuchung von 1.038 COVID-19 Infizierten von einem Dispersionsfaktor von 0,45 aus. Damit wären knapp 20 Prozent der Fälle für 80 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich. 70 Prozent steckten somit niemanden an, 10 Prozent verursachen nur sehr wenige Neuinfektionen.4

Da der Dispersionsfaktor nicht regelmäßig erhoben wird und die Anzahl an Studien zu diesem Thema weiterhin gering ist, können keine konkreten Aussagen zum Wert k bei SARS-CoV-2 gemacht werden.

Wie wirken sich Superspreader auf die Reproduktionszahl aus?

Die Reproduktionszahl für Deutschland wird durch das Robert-Koch Institut anhand der bestätigten Neuinfektionen berechnet. Dazu werden die Zahlen der innerhalb der letzten sieben Tage gemeldeten Infektionsfälle miteinander verglichen.

Kommt es zu einem Superspreading-Event, steigt durch die hohe Zahl an Neuinfektionen auch die bundesweite Reproduktionszahl dementsprechend an. Aus dieser Veränderung geht jedoch nicht hervor, ob es sich um einen deutschlandweiten Anstieg der Infektionszahlen handelt, oder ob diese zahlreichen Neuinfektionen im Rahmen eines Superspreading-Ereignisses lokal begrenzt sind.

Aus diesem Grund lohnt es sich bei der Betrachtung der Reproduktionszahl stets, auch die Ursachen für Veränderungen mit einzubeziehen und die jeweiligen Regionen zu betrachten.

Welche Erkenntnisse liefern Superspreader-Events bezüglich des Coronavirus?

Nach aktuellem Kenntnisstand kann davon ausgegangen werden, dass Superspreader-Ereignisse nicht allein für die Ausbreitung des Coronavirus entscheidend sind, aber einen wichtigen Faktor darstellen. In der Folge stehen Großveranstaltungen und Treffen größerer Gruppen in geschlossenen Räumen (vor allem über einen längeren Zeitraum) bei der Pandemie-Bekämpfung besonders im Fokus.

Auch mit Blick auf Mutationen des Coronavirus tragen Superspreader*innen mutmaßlichen einen wesentlichen Anteil an deren Verbreitung.

Auch unterstreicht das Wissen um die Superspreader*innen die Bedeutung, die der Rückverfolgung von Infektionsketten zukommt: Mit dem Wissen, wo sich eine Person angesteckt hat, könnten weitere Infizierte schneller gefunden und behandelt beziehungsweise in Quarantäne verbracht werden.

Können auch geimpfte Personen zu Superspreadern werden?

Nach bisherigem Kenntnisstand ist es grundsätzlich möglich, dass auch eine geimpfte Person zum Superspreader wird. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit dafür geringer als bei Ungeimpften, da durch die Impfung die Virenproduktion im Körper in der Regel deutlich eingeschränkt wird.

Ob und wie die Delta-Variante die Infektiosität von geimpften Personen beeinflusst, ist derzeit noch nicht geklärt. Bei Verdacht auf eine Infektion oder nach Kontakt zu einer nachweislich infizierten Person ist auch nach einer Impfung eine Selbstisolation deshalb sinnvoll.

Auch ist mittlerweile bekannt, dass der Impfschutz der Corona-Impfungen nach etwa fünf bis sechs Monaten deutlich nachlässt. Eine Auffrischungsimpfung kann also dazu beitragen, diese Schutzwirkung wieder zu erhöhen und bei einer Infektion auch die Viruslast möglichst niedrig zu halten – und so die Wahrscheinlichkeit eines Superspreading-Events zu reduzieren.

Quellen

Aktualisiert: 02.12.2021 - Autor: Jasmin Rauch, Medizinredakteurin

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