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Herdenimmunität als Schutz vor dem Coronavirus – funktioniert das?

Menschengruppe als "Herde" © istockphoto, Bim

Gesund sein und gesund bleiben – das wünschen sich wohl alle Menschen, nicht nur in Zeiten des neuen Coronavirus mit dem Namen SARS-CoV-2, der derzeit um die Welt geht. Jeder einzelne kann eine Menge für seine eigene Gesundheit tun. Darüber hinaus kann jeder auch einen Beitrag zur Gesundheit der Gesellschaft leisten, beispielsweise wenn es um den Schutz vor Infektionskrankheiten geht. Die Rede ist von der sogenannten Herdenimmunität. Impfungen spielen in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle. Je mehr Menschen sich durch eine Impfung vor einer Krankheit schützen, desto geringer ist die Gefahr, dass sich andere, nicht geimpfte Personen anstecken. Aber was bedeutet Herdenimmunität eigentlich genau? Und welche Rolle spielt sie im Zusammenhang mit dem Coronavirus und der daraus entstehenden Erkrankung COVID-19? Das und mehr erfahren Sie hier.

Herdenimmunität – was ist das?

Herdenimmunität (englisch: herd immunity) bedeutet gemäß der gängigen Definition, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe, bildlich gesprochen also die Herde, vor einer ansteckenden Krankheit geschützt ist, weil ein großer Anteil dieser Gruppe dagegen immun ist – entweder durch eine vorhergehende Infektion oder eine Impfung. Dadurch entsteht ein Schutz auch für diejenigen Mitglieder der Gruppe, die selbst nicht immun sind.

Häufig ist auch von Herdenschutz oder Herdeneffekt die Rede.

Wie funktioniert Herdenimmunität?

Hochansteckende Infektionskrankheiten können sich schnell ausbreiten, sodass innerhalb kurzer Zeit sehr viele Menschen daran erkranken. Ein gutes Beispiel hierfür sind Masern-Erkrankungen, die heute noch insbesondere in Entwicklungsländern häufig vorkommen und mitunter einen tödlichen Verlauf nehmen. Durch die konsequente Durchführung von Masern-Impfungen in den vergangenen vierzig Jahren konnte die Anzahl der Infektionen in Deutschland stark gesenkt werden.

Erreicht eine Bevölkerung eine Impfquote über 95 Prozent, dann sind nicht nur die geimpften Personen vor einer Ansteckung geschützt, sondern auch die Personen, die nicht geimpft sind. Das können unter anderem sein:

  • ungeimpfte Babys im Alter bis zu einem Jahr 
  • Menschen mit einer Immunkrankheit, die nicht geimpft werden können
  • Menschen, die bislang aus anderen Gründen nicht geimpft wurden

Durch das Erreichen des Schwellenwertes kommt es zur sogenannten Herdenimmunität. Die Erklärung dafür ist, dass Geimpfte die Krankheit nicht übertragen, eine Ansteckung insgesamt seltener erfolgt und die Krankheit sich viel langsamer oder gar nicht ausbreitet. Im besten Fall kann dies zur Ausrottung einer Infektionskrankheit führen, wie es etwa bei der Kinderlähmung (Polio) in Europa der Fall ist. Um dieses Ziel im Falle der Masern zu erreichen, wurde im März 2020 in Deutschland eine Impfpflicht gegen Masern eingeführt.

Warum ist Herdenimmunität von Bedeutung?

In jeder Bevölkerungsgruppe gibt es Personen, die zu alt, zu jung, zu krank oder immunschwach sind, um sich selbst impfen zu lassen. Doch gerade für diese Gruppen ist die Ansteckung mit einer Infektionskrankheit meist besonders gefährlich. Hier ist die Impfbereitschaft jeder einzelnen gesunden Person und der daraus abgeleitete Gemeinschaftsnutzen, die Herdenimmunität, besonders wichtig und von großer Bedeutung.

Ist Herdenimmunität auch ohne Impfung möglich?

Nicht nur Impfungen, sondern auch Infektionen können in bestimmten Fällen zu Herdenimmunität führen und vor einer Ansteckung schützen. Voraussetzungen dafür sind folgende:

  1. Das Immunsystem lernt aus der Infektion und wird genau gegen diese Infektion immun.
  2. Ein Großteil der Bevölkerung muss sich anstecken und die Erkrankung durchlaufen.

Das Risiko dabei liegt auf der Hand: Handelt es sich um eine schwerwiegende Erkrankung, dann besteht die Gefahr, dass viele Menschen im Verlauf daran sterben können.

Daher gilt eine vorbeugende Impfung unter Experten als der schonendere Weg, um Immunität zu erreichen. Im Gegensatz zum Durchleben der jeweiligen Infektionskrankheit, die mit einem unkalkulierbaren Verlauf oder Spätfolgen einhergehen kann, gelten die Nebenwirkungen bei Impfungen als recht gering – schwere Nebeneffekte sind äußerst selten. Denn bei einer Impfung wird das Immunsystem entweder durch die Gabe von abgeschwächten oder abgetöteten Erregern (aktive Impfung) oder durch die Gabe von Antikörpern gegen den jeweiligen Erreger (passive Impfung) darauf trainiert, diesen Erreger im Falle einer Ansteckung zu erkennen und zu bekämpfen.

Herdenimmunität bei Corona-Infektion?

Eine Pandemie, wie die derzeitige Infektionswelle mit dem Coronavirus, könnte theoretisch ebenfalls zu Herdenimmunität führen: Mit dem Virus infizierte Personen bleiben einige Zeit lang ansteckend, dann erholen sie sich, werden gesund und sind anschließend für einen noch nicht bekannten Zeitraum immun gegen eine erneute Coronavirus-Infektion. Je mehr Menschen die Erkrankung COVID-19 durchlaufen haben, desto eher wird eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus erreicht. So lautet der theoretische Idealfall.

Ab wann die Herdenimmunität greift, hängt auch davon ab, wie ansteckend eine Erkrankung ist. Experten gehen davon aus, dass 60 oder 70 Prozent der Bevölkerung gegen das Coronavirus immun sein müssten, um eine unkontrollierte Ausbreitung der Epidemie zu stoppen. 

Bis bei einer Erkrankung mit einer hohen Sterberate – bei Corona geht man von 0,7 bis 7 Prozent aus – eine Herdenimmunität eintritt, müsste mit vielen Todesfällen gerechnet werden. Zum Vergleich: Schätzungen zufolge liegt die Sterberate bei der jährlichen Grippewelle bei 0,1 bis 0,2 Prozent.

Hinzu kommt, dass durch das gleichzeitige Auftreten zahlreicher Infektionsfälle das Gesundheitssystem einer enormen Belastung ausgesetzt ist, wodurch möglicherweise die Versorgung der Infizierten, aber auch anderer behandlungsbedürftiger Menschen, nicht mehr sichergestellt werden könnte.

Herdenimmunität in Großbritannien – der richtige Weg?

Um Todesfälle durch die Atemwegserkrankung COVID-19 zu vermeiden, setzt die Europäische Union (EU) im Umgang mit dem Coronavirus auf die Strategie der sozialen Distanz (Social Distancing). Dabei werden durch Maßnahmen wie Quarantäne und Reisebeschränkungen Neuerkrankungen nach Möglichkeit reduziert und die Ausbreitung von COVID-19 verzögert.

Großbritannien hingegen setzte eingangs auf die Strategie, möglichst zügig eine Herdenimmunität zu erreichen, weshalb die Corona-Maßnahmen der britischen Regierung deutlich milder und zögerlicher ausfielen als in anderen Ländern. Nach anhaltender Kritik, unter anderem durch Wissenschaftler, die viele Todesfälle befürchteten und die Erfolge dieser Methode als ungewiss ansahen, änderte die britische Regierung am 16. März 2020 ihre Strategie und setzt nun ebenfalls auf verschärfte Maßnahmen zur Verzögerung der Ausbreitung.

Wie kann man sich vor einer Ansteckung schützen?

Besonders ansteckend sind Krankheitserreger, die durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen werden. Hierzu gehören Coronaviren ebenso wie Erkältungs- oder Grippeviren (Influenza) und auch einige Bakterien. Es gibt ein paar wichtige Regeln, um sich und andere vor einer Ansteckung mit diesen Erregern zu schützen:

  • Husten und Niesen in ein Einwegtaschentuch oder die Armbeuge – nicht in die Hände!
  • gründliches und häufiges Händewaschen mit Seife
  • Verzicht auf Händeschütteln
  • Hände vom Gesicht fernhalten
  • Abstand zu anderen Menschen halten, vor allem zu augenscheinlich erkrankten
  • jeweils regional geltende Mundschutzpflicht beachten, vor allem beim Einkaufen oder im öffentlichen Nahverkehr
  • Einhaltungen der Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO), beispielsweise bezüglich der Pneumokokken- und Grippeimpfung, die für bestimmte Risikogruppen empfohlen werden

Die rasche Verbreitung einer ansteckenden Krankheit, wie die Infektion mit dem Coronavirus, kann am besten eingedämmt werden, wenn sich jeder konsequent an diese Regeln hält. Die aktuelle Situation in Bezug auf die Ausbreitung des Coronavirus erfordert es darüber hinaus, zu Hause zu bleiben und Sozialkontakte bestmöglich zu vermeiden.

Diese Verhaltensweisen schützen nicht nur jeden selbst vor einer Ansteckung. Sie sollen auch dazu führen, dass sich das Coronavirus langsamer ausbreitet. Damit kann das Gesundheitssystem aufrechterhalten und erkrankte Menschen können auch in Zukunft angemessen medizinisch versorgt werden.

Quellen und weitere Informationen

Aktualisiert: 12.05.2020 – Autor: Dr. Isabel Siegel

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