Experteninterview zum Reizdarm-Syndrom

Frau Prof. Dr.med. Susan L. Lucak ist stellvertretende Direktorin des Zentrums für Darmkrankheiten (Center for Intestinal Dysfunction) und Gastroenterologin am Columbia-Presbyterian Medical Center in New York. Sie hat zudem einen Lehrstuhl für klinische Medizin am College of Physicians & Surgeons der Columbia-Universität in New York. Dr. Lucak: Reizdarm ist in den USA die gängigste Erkrankung des Magen-Darm-Trakts, von der 15 bis 20 Prozent der US-Amerikaner betroffen sind. In Westeropa sind es ungefähr 15 Prozent der Bevölkerung. Das Leiden äußert sich in Bauchschmerzen oder Unwohlsein in Verbindung mit Durchfällen (mehr als drei Darmentleerungen pro Tag) bzw. Verstopfung (weniger als drei Darmentleerungen pro Woche), oder abwechslungsweise Durchfall und Verstopfung bei ein und derselben Person. Die Symptome mögen unbedeutend erscheinen, können aber durchaus schwerwiegend werden und die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen. Menschen mit einem Reizdarm fehlen oft in der Schule oder am Arbeitsplatz wegen Symptomen der Krankheit.

Was verursacht IBS?

Die exakte Ursache für den Reizdarm kennen wir nicht. Die meisten Experten vermuten eine Funktionsstörung des nervösen gastrointestinalen Systems (das autonome, intramurale Nervensystem der Eingeweide, auch: "zweites Hirn" genannt) als Grundlage für die Erkrankung. Dieses Netzwerk ist von der Struktur her genauso komplex aufgebaut wie unser Hirn. Es ist zuständig für die Steuerung gastrointestinaler Funktionen wie Wahrnehmung von Schmerz im Darmbereich, Darmbewegung und Sekretion der Verdauungssäfte.

Menschen mit Reizdarmsyndrom tendieren zu erhöhter Schmerzempfindlichkeit, erhöhter Darmaktivität und vermehrter Sekretion von Verdauungssäften in den Darm. Das Nervensystem des Darms ist mit dem Gehirn durch Nervenzellen in beide Richtungen verbunden. Stress oder emotionale Probleme, die auf das menschliche Hirn einwirken, werden also auch an die Eingeweide weitergeleitet. Erhöhter Stress kann demnach verstärkte Reizdarmsyndrome nach sich ziehen.

Wer ist gefährdet, ein Reizdarmsyndrom zu entwickeln?

In den USA sind Frauen zwei- bis dreimal so häufig vom Reizdarm betroffen wie Männer. In Indien ist es umgekehrt - dort sind es sechsmal mehr Männer. Es gibt keine einheitliche Verteilung auf der Erde, und es ist nicht einfach, das Muster zu erklären. Vermutlich haben die Menschen in verschiedenen Kulturen ihr eigenes Verständnis von medizinischer Vorsorge. Der Geschlechterunterschied bezüglich Auftreten des Reizdarms muss noch genauer untersucht werden.

Wie merkt die betroffene Person, ob sie am Reizdarmsyndrom leidet? Welches sind die spezifischen Merkmale?

Die IBS-Symptome melden sich wiederholt und in regelmäßigen Abständen. Zu den Krankheitsmerkmalen gehören Bauchschmerzen oder Unwohlsein, das sich nach Stuhlgang bessert. Auch Durchfall, Verstopfung oder das Auftreten von Verstopfung abwechselnd mit Durchfällen sind mit der Krankheit assoziiert. Weiter gehören Blähungen, das Gefühl unvollständiger Entleerung nach dem Stuhlgang, und dem Stuhl beigemengter Schleim zu den Symptomen.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Die Diagnose IBS wird gemäss den ROME-II-Richtlinien aufgrund klinischer Symptome gestellt. Dazu zählen Bauchschmerzen oder Unwohlsein, die sich nach dem Stuhlgang bessern, Durchfälle oder Verstopfung, oder abwechselnd Verstopfung und Durchfall während dreier Monate innerhalb eines Jahres, nicht zwingend in drei aufeinander folgenden Monaten.

Wie wird IBS behandelt?

Früher hat man nur die Symptome der Krankheit behandelt. Man tat dies, weil man die Ursache für das Reizdarmsyndrom nicht kannte. Während den letzten zwei Jahrzehnten haben wir tiefere Einsichten ins Nervensystem der inneren Organe gewinnen können. Das eigenständige, "zweite Hirn" liegt an der Wurzel des Problems des irritablen Kolons. Zusätzlich spielt Serotonin, ein in großen Mengen vorhandener Neurotransmitter, für die Funktion dieses autonomen Nervensystems eine wichtige Rolle. Tatsächlich sind 95 Prozent des im Körper vorhandenen Serotonins im Magen-Darm-Trakt lokalisiert.

Was bereitet Menschen mit IBS den größten Stress?

Das Leben für Menschen mit IBS ist an sich stressig, da die Symptome unvermittelt auftreten. Die Bauchschmerzen können sehr stark sein und das tägliche Leben beeinträchtigen. Die Betroffenen müssen sich laufend über die nächstliegenden öffentlichen Toiletten informieren, da sie bei Durchfall und Stuhldrang unter Umständen die Kontrolle über den Mastdarm verlieren (Stuhlinkontinenz). Ist Verstopfung das Hauptproblem, können die Patienten Völlegefühl oder Schmerzen empfinden. Sie benötigen viel Zeit auf dem Klo, um zu pressen und ihren Darm zu entleeren. All das beeinträchtigt die Lebensqualität.

Oftmals leiden die Patienten auch im Stillen, weil es sich nicht ziemt, öffentlich über die Symptome zu sprechen. Häufig ziehen sich die Betroffenen aus ihrem Umfeld zurück, sind gezwungen, der Schule oder Arbeit fernzubleiben, oder vermeiden gesellschaftliche Anlässe. All das führt bei einigen Patienten zu großem Stress.

Können Sie bitte einige der Nebenwirkungen nennen, die sich aus der Behandlung von IBS ergeben?

Die anticholinergischen Medikamente für milde Formen von IBS können Schläfrigkeit, Mundtrockenheit, leichten Schwindel und Verstopfung nach sich ziehen. Die trizyklischen Antidepressiva hingegen sind von ähnlichen Nebenwirkungen wie die krampflösenden Medikamente begleitet. Sie können auch eine bedeutende Gewichtszunahme auslösen.

Inwiefern spielen psychologische Faktoren eine spezielle Rolle für IBS?

Für einige Patienten können psychologische Faktoren eine sehr wichtige Rolle spielen. Weil das "erste Hirn" mit dem "zweiten" in Verbindung steht, widerspiegelt sich in den Därmen, was im Kopf vorgeht. Stress an sich löst noch kein IBS aus, jedoch vermag er die Symptome zu verschlimmern. Maßnahmen gegen Angstanfälle, Depressionen und andere psychologische Auffälligkeiten sollten kombiniert mit der auf den Darm abgestimmten Behandlung gegeben werden, um eine ganzheitlichere Verbesserung des Gesundheitszustandes zu erreichen.

Hypnose, Biofeedback, kognitive Verhaltenstherapie sowie psychodynamische Therapie haben sich bei angemessener Anwendung als heilsam erwiesen. In kürzlich veröffentlichten Studien wurde offensichtlich, dass eine kombinierte Behandlung der psychologischen wie der gastrointestinalen Faktoren zu einem verbesserten Gesamtzustand führten.

Besteht also eine Verbindung von Körper und Geist?

In gewisser Weise schon, ja. Ich nenne es Kopf-Darm-Interaktion.

Was geschieht mit Patienten, die sich nicht konventionell, sondern alternativ behandeln lassen wollen?

Alternative Behandlungsmethoden werden weltweit bei IBS-Patienten eingesetzt, und sie scheinen recht wirksam zu sein. Ich selbst habe damit noch keine Erfahrung. Ich habe aber in Indien die ayurvedische Behandlungsmethode kennengelernt. Sie beinhaltet Buttermilcheinlauf, Massage- und Dampftherapie und neben weiteren Elementen auch Meditation. Der Schwerpunkt wird auf die Erhaltung der Gesundheit gelegt und richtet sich auf die Behandlung von Körper und Geist. Ich halte alternative Behandlungsmethoden für sehr effektiv und denke, dass sich der einzelne vorher darüber informieren sollte.

Müssen IBS-Patienten ihre Ernährung umstellen?

Viele Leute denken, ihr Darm funktioniere gemäß der Nahrung, die ihm zugeführt wird. Es gibt keine spezifische Diät für IBS. Im Allgemeinen empfehle ich meinen Patienten, sich faserreich zu ernähren, um das Stuhlvolumen zu vergrößern und den Stuhl leichter passierfähig zu machen. Um die ganze Verdauungspassage fließender zu gestalten, hilft es, täglich sechs bis acht Gläser Wasser zu trinken.

Ich empfehle auch fettarme Ernährung, da fettreiches Essen zu vermehrten Darmbewegungen und somit eher zu krampfartigen Erscheinungen und Schmerzen in der Bauchgegend führt.

Es ist wichtig, zu wissen, ob der Patient an einer Laktoseintoleranz leidet, um Laktose (Milchzucker) von der Nahrung auszuschließen. Einige Patienten haben spezifische Nahrungsunverträglichkeiten; sie sollten die jeweiligen Nahrungsmittel meiden.

Können wir etwas tun, um nicht an IBS zu erkranken?

Da wir die Ursache für IBS nicht kennen, wissen wir auch nicht, wie wir vorbeugen können. Im Falle einer postinfektiösen IBS kann man immerhin eine akute Magen-Darm-Erkrankung verhindern. In der Praxis ist das schwierig zu realisieren. Was die psychische Seite des Reizdarmsyndroms betrifft, so müsste man sich die Frage stellen, wie man Stress im Leben vermeiden bzw. den negativen Seiten des Lebens vorbeugen kann.

Hier möchte ich etwas Wichtiges erwähnen. IBS ist nicht nur einfach ein Symptom, sondern ein breit gefächertes Krankheitsbild. Es gibt vermutlich viele Faktoren, die zu den unterschiedlichen Symptomen von IBS führen. Wenn wir diese Faktoren besser zu verstehen lernen, können wir IBS auch besser vorbeugen. Die Krankheit wurde erstmals 1849 beschrieben. Wir können noch viel darüber lernen!

Wie sieht die Prognose für Personen mit IBS aus?

Für IBS gibt es keine Heilung, aber durch gezielte, auf die inneren Organe und das Hirn gerichtete Behandlung kann die Krankheit gehandhabt werden. So behandelte Patienten können bereits ein viel besseres Leben führen.

Aktualisiert: 31.05.2012 - Autor: gesundheit.de

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