Hormonstörungen

Direkt wirkende Hormone

Auch die Stoffe, die in den Hormondrüsen vom Fließband rollen, haben teilweise unaussprechliche Namen. Glücklicherweise ändert das nichts an ihrer Wirksamkeit.

  • Schilddrüsenhormone: Thyroxin (T4), Trijodthyronin (T3), Kalzitonin
  • Bauchspeicheldrüsenhormone: Insulin, Glukagon
  • Nebennierenhormone: Adrenalin, Kortisol, Aldosteron, Dopamin
  • Nebenschilddrüsenhormone: Parathormon
  • Geschlechtshormone, gebildet in Hoden, Eierstöcken, Nebennieren: Androgene, (v.a. Testosteron), Gestagene (v.a. Progesteron), Östrogene
  • Auch im Gehirn werden einige Hormone gebildet, die nicht den Umweg über die Hormonfabriken gehen, sondern bei Bedarf direkt zum Zielorgan wandern.
    • Vorderlappen der Hirnanhangsdrüse: Somatotropin (STH, Wachstumshormon), Prolaktin (milchbildendes Hormon), Melanozyten stimulierendes Hormon (MSH)
    • Hinterlappen der Hirnanhangsdrüse: Oxytozin (Wehen auslösendes Hormon), Vasopressin (ADH, zur Regulierung des Flüssigkeitshaushaltes). Genau genommen sind diese Hormone Undercoveragenten: Sie werden bereits im Hypothalamus gebildet. Da dort aber offiziell nur die Organisation, aber keine Produktion stattfindet, gelangen sie auf Schleichwegen (über Nerven) in die Hirnanhangsdrüse und warten dort auf einen Arbeitseinsatz.

Hormonstörungen – kleine Änderungen, große Folgen

Hormone, Steuer- und Zielorgane bilden ein komplexes System. Wird an einer Stelle etwas geändert, kann das Anpassungen an vielen anderen Orten bedingen. Der Sinn dieses fein abgestimmten Gefüges ist, die Reaktionen des Körpers und seiner Organe optimal auf die aktuellen, mittel- und langfristigen Bedürfnisse einzustellen. Durch die Regelkreise und vielfachen Kontrollen ist gewährleistet, dass jede Stelle das tut, was dem Ganzen zuträglich ist.

Aber in der Vernetzung liegt auch die Gefahr: Zieht eine Stelle nicht mit am Strang, kann das große Auswirkungen haben. Oder, um beim Beispiel aus der Wirtschaft zu bleiben: bricht Streik in einer der Fabriken aus, herrscht Stau auf den Verkehrswegen, überschwemmen plötzlich ausländische Anbieter den Markt mit ähnlichen Produkten (oft günstiger aber mit schlechter Qualität), ändern die Chefs ihre Strategie, werden Memos unter dem Schreibtisch vergraben, statt sie in die Tat umzusetzen oder sind die Endkunden im Urlaub oder machen etwas anderes als erwartet – all das kann zu Verwerfungen im System führen, im schlimmsten Fall bis zum Zusammenbruch.

Aufgrund der engen Verflechtungen ist es häufig gar nicht so einfach, den eigentlichen Auslöser der Probleme zu identifizieren. Und die normalen Marktschwankungen – so steigt und sinkt der Östrogenspiegel wie der Aktienkurs in bestimmten Zyklen, allerdings besser vorhersagbar – müssen dabei auch noch berücksichtigt werden.

Auf der Suche nach den Übeltätern

Störungen können an allen Stellen des Systems auftreten und sogar an mehreren Orten gleichzeitig. So können die Hormon bildenden Drüsen oder Steuerungszentren im Gehirn genau so betroffen sein wie die Zielorgane oder die Eiweiße, mit denen die Hormone im Blut transportiert werden. Darüber hinaus gibt es auch noch Tumoren, die Hormone bilden, ohne sich um die Rückkopplungsmechanismen zu kümmern.

Schrittweise vorgehen

Um dieser vertrackten Situation Herr zu werden, ist meist ein schrittweises Vorgehen sinnvoll. Anhand der Beschwerden und Befunde bei der körperlichen Untersuchung lässt sich oft schon eingrenzen, welches Teilsystem oder Hormon betroffen sein könnte. So zeigen zum Beispiel Patienten mit der Krankheit Akromegalie einer vermehrten Bildung von Wachstumshormon, typische Veränderungen im Gesicht und an den Händen oder Betroffene mit Schilddrüsenstörungen typische Symptome wie Herzrasen oder Schwitzen.

Anschließend wird die Konzentration der entsprechenden Hormone im Blut und/oder Urin bestimmt ("Hormonspiegel"). Dabei ist häufig zu berücksichtigen, dass dieser (tages)zeitlichen Schwankungen unterliegen kann. Da die Konzentration von Hormonen sehr gering ist, werden dafür äußerst empfindliche Labormethoden eingesetzt. Viele Hormone verlieren außerhalb des Körpers schnell ihre Wirksamkeit und müssen deshalb entsprechend gewonnen und zügig transportiert werden. In dieser Phase können – je nach vermuteter Ursache – auch die entsprechenden Organe mittels bildgebender Verfahren wie Ultraschall beurteilt werden.

Ursache oder Folge?

Findet sich tatsächlich ein erhöhter oder erniedrigter Hormonspiegel, muss geprüft werden, ob dieser Ursache oder Folge ist. So können erhöhte Schilddrüsenhormone durch einen Schilddrüsentumor produziert werden, aber auch Folge dessen sein, dass im Gehirn zu viele Releasing-Hormone ausgeschüttet werden. Das wiederum kann daran liegen, dass dort die Störung sitzt oder daran, dass dort die falsche Meldung ankommt, dass zu wenig Schilddrüsenhormone im Blut sind.

Untersuchungsmethoden

Sie sehen – es ist gar nicht so einfach, der Sache auf den Grund zu gehen. Hilfreich sind dabei Stimulationstests, bei denen überprüft wird, ob und wie der Körper auf bestimmte Hormone reagiert.

Auch hier lassen sich wieder bildgebende Verfahren einsetzen, insbesondere im Rahmen von Funktionstests. So wird zum Beispiel bei der Szintigrafie eine radioaktive Substanz gegeben, die sich in Abhängigkeit von den Stoffwechselvorgängen in einem bestimmten Organ, zum Beispiel in der Schilddrüse, einlagert. So lassen sich dessen Funktion beurteilen und Krankheitsherde erkennen. Hormonuntersuchungen sind immer Bestandteil der Diagnostik bei ungewollter Kinderlosigkeit.

Sie werden auch zur Therapieüberwachung eingesetzt: Steigt zum Beispiel der Hormonspiegel nach der Entfernung eines Tumors wieder an, spricht das für einen Rückfall.

Auslöser erkannt – Gefahr gebannt?

Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und reicht von der medikamentösen Therapie (mit regelmäßigem Ersetzen direkt wirkender Hormone oder der Gabe von die Ausschüttung fördernden bzw. hemmenden Hormonen) über Radio- und Chemotherapie bis hin zur Operation (zum Beispiel der Tumorentfernung). Verlauf und Prognose hängen stark von der Ursache ab und sind aufgrund der vielfältigen Ursachen nicht pauschal bewertbar.

Aktualisiert: 20.01.2017 – Autor: Dagmar Reiche

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