Impfpflicht: Was spricht dafür, was dagegen?

In Österreich ist sie bereits beschlossen, auch in Deutschland soll der Ethikrat 2022 über die Einführung einer Impfpflicht diskutieren. Da die aktuelle Impfquote (68 Prozent) nicht ausreicht, um das Gesundheitssystem zu entlasten und eine Herdenimmunität aufzubauen, könnte die Impfpflicht gegen SARS-CoV-2 in Deutschland eingeführt werden. Impfskeptiker*innen wehren sich gegen die Impfpflicht, bereits Geimpfte hingegen befürworten diese häufig und hoffen auf die Rückkehr in ein normaleres Leben. Doch welche Argumente sprechen für und welche gegen eine Impfpflicht?

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PRO: niedrige Impfquote

Mann mit Herzhand Corona-Impfung © Getty Images/Anton Petrus
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Um sich selbst und andere ausreichend zu schützen und einen gemeinsamen Weg aus der Pandemie zu finden, reicht eine Impfquote unter 85 Prozent nicht aus. Da nach ersten Modellrechnungen bis zu 80 Prozent der Neuinfektionen von ungeimpften Menschen ausgehen, wäre eine Impfpflicht in diesem Zusammenhang durchaus sinnvoll. So könnten viele Neuinfektionen unterbunden sowie schwere Verläufe und somit eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden.

PRO: Mutationen können verhindert werden

Delta-Variante © Getty Images/Andriy Onufriyenko
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Viren wie das Coronavirus oder Grippevirus können sich vermehren, indem sie ihre Erbinformationen in die Körperzellen von infizierten Menschen einschleusen. Das Erbgut vermehrt sich, es entstehen verschiedene Kopien. Hierbei kann es zu kleinen Kopierfehlern kommen. Diese Veränderungen des Erbguts werden Mutationen genannt. Die Mutation kann anpassungsfähiger und somit infektiöser sein und sich dadurch schneller ausbreiten. Zudem können die Virus-Varianten den durch die Impfung entstandenen Antikörpern entgehen und somit auch für geimpfte Personen zur Gefahr werden.

Um die Ausbreitung der Varianten einzuschränken und die Entstehung neuer Varianten zu verhindern, ist ein Impfschutz besonders wichtig. Denn die durch die Impfung entstandenen Antikörper reagieren auf das Virus. Somit bleibt diesem weniger Zeit, um sich im Körper zu vermehren. Infizieren sich zudem weniger Menschen aufgrund des Impfschutzes, bleiben dem Virus weniger Wirte, in denen es mutieren kann.

PRO: Risiko für kommende Wellen wird weltweit minimiert

Weltkarte im Vordergrund die Corona-Impfung © Getty Images/Sandi Rutar
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Eine höhere Impfquote kann die Verbreitung des Virus insgesamt einschränken und somit weitere Wellen verhindern. Ist die Zahl der Impfungen weltweit hoch genug, bedeutet dies, dass das Risiko von Mutationen sowie weiteren Corona-Wellen auch ohne anhaltende Kontaktbeschränkungen verhindert werden kann. Der Weg zurück in ein normaleres Leben kann durch eine hohe Impfquote erreicht werden, ohne dass sich viele Menschen infizieren und im schlimmsten Fall an COVID-19 sterben müssen.

PRO: Impfstoffe sind sicher und getestet

Verschiedene Corona-Impfstoffe in einer Hand © Getty Images/Jatuporn Tansirimas
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Viele Impfskeptiker*innen haben sich bisher nicht gegen SARS-CoV-2 impfen lassen, da sie den schnell entwickelten Impfstoffen nicht vertrauen und Angst vor möglichen Langzeitfolgen haben.

Die Impfstoffe werden allerdings innerhalb weniger Tage vollständig vom Körper abgebaut und können sich deshalb nicht langfristig auf den menschlichen Körper auswirken.

Als Langzeitfolgen werden schwere und langanhaltende Nebenwirkungen, welche direkt nach einer Impfung auftreten können, bezeichnet. Die Impfung wirkt sich also nicht langfristig auf Geimpfte aus, Spätfolgen oder Langzeitfolgen sind nicht möglich. Je geringer die Anzahl an geimpften Personen (beispielsweise im Rahmen von Studien), desto wahrscheinlicher ist es, dass Langzeitfolgen gegebenenfalls nicht entdeckt werden.

Inzwischen wurden jedoch weltweit bereits über 7 Milliarden Impfdosen gegen SARS-CoV-2 verabreicht. Dabei wurden nur in seltenen Fällen Nebenwirkungen wie beispielsweise Herzmuskelentzündungen registriert, bei denen ein kausaler Zusammenhang mit der Impfung hergestellt werden konnte. Diese Nebenwirkungen konnten schnell behandelt werden, sofern nötig.

Die Technologie der mRNA-Impfstoffe wurde bereits vor der Corona-Impfung ausreichend und intensiv untersucht und auf Basis verschiedener Studien entwickelt. Die Dringlichkeit der Corona-Impfstoffe und die Fülle der Investor*innen erleichterten die Entwicklung der Impfstoffe in diesem Zusammenhang sehr stark. Die mRNA wird, wie jeder andere Impfstoff auch, vollständig im Körper abgebaut und dient einzig und allein als Bote der Virusinformationen. mRNA-Impfstoffe sollen auch in Zukunft als Basis verschiedener Impfstoffe dienen und eingesetzt werden.

PRO: gute Erfahrungswerte mit Masern-Impfung

Baby erhält Impfung © Getty Images/ Westend61
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Hohe Impfquoten erzielten bereits bei anderen Impfstoffen eine hohe Wirkung. Um die Bevölkerung ausreichend vor den gefährlichen Masern zu schützen, gilt seit dem 1. März 2020 das Masernschutzgesetz. Besonders Schul- und Kindergartenkinder sollen so wirksam vor Masern geschützt und die Ausbreitung der Krankheit verhindert werden. Der niedrigen Maserninzidenz in Deutschland liegt eine hohe Impfquote zugrunde.

CONTRA: Eingriff in die persönliche Freiheit

Recherche der Rechtslage © Getty Images/Watchara Namhong / EyeEm
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Menschen, die gegen eine Impfpflicht sind, argumentieren oft mit dem Eingriff in die persönliche Freiheit. In Debatten wird auf Artikel 2 des Grundgesetzes verwiesen: "Jeder hat das Recht auf Leben in körperlicher Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden."

Wird allerdings eine relevante Basis für eine rechtliche Grundlage, wie beispielsweise der Gesundheitsschutz, geschaffen, kann eine Impfpflicht durchaus verabschiedet werden. Der Schutz vor weiteren Corona-Wellen, vor einer Überlastung der Kliniken und vor den möglichen schweren bis tödlichen Folgen einer Corona-Infektion sind wichtige Gründe für einen solchen Gesetzentwurf.

Da eine Impfung mit sehr seltenen Nebenwirkungen und keinerlei Spätfolgen im Verhältnis zur pandemischen Lage nur ein kleiner Eingriff in die persönliche Freiheit wäre, überwiegen in diesem Kontext die Vorteile einer Impfpflicht die Nachteile.

CONTRA: Durchsetzbarkeit der Impfungen

Impfpass wird kontrolliert © Getty Images/Phynart Studio
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Eine weitere Problematik der allgemeinen Impfpflicht ist deren Durchsetzbarkeit. Den Impfstatus zu kontrollieren, ist für Behörden eine Herausforderung und bisher schwer umsetzbar. Daher wird aktuell oftmals nur über eine Impfpflicht in Pflege- und Gesundheitsberufen diskutiert. Diese würde die besonders gefährdeten Personengruppen und Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen schützen.

Ähnlich wie beim Masernschutzgesetz werden dann bestimmte Personengruppen speziell kontrolliert, um beispielsweise Berufe auszuüben oder Schule und Kindergarten besuchen zu können.

In Österreich sollen Ungeimpfte ab 15. Februar 2022 eine Aufforderung zur Impfung per Post erhalten. Wird dieser nicht nachgegangen, kann es zu Geldstrafen kommen.

CONTRA: Spaltung der Gesellschaft

Mann gegen Corona-Impfung © Getty Images/ Enes Evren
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Obwohl sich zirka zwei Drittel der Bevölkerung für eine Impfpflicht aussprechen, ist ein weiteres Drittel gegen eine allgemeine Pflicht zur Corona-Impfung. Neben radikalisierten Impfgegner*innen und Corona-Leugner*innen, gibt es auch Skeptiker*innen, die der Sicherheit der Impfung nicht vertrauen. Der Druck von außen könnte diese ebenfalls radikalisieren und die Gesellschaft weiter spalten.

Aufklärung und wissenschaftliche Fakten können helfen, skeptische Menschen über die Impfung aufzuklären und mithilfe von Informationen zur Impfung zu bewegen, um somit eine weitere Spaltung zwischen verschiedenen Personengruppen zu verhindern.

Fazit

Pflegerin hält Hand © Getty Images/AlenaPaulus
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Eine Corona-Impfpflicht könnte aufgrund der wissenschaftlichen Fakten, dem hohen Nutzen für den Schutz der Bevölkerung und der rechtlichen Basis durchgesetzt werden. Besonders Argumente von Forschenden sprechen klar für eine Impfpflicht, um die Verbreitung des Virus zu stoppen.

Inwiefern eine Pflicht zur Impfung kontrolliert und durchgesetzt werden könnte, muss im Voraus definiert werden. Auch die gesellschaftlichen Folgen sollten durchdacht und wenn möglich verhindert werden.

Eine Impfpflicht für gewisse Personengruppen wäre ein erster Schritt, um Risikopatent*innen zu schützen. Zudem sollte weiterhin intensiv über die Impfung aufgeklärt werden, um Ungeimpfte zum "Piks" zu bewegen.

Aktualisiert: 07.12.2021 - Autor: Alexandra Maul, News-Redakteurin