Kinderkrankheiten bei Erwachsenen

Erwachsene mit Kinderkrankheit © istockphoto, violet-blue

Viele einst bedrohliche Infektionskrankheiten sind in den Industrieländern dank konsequenter Impfprogramme zurückgedrängt oder nahezu "ausgerottet" worden. Die Pocken wurden sogar völlig zum Verschwinden gebracht. Zu den ernst zu nehmenden Infektionskrankheiten gehören auch die sogenannten Kinderkrankheiten: Sie sind hoch ansteckend und treten deshalb meist schon im Kindesalter auf. Infizieren können sich aber auch Erwachsene – unter Umständen mit schwerwiegenden Komplikationen für sich und andere.

Klassische Kinderkrankheiten

Fast jeder kennt sie, die klassischen Kinderkrankheiten wie:

Entweder, weil man sie selbst "durchlitten" hat oder weil sie im Bekanntenkreis aufgetreten sind; unter Umständen auch nur noch aus Erzählungen der Elterngeneration. Bei den meisten dieser Krankheiten gilt: Hat man sie einmal gehabt, ist man lebenslang immun. Als Kinderkrankheiten werden sie nur deshalb bezeichnet, weil die meisten Erwachsenen durch eine Infektion im Kindesalter beziehungsweise eine Impfung geschützt sind.

Impfmüdigkeit und ihre Folgen

Trotzdem ist derzeit zu beobachten, dass immer mehr Jugendliche und Erwachsene Kinderkrankheiten bekommen. Das liegt zum einen daran, dass viele Eltern sich selbst und ihre Kinder nicht mehr konsequent impfen beziehungsweise die Impfung auffrischen lassen; man spricht verharmlosend von Impfmüdigkeit.

Ein weiterer Grund ist, dass sich die ungeimpften Kinder heute nicht so leicht anstecken, weil sie in immer kleineren Familien oder ganz ohne Geschwister aufwachsen. So verschiebt sich der Zeitpunkt der Ansteckung immer weiter nach hinten.

Wie kann sich ein Erwachsener anstecken?

Ein Erwachsener kann eine Kinderkrankheit in der Regel nur dann bekommen, wenn er sie als Kind nicht durchgemacht hat und keinen Impfschutz besitzt. Aber sogar Geimpfte können unter gewissen Umständen erkranken: Nämlich dann, wenn sich nach der Impfung nicht genug Antikörper gegen die Erkrankung gebildet haben. Man nennt dies – bezogen auf alle Geimpften – eine Impflücke.

Bei der Masern-Mumps-Röteln-Impfung wird deshalb nach der ersten eine zweite Impfung vorgenommen. Diese Zweitimpfung ist keine Auffrischimpfung, sondern soll denjenigen, bei denen die erste Impfung nicht richtig "angeschlagen" hat, eine zweite Chance geben. Seit Juli 2001 wird diese Zweitimpfung von der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (STIKO) bereits im Alter von 15-23 Monaten und frühestens 4 Wochen nach der ersten Impfung empfohlen.

Welchen Komplikationen können auftreten?

Erkrankt ein Jugendlicher oder Erwachsener an einer Kinderkrankheit, ist der Verlauf häufiger ernst als bei einem kleinen Kind. Außerdem können erkrankte Erwachsene ihre ungeborenen oder neugeborenen Kinder gefährden. Typische Beispiele sind die Infizierung einer Frühschwangeren mit Röteln oder die Ansteckung eines Säuglings mit Keuchhusten.

Typische Kinderkrankheiten beim Erwachsenen

Im Folgenden stellen wir Ihnen die verschiedenen Kinderkrankheiten vor und erklären, welche Folgen eine Ansteckung im mit der jeweiligen Krankheit haben kann.

Keuchhusten (Pertussis)

Bei dieser hoch ansteckenden und vor allem langwierigen Infektionskrankheit erfolgt die Übertragung durch das Einatmen infektiöser Tröpfchen beim Sprechen, Husten, Niesen (deshalb Tröpfcheninfektion genannt). Zumeist beginnt die Erkrankung wie eine harmlose Erkältung mit Schnupfen und Husten. Im weiteren Verlauf treten – meist nachts – die typischen, abgehackten Hustenanfälle (Stakkatohusten) auf, die vor allem bei Säuglingen zu Atemnot führen können.

Die Erkrankung oder die Impfung hinterlassen eine lang anhaltende aber nicht lebenslange Immunität. Wenn die Immunität abnimmt (bei durchgemachter Erkrankung: nach etwa 15-20 Jahren; bei vollständiger Impfung: nach etwa 10 Jahren) verläuft die Keuchhustenerkrankung bei Jugendlichen und Erwachsenen meist untypisch; sie sind deshalb oft ansteckend, ohne es selbst zu bemerken. So können sie einen ungeschützten Säugling infizieren, bei dem eine Impfung erst ab dem dritten Monat möglich ist. Für diese Altersgruppe ist die Erkrankung besonders gefährlich, denn bei ihnen kann die Atmung aussetzen.

Damit junge Erwachsene nicht zur Gefahr für ihren Säugling werden, spricht sich die STIKO für eine Auffrischimpfung bei allen 9-16-Jährigen und für eine  Auffrischung bei Erwachsenen aus. Frauen mit Kinderwunsch oder Personen, die häufig mit Babys in Kontakt kommen, sollten sicherstellen, dass ihre letzte Pertussis-Impfung nicht mehr als zehn Jahre alt ist.

Seltene Komplikationen der Erkrankung sind Lungenentzündungen und neurologische Störungen. Je älter die erkrankte Person ist, umso höher ist jedoch die Wahrscheinlichkeit eines schwerwiegenden Verlaufs.

Wichtig: Den besten Schutz bietet eine Impfung im Säuglingsalter.

Masern (Morbilli)

Masern sind eine keineswegs harmlose, hoch ansteckende Infektionskrankheit. Sie werden per Tröpfcheninfektion übertragen und hinterlassen eine lebenslange Immunität. Dank einer konsequenten Impfpraxis ist die Häufigkeit von Masern-Erkrankungen  in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Trotzdem kommt es immer noch zu weiträumigen Ausbrüchen.

Die Erkrankung beginnt mit grippalen Beschwerden, nach etwa 3-5 Tagen kommt es zum typischen Masern-Ausschlag am ganzen Körper. Seltene, aber schwere Komplikationen der Krankheit sind zum Beispiel Lungen- und Mittelohrentzündungen sowie die besonders gefürchtete Gehirn-/Hirnhautentzündung, an der die Erkrankten nicht selten sterben oder zumindest dauerhafte Schädigungen zurückbehalten.

Auch hier wächst die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen mit steigendem Lebensalter. Während bei Kleinkindern auf 10.000 Masernerkrankungen eine Gehirnentzündung kommt, tritt sie bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bei einem von 500 Maserninfizierten auf.

Wichtig: Vorbeugend kann im Kleinkindalter geimpft werden (Masern-Mumps-Röteln-Impfung im Alter von 11-23 Monaten, kurz: MMR-Impfung), und zwar zweimal, um Impflücken zu vermeiden! Bei Jugendlichen, die diese Zweitimpfung nicht haben, sollte der Impfstatus überprüft werden. Die STIKO empfiehlt außerdem ungeimpften Personen, die in Kindereinrichtungen arbeiten, sich impfen zu lassen.

Mumps (Ziegenpeter, Parotitis epidemica)

Mumps ist eine Infektionskrankheit, die per Tröpfcheninfektion übertragen wird und zu einer lebenslangen Immunität führt. Es kommt zu einer schmerzhaften Entzündung der Ohrspeicheldrüsen (Parotitis) mit Schwellungen, Schmerzen und Fieber. Häufiger als bei Kleinkindern verläuft Mumps beim Erwachsenen mit Komplikationen. Die Erkrankung dehnt sich auf andere Organe aus, infiziert vor allem die Bauchspeicheldrüse, Gehirn oder Hirnhäute.

Eine seltene, aber dennoch typische Folge der Erkrankung ist die meist einseitige, mitunter auch beidseitige Hörstörung. Eine häufige und besonders unangenehme Komplikation trifft geschlechtsreife Jungen und erwachsene Männer: Bei gut einem Viertel der männlichen Erkrankten tritt eine Hodenentzündung (sogenannte Mumps-Orchitis) auf, die zur Unfruchtbarkeit führen kann. In der Schwangerschaft kann die Erkrankung – vor allem wenn sie während der ersten drei Monate auftritt – eine Fehlgeburt auslösen.

Wichtig: Die Impf-Empfehlungen entsprechen denen bei Masern.

Röteln (Rubeola)

Die Übertragung dieser für Kinder meist harmlosen Erkrankung erfolgt durch Tröpfcheninfektion. Typische Symptome sind Fieber (selten über 39 Grad Celsius), Gelenkbeschwerden, Lymphknotenschwellungen (im Nacken) und der hellrote, feinfleckige Hautausschlag am ganzen Körper. Seltene, jedoch mit zunehmendem Lebensalter häufigere Komplikationen sind zum Beispiel Ohr-, Gehirn- und Gelenkentzündungen.

Besonders gefürchtet sind die Röteln in der Schwangerschaft: Dann besteht das Risiko, dass die Infektion auf das Kind im Mutterleib übertragen wird. Dabei kann besonders in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft das Ungeborene schwer geschädigt werden (Röteln-Embryopathie). Es kann zu Fehlbildungen des Herzens und des Gehirns, zu Blindheit und Taubheit kommen.

Wichtig: Einen wirksamen Schutz bietet die Maser-Mumps-Röteln-Impfung im Kleinkindalter, und zwar für Mädchen und Jungen (!). Frauen mit Kinderwunsch sollten bei ihrem Arzt einen Bluttest auf Antikörper gegen Rötelnviren machen lassen und sich bei fehlendem Schutz impfen lassen. Außerdem empfehlenswert ist die MMR-Impfung in Einrichtungen der Geburtsvorbereitung und -hilfe sowie der Säuglings- und Kinderpflege. Da es keine Altersbegrenzung gibt, kann die Impfung in jedem Alter nachgeholt werden.

Windpocken (Varizellen, Wasserpocken)

Windpocken sind eine sehr ansteckende Infektionskrankheit, die per Tröpfcheninfektion, aber auch durch die Luft (beziehungsweise mit dem Wind) übertragen wird. Wie bei den meisten Infektionskrankheiten gibt es anfangs ein uncharakteristisches Krankheitsstadium mit allgemeinem Krankheitsgefühl. Danach kommt es zu Fieber und dem typischen Hautausschlag mit linsengroßen rötlichen Flecken, die sich zu wasserhaltigen Bläschen umbilden. Der Ausschlag juckt heftig und kann – wenn er aufgekratzt wird – Narben hinterlassen.

In der Regel erkrankt der Mensch nur einmal im Leben an Windpocken. In einigen Fällen überleben die Viren allerdings in den Nervenknoten und können – neu aktiviert (zum Beispiel bei Immungeschwächten aber auch völlig Gesunden) – eine schmerzhafte Gürtelrose auslösen. Seltene Komplikationen sind Entzündungen:

  • des Gehirns
  • der Lungen
  • des Mittelohrs
  • des Herzmuskels

Kommt es bei einer Schwangeren zu einer Erkrankung, kann dies beim Kind zu Hautnarben, Augenmissbildungen und krankhaften Veränderungen des Gehirns führen. Ganz besonders schwere Konsequenzen hat es, wenn eine Schwangere 5 Tage vor der Geburt oder bis zu 48 Stunden danach erkrankt: 30 % der zu diesem Zeitpunkt angesteckten Neugeborenen sterben.

Wichtig: Gegen Windpocken gibt es eine Impfung, die besonders für gefährdete Menschen wichtig ist, zum Beispiel Patienten vor einer Organtransplantation oder vor einer Behandlung, die das Immunsystem schwächt. Die Windpocken-Schutzimpfung wird von der STIKO außerdem für alle Kinder und Jugendliche empfohlen. Die erste Impfung sollte im Alter von 11-14 Monaten durchgeführt werden, kann jedoch auch jederzeit danach erfolgen. Die zweite Impfung sollte im Alter von 15-23 Monaten erfolgen. Noch ungeimpfte 9-17-Jährige sollten möglichst bald geimpft werden, da die Erkrankung bei ihnen mit einer höheren Komplikationsrate einhergeht.

Aktualisiert: 24.08.2018 – Autor: Ina Mersch; Robert Koch Institut

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