Psychopharmaka - Rettung oder Verhängnis?

Frau nimmt Psychopharmaka © JESHOOTS

Substanzen, die das zentrale Nervensystem beeinflussen und so Wahrnehmung, Stimmung und Verhalten verändern, sind seit Urzeiten bekannt und wurden vor allem zu kultischen und religiösen Zwecken eingesetzt. Seit etwa 50 Jahren werden solche "auf die Seele wirkenden" Stoffe, Psychopharmaka, zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen verwendet. Die öffentliche Meinung wechselt zwischen Euphorie und Verdammung - kaum ein anderes Medikament wird so kontrovers und emotional diskutiert.

Chlorpromazin: Das erste aller Psychopharmaka

Emil Kraepelin, einer der Wegbereiter der modernen Psychiatrie und ihrer Diagnostik, beschäftigte sich Ende des 19. Jahrhunderts damit, wie Substanzen, z.B. Alkohol, Tee und Morphin einfache psychische Vorgänge beeinflussen. Ein erster Schritt in Richtung der Therapie psychiatrischer Störungen mittels Medikamenten war damit getan.

1950 wurde die Substanz Chlorpromazin künstlich hergestellt und ihre unerwartete Wirkung auf Schizophrenie entdeckt. Das erste Psychopharmakon war geboren - und wurde in den 50er Jahren schnell gefolgt von weiteren, die bei Erregungszuständen, Depressionen und anderen seelische Störungen eingesetzt werden konnten.

Substanzen mit Nebenwirkungen

Die anfängliche Euphorie, endlich etwas gegen psychische Leiden tun zu können, schlug schnell ins Gegenteil um. Die meisten dieser Substanzen hatten starke Nebenwirkungen, manchen machten anhängig. Auch die gerade in den Sechzigerjahren weit verbreitete Praxis, Patienten in psychiatrischen Anstalten mit solchen Substanzen generell "ruhigzustellen", trug nicht gerade zum Vertrauen in der Öffentlichkeit bei. Die negativen Meinungen sind seitdem nie verstummt, trotzdem gehören Psychopharmaka zur Standardtherapie in der Psychiatrie.

In den letzten Jahren geraten sie wieder verstärkt ins Kreuzfeuer der Kritik – die Verschreibungshäufigkeit hat nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland massiv zugenommen. Seit das ADHS - das "Zappelphilipp-Syndrom" - vermehrt diagnostiziert wird, kommt eine Substanz verstärkt zum Einsatz Methylphenidat, besser bekannt unter seinem Handelsnamen Ritalin®. Man schätzt, dass sie 40-mal häufiger verschrieben wird als noch vor 5 Jahren. Opipramol, ein Antidepressivum, wurde im Jahr 2003 in Deutschland fast 2 Millionen mal verordnet, insgesamt gingen etwa 50 Millionen Schachteln Psychopharmaka über den Ladentisch der Apotheken.

Doch bei aller Kritik: Es muss unterschieden werden, ob zum einen Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen in einem akzeptablen Verhältnis stehen und zum anderen, wie weit Gebrauch und Verordnung adäquat und verantwortungsvoll unter Ausschöpfung aller anderen Möglichkeiten geschehen. Nur weil ein Medikament nicht immer vernünftig eingesetzt wird, bedeutet es nicht, dass es nicht in bestimmten Fällen Berechtigung und Nutzen hat.

Liste von Psychopharmaka

  • Neuroleptika: wirken beruhigend und dämpfend, z.T. antipsychotisch; sie werden bei der Schizophrenie im akuten Anfall und zur Langzeitbehandlung eingesetzt. Es werden hoch- und niedrigpotente, atypische und Depot-Neuroleptika unterschieden.
  • Antidepressiva: wirken stimmungsaufhellend und antriebssteigernd oder angstlösend und antriebsdämpfend; Einsatz bei verschiedenen Fromen von Depressionen. Es werden tri-, tetra- und nichttrizyklische Antidepressiva, selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) und Monoaminoxidase-(MAO-)Hemmer unterschieden.
  • Tranquilizer: wirken beruhigend, angstlösend ("Anxiolytika"), schlaffördernd und teilweise muskelentspannend; sie können – wegen Suchtpotential nur zeitlich begrenzt – bei Angst- und Spannungszuständen verordnet werden.
  • Phasenprophylaktika: die – vor allem bei depressiven Störungen eingesetzten – rückfallverhütenden Medikamente Lithium und Antiepileptika (v.a. Carbamazepin).

Neben diesen Hauptgruppen werden auch Substanzen, die höhere Hirnfunktionen wie Konzentration, Gedächtnis und Aufmerksamkeit positiv beeinflussen, zu den Psychopharmaka im weiteren Sinn gezählt, wie zum Beispiel:

  • Schlafmittel (Hypnotika) und
  • Beruhigungsmittel (Sedativa),
  • Opiate und andere Schmerzmittel,
  • Psychostimulantien (z.B. Kokain) und
  • Halluzinogene (z.B. LSD) sowie
  • Nootropika

Neben der Einteilung nach ihrer klinischen Wirkung können Psychopharmaka auch nach dem Ort ihres Angriffspunktes im Gehirn und nach der Art des biochemischen Wirkungsmechanismus unterschieden werden.

Wirkung und Nebenwirkungen

Auch wenn ihre Wirkung im Einzelnen nur teilweise geklärt sind, haben die heute zur Verfügung stehenden Psychopharmaka einen festen Platz in der Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen. Indikationen sind insbesondere Schizophrenien, Depressionen und Manien sowie akute Angst- und Spannungszustände. Auch beim Drogenentzug kommen sie vorübergehend zum Einsatz. Das Spektrum möglicher Nebenwirkungen ist groß und auch innerhalb der Obergruppen unterschiedlich. Es wurde und wird versucht, Tabletten neuerer Generationen mit weniger Nebenwirkungen zu entwickeln, was bisher nur zum Teil gelungen ist.

Im Folgenden eine Auswahl möglicher Nebenwirkungen:

  • Neuroleptika: sog. "extrapyramidal-motorische Symptome", also vom Zentralnervensystem ausgehende Bewegungsstörungen ("Dyskinesien"). Diese können kurz nach Behandlungsbeginn z.B. als Zungenschlund- und Blickkrämpfe auftreten oder sich erst nach längerer Einnahme manifestieren. Daneben kann es auch zu starkem Bewegungsdrang und Parkinsonsyndrom, außerdem zu ähnlichen Beschwerden wie bei den Antidepressiva kommen.
  • Antidepressiva: Trockenheit von Schleimhäuten, Verstopfung, Gewichtszunahme, niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Zittern, Lust- und Potenzstörungen, Halluzinationen.
  • Tranquilizer: Unerwünschte Wirkungen sind Müdigkeit, Schwindel, Benommenheit, eingeschränktes Reaktionsvermögen, bei Älteren auch Erregungszustände und Verwirrtheit. Die meist verwendeten Wirkstoffe - Benzodiazepine (z.B. Valium®) - bergen bei längerer Einnahme die Gefahr der Abhängigkeit und dürfen deshalb nur zeitlich begrenzt verordnet und eingenommen werden. Wirkung und Nebenwirkungen werden verstärkt bei gleichzeitiger Einnahme von Alkohol oder manchen Schmerzmitteln. Werden größere Mengen eingenommen, besteht die Gefahr einer evtl. tödlichen Vergiftung.
  • Phasenprophylaktika: Lithium muss regelmäßig und unter engmaschiger Blutkontrolle eingenommen werden, da therapeutische und giftige Dosis nah beieinander liegen. Unerwünschte Wirkungen sind z.B. Übelkeit, Mundtrockenheit, Muskelschwäche und -zittern, Gewichtszunahme, Kropf.

Hilfestellung, aber keine Heilung

Immer gilt: Psychopharmaka beseitigen nicht die Krankheit, aber sie können helfen, quälende Symptome zu lindern oder sogar zum Verschwinden zu bringen. Sie können die Lebensqualität des Patienten verbessern und ihm bestenfalls einen normalen Alltag ermöglichen. Sie sind nur Hilfsmittel - Krücken, die das Laufen erleichtern.

Wichtig ist die kompetente Betreuung des Betroffenen. Um die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse Behandlung treffen zu können, ist großes Fachwissen nötig. Aus der Liste möglicher Medikamente muss dasjenige ausgewählt werden, das der individuellen Situation am besten gerecht wird. Psychopharmaka sind keine Medikamente, die "einfach so" verschrieben werden sollten und der Patient muss im Verlauf engmaschig untersucht werden.

Außerdem: Medikamente in Tablettenform sollten nicht als einzige Therapieform gewählt werden, sondern gleichwertig neben psycho- und soziotherapeutischen Maßnahmen stehen. Die Medikamente helfen, die akute Situation in den Griff zu bekommen und schaffen die Möglichkeit, dass der Patient eine tragfähige Beziehung zum Therapeuten – einem Nervenarzt, Psychiater oder Psychologen – aufbauen kann. Nicht nur Gespräche dienen der Krankheitsbewältigung, der Betroffene kann auch durch Verhaltenstraining lernen, wie er mit verschiedenen Situationen im Alltag, im sozialen Umfeld und in zwischenmenschlichen Beziehungen umgehen kann.

Aktualisiert: 06.06.2013 – Autor: Dagmar Reiche

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