Der psychopathologische Befund: Was gehört in diesen Befund?

Was gehört in den psychopathologischen Befund?

Viele Hirnleistungen, Denkprozesse und psychische Vorgänge werden untersucht und hinterfragt: Um Bewusstseinsstörungen auszuschließen, wird die Funktion der Sinne, die Orientierung, Gedächtnis und Erinnerung, Aufmerksamkeit, Konzentration und Auffassungsfähigkeit und die Möglichkeit zum situationsangepassten Verhalten geprüft.

Quantitative Bewusstseinstörungen wie Benommenheit, Somnolenz, Sopor, Präkoma und Koma, bei denen das Bewusstsein immer stärker eingeschränkt ist, unterscheidet man von qualitativen Bewusstseinsstörungen wie Delir und Dämmerzustand. Hierbei treten Halluzinationen, Angst, Reizbarkeit oder eine Bewusstseinseinengung auf.

Inhalte eines pathologischen Befundes

  • Die Orientierung prüft man mit Fragen zur Zeit, zur Situation, zum Ort und zur eigenen Person. Gerade bei organischen Hirnerkrankungen wie der Alzheimer-Demenz lässt die Orientierung zunehmend nach und zwar in der oben genannten Reihenfolge: Angaben zur eigenen Person sind am längsten möglich.
  • Aufmerksamkeit, Konzentration und Auffassungsfähigkeit lassen sich gut mit einfachen Tests prüfen, z.B. mit der Aufzählung von Wochentagen (vor- oder rückwärts), dem Buchstabieren längerer Wörter oder einfachen Rechenaufgaben. Eine Auffassungsstörung liegt vor, wenn jemand Schwierigkeiten hat, ein bekanntes Sprichwort zu erklären.
  • Gedächtnis und Erinnerung helfen uns, Erfahrenes zu behalten und wieder zu vergegenwärtigen. Um das Kurzzeitgedächtnis zu testen, bittet man den Patienten, sich mehrere Begriffe zu merken (Auto, Haus, Kuchen), und fragt diese etwas später ab. Lücken im Langzeitgedächtnis entdeckt man, wenn der Patient seine Lebensgeschichte chronologisch erzählt.
  • Bei einer Amnesie fehlt die Erinnerung zu einem bestimmten Zeitabschnitt – Paramnesien sind dagegen verfälschte Erinnerungen (z.B. das bekannte Déjà-vu-Erlebnis). Sie können bei jedem Menschen im Traum auftreten, kommen aber auch bei vielen psychiatrischen Erkrankungen vor.
  • Der weitere psychopathologische Befund befasst sich mit dem Denken und möglichen Denkstörungen, Affektivität und Antrieb. Denken ist ein Vorgang, bei dem eine Situation oder ein Gegenstand erfasst und verarbeitet wird. Die Verarbeitung beinhaltet auch immer das Beurteilen, Vergleichen, Abstrahieren und Schlussfolgerungen ziehen. Denken unterscheidet sich individuell hinsichtlich Tempo, Beweglichkeit und Inhaltsreichtum und ist stimmungsabhängig.
  • Bei formalen Denkstörungen ist der Ablauf des Denkens gestört, bei inhaltlichen Denkstörungen hingegen das Ergebnis des Denkens verändert. Das Denken kann verlangsamt, gehemmt, grüblerisch umständlich oder umgekehrt zerfahren und zu schnell sein – alles formale Denkstörungen – daneben sind Wahn, Zwänge oder Halluzinationen inhaltliche Denkstörungen, die den Betroffenen massiv in seinem Erleben und in der Interaktion mit seiner Umwelt beeinträchtigen.
  • Der Wahn ist eine komplexe inhaltliche Denkstörung, bei der Personen, Erinnerungen, Ideen, Stimmungen und Wahrnehmung falsch beurteilt werden und lebensbestimmend werden. Für den Betroffenen ist diese Wirklichkeit unkorrigierbar richtig, er ist nicht in der Lage, seine Vorstellungen kritisch zu hinterfragen. Häufige Themen für Wahnvorstellungen sind Verfolgungsgedanken, Schuld- und Versündigungsgedanken, eine massive Konzentrierung auf den Patienten (Beziehungswahn, "alles passiert nur meinetwegen") oder Liebe und Eifersucht.
  • Zwangsgedanken oder -handlungen sind nicht unterdrückbare Impulse, die der Betroffene sehr wohl als unsinnig oder unangenehm erkennt, gegen die er sich aber nicht wehren kann. Wahrnehmungsstörungen betreffen entweder unsere Sinnesorgane oder die Interpretation des Sinneseindrucks. Die häufigste Wahrnehmungsstörung ist die Halluzination, bei der ein Sinneseindruck ohne entsprechenden Reiz entsteht. Sie können jeden Sinn betreffen, allerdings treten z.B. optische Halluzinationen häufiger im Entzugsdelir auf und akustische Halluzinationen bei Schizophrenie.
  • Eine Störung des Ich-Bewusstseins ("ich bin ich selbst") kann sich darin äußern, dass der Betroffene das Gefühl hat, seine Gedanken und sein Willen werden von außen beeinflusst, diese schwere Störung ist bei der Schizophrenie häufig. Daneben ist auch ein Entfremdungsgefühl möglich ("ich nehme alles wie im Nebel wahr") – ein Gefühl, das auch bei jedem gesunden Menschen bei Übermüdung und unter Stress auftreten kann.
  • Die Affektivität beschreibt das gesamte Gefühlsleben eines Menschen – sowohl die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, sie adäquat der Situation anzupassen, als auch die Fähigkeit, eine Stimmung nicht unangemessen zu wechseln, kann gestört sein. Weitere Störungen des Gefühlslebens sind Angst, Panik und Phobien, die eine zunehmende Isolation des Betroffenen auslösen können und oft vegetative Symptome wie Herzrasen, Zittern oder Schweißausbrüche zeigen.
  • Der Antrieb ist die Grundaktivität jedes Menschen, individuell verschieden und zeigt sich in Initiative, Schwung, Tatkraft und Aufmerksamkeit, mit der man ein bestimmtes Ziel verfolgt. Sichtbar ist der Antrieb unter anderem an der Motorik, die je nach Störung verlangsamt, gehemmt, aber auch gesteigert und enthemmt sein kann. Eine Antriebshemmung ist bei depressiven Störungen ein häufiges Symptom.

Fast alle formalen und inhaltlichen Denkstörungen – Ausnahmen sind Wahnvorstellungen und oft Halluzinationen – werden vom Betroffenen wahrgenommen. Er kann den Ablauf seiner Denkprozesse mit dem gesunder Lebensphasen vergleichen und die teilweise sehr belastenden Veränderungen benennen.

Aktualisiert: 23.10.2017 – Autor: Nathalie Blanck

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