Haaranalyse (Haaranalytik)

Napoleons Lieblingsfarbe war Grün – deshalb hatten seine Tapeten diese Farbe. Das wurde ihm wahrscheinlich zum Verhängnis: Er starb an einer chronischen Vergiftung mit Arsen, Bestandteil der damals benutzen grünen Farbstoffe. Vielleicht wurde er aber auch bewusst vergiftet. Wie kommt man zu solchen Vermutungen, Jahrhunderte nach seinem Tod? Seine Haare zeigten den Wissenschaftlern des Rätsels Lösung.

Haare sind aus Horn bestehende Gebilde, die der Haut entwachsen. Ihr unterer Teil, die Haarwurzel, nimmt am Stoffwechselgeschehen teil, verhornt dann und wird dabei nach außen geschoben, durchschnittlich ein Zentimeter pro Monat. Haare sind nicht wirklich nötig – ihre Aufgaben Wärmeisolierung, Reibungsminderung und Mitwirkung beim Berührungssinn können auch gut durch andere Strukturen übernommen werden. Psychologisch haben sie einen höheren Stellenwert – als Teil der individuellen Ausdrucksform werden sie geformt und geföhnt, geschnitten und verlängert, geglättet, in Locken gelegt und gefärbt.

Spurensuche auf dem Kopf

Vor allem in der Rechts- und Umweltmedizin dienen Haare dem Nachweis von Giften, Drogen und Spurenelementen. Dafür eignen sie sich ausnehmend gut – solche Stoffe und ihre Abbauprodukte lagern sich während des Verhornens gern in der Haarstruktur ein und bleiben dort auch noch nach langer Zeit nachweisbar. Hat die Leber den übermäßig genossenen Alkohol nach wenigen Stunden soweit abbaut, dass auch bei einem Alkoholtest der Führerschein nicht abgenommen wird, verraten Haare auch noch nach Wochen, ob der Haarträger raucht.

Vor- und Nachteile einer Haaranalyse

Vorteil ist also, dass die Haare nicht wie Blut oder Urin nur eine Momentaufnahme des derzeitigen Körpergeschehens sind, sondern chronische Belastungen oder Vergiftungen über einen längeren Zeitraum spiegeln. Nachteil ist, dass nicht alle Stoffe gleich gut nachweisbar sind und dass chemische Behandlung der Haare wie Färben oder häufiges Schwimmen in Chlorwasser das Ergebnis der Analyse unbrauchbar machen können. Außerdem sind nicht nur durch Essen, Inhalieren oder Injizieren aufgenommene Fremdsubstanzen in Haaren nachweisbar, sondern auch direkter Kontakt z. B. mit Stäuben kann zu Ablagerungen führen. Diese Aufnahmearten zu unterscheiden, ist bei bestimmten Stoffen schwierig.

Durchführung und Auswertung von Haaranalysen

Zur Probe werden etwa 500 mg Haare (ca. 2 Esslöffel voll) bzw. 2 Haarbüschel mit einem Durchmesser von je 5 mm benötigt. Die Länge sollte 2–3 cm nicht unterschreiten. Das Haar wird direkt an der Kopfhaut abgeschnitten. Am besten werden die Details der Entnahme mit dem jeweiligen Labor abgestimmt. Kosmetisch behandelte Haare (Färben, Tönen, Dauerwelle etc.) können nicht verwendet werden. Um die Ergebnisse korrekt beurteilen zu können, sollten idealerweise auch andere Faktoren berücksichtigt werden. Dazu gehören Einflussgrößen wie Geschlecht, Alter, Jahreszeit, Wohnart, Trinkwassergehalt, Rauchverhalten, Staubbelastung am Arbeitsplatz, Metallniederschlag im Innenraum bzw. Blei in der Außenluft und Hobbyaktivitäten. Darüber hinaus ist auch die Dokumentation von Haarfarbe, Haartyp, Angaben zum Haarwaschen und verwendeten Shampoo, Behandlung der Haare und Schwimmgewohnheiten relevant.

Aktualisiert: 21.11.2013 - Autor: Dagmar Reiche

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