Long-COVID: Jeder zweite Genesene betroffen

Die Langzeitfolgen von Corona sind bis dato noch nicht vollständig geklärt. Nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts leidet jede*r zehnte Corona-Betroffene trotz eines milden Corona-Verlaufs an den Langzeitfolgen der Krankheit. Eine statistische Analyse aus den USA zeigt die Verteilung der Langzeitfolgen und deren Schwere auf.

Long-COVID Behandlung
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Wenn ein Symptom auch nach einer überstandenen Erkrankung bestehen bleibt, wird es als Residualsymptom bezeichnet. Ein Beispiel hierfür ist das Abhusten nach überstandener Erkältung, das nach einiger Zeit abklingen oder je nach Schwere der Infektion sogar dauerhaft bestehen bleiben kann. Auch nach einer Corona-Infektion wird häufig von Residualsymptomen berichtet, welche als Long-COVID oder auch als PASC (postacute sequelae of COVID-19) bezeichnet werden.

Long-COVID: Das sind die Langzeitfolgen von COVID-19

Zu den Langzeitfolgen von COVID-19 gibt es bereits zahlreiche Publikationen, welche Symptome, deren Häufigkeit und die Dauer der Komplikationen dokumentieren. Wissenschaftler*innen des amerikanischen Penn State Colleges of Medicine werteten insgesamt 51 Studien mit rund 250.000 Patient*innen aus. Das Ergebnis kurz zusammengefasst: Mehr als die Hälfte aller COVID-19-Überlebenden leiden sechs Monate nach der Genesung noch immer an einem oder mehreren Langzeitfolgen der Corona-Infektion.

Insgesamt wurden 250.351 Patientendaten überprüft. Die Genesenen waren im Schnitt 54 Jahre alt, davon waren 56 Prozent männlich und insgesamt 79 Prozent der Patient*innen mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Die Langzeitfolgen von COVID-19 können in verschiedene Kategorien und Bereiche unterteilt werden. Das sind die häufigsten Long-COVID-Symptome.

1. Allgemeine Symptome

Das allgemeine Wohlbefinden spielt nach der Corona-Infektion eine wichtige Rolle. Viele Patient*innen fühlten sich auch nach überstandener Erkrankung schlapp oder müde. Häufige Symptome waren:

  • Gelenkschmerzen: 10 Prozent
  • Müdigkeit und Muskelschwäche: 37,5 Prozent
  • Grippeähnliche Symptome: 10,3 Prozent
  • Anhaltendes Fieber: 0,9 Prozent
  • Muskelschmerzen: 12,7 Prozent
  • Magen-Darm-Probleme: 6 Prozent

Grund für die allgemeinen Symptome könnte eine langfristige Überreaktion des Immunsystems auf SARS-CoV-2 sein.

2. Neurologische Symptome

Bereits während einer Corona-Infektion klagen viele Patient*innen über Geruchs- und Geschmacksverlust. Dieses Symptom hält auch nach der überstandenen Infektion weiter an. Die Forscher*innen halten es dadurch für möglich, dass SARS-CoV-2 das Nervensystem langfristig beeinträchtigen kann. Das sind alle neurologischen Symptome zusammengefasst:

  • Konzentrationsstörungen: 23,8 Prozent
  • Gedächtnisdefizite: 18,6 Prozent
  • Kognitive Beeinträchtigungen: 17,1 Prozent
  • Geruchs- und Geschmacksstörungen: 11 Prozent
  • Kopfschmerzen: 8 Prozent

3. Psychische Probleme und Erkrankungen

Zirka eine*r von drei Genesenen leidet nach der Infektion an Angstzuständen oder einer generalisierten Angststörung. Weitere psychische Erkrankungen waren:

Im Rahmen der psychischen Folgen ist allerdings anzuführen, dass nicht alle ausgewerteten Publikationen psychische Erkrankungen miteinbeziehen und die Häufigkeit dabei eventuell abweichen könnte.

4. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenanomalien

Am häufigsten wurde von Brustschmerzen und Herzklopfen (13,3 Prozent) berichtet. Zudem klagten die Patient*innen über Atembeschwerden (29,7) und Husten (13,1). Auch wurden Veränderungen der Lungen mittels unterschiedlicher Bildgebungsmöglichkeiten (Röntgen, MRT, CT) registriert.

5. Einschränkung der Mobilität im Alltag

Neben allgemeinen Symptomen wurde die Auswirkung auf die Mobilität im Alltag untersucht. Die allgemeine Funktionsfähigkeit von Betroffenen ist eingeschränkt (44 Prozent) ebenso die körperliche Ausdauer (14,7 Prozent).

Insgesamt beziehen sich die Studien aufgrund der hohen Hospitalisierungsrate auf schwere COVID-19-Erkrankungen, aber auch nach leichten Corona-Verläufen besteht ein Restrisiko für Long-COVID. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass jede*r zehnte Genesene unter Residualsymptomen leidet. Die Folgen können einen Monat andauern, aber auch bis zu einem Jahr anhalten.

Kognitive Schwäche: Auch Jüngere betroffen

Eine neue Studie zeigt die kognitiven Folgen einer COVID-19-Erkrankung bei jungen Menschen auf. Zu den häufigsten neuropsychiatrischen Symptomen gehört demnach der sogenannte "Brain Fog" (Nebel im Hirn). Sie belasten im Kontext einer Corona-Infektion insbesondere auch jüngere Menschen, welche im Berufsleben stehen und ihren Alltag alleine bewältigen.

Insgesamt wurden 740 genesene Patient*innen mit einem Altersdurchschnitt von 49 Jahren untersucht. Die Betroffenen mussten sechs bis sieben Monate nach der COVID-19-Erkrankung verschiedene Gedächtnistests durchführen. Es wurden unter anderem Zahlen-, Buchstaben- und Wortreihen geprüft.

Zu den häufigsten Defiziten, die beobachtet wurden, gehören Probleme in den folgenden Bereichen:

  • Verarbeitungsgeschwindigkeit (18 Prozent)
  • Exekutive Funktion: Flexibilität im Denken und Handeln (16 Prozent)
  • Phonematische Wortflüssigkeit: zum Beispiel Aufzählung von Wörtern mit gleichem Anfangsbuchstaben (15 Prozent)
  • Kategoriale Wortflüssigkeit: beispielsweise das Nennen möglichst vieler Tierarten (20 Prozent)
  • Gedächtnisbildung (24 Prozent)
  • Gedächtnisabruf (23 Prozent)

Die Studie hatte zwar keine Vergleichsgruppe, in der Allgemeinbevölkerung liegen kognitive Probleme in dieser Altersgruppe allerdings bei weniger als 10 Prozent. Besonders Personen, welche aufgrund einer COVID-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden mussten, litten vermehrt an Defiziten. Die Studie präsentiert bisher nur eine kleine Stichprobe. Sie könnte allerdings ein erster Hinweis auf Gedächtnisprobleme und weitere Störungen sein.

Aktualisiert: 28.10.2021
Autor*in: Alexandra Maul, News-Redakteurin