Omikron-Variante: Fachleute sind besorgt

Die unendliche Geschichte der Virusvarianten wird fortgesetzt: Während in Europa die Delta-Variante für die vierte Welle in vielen Ländern verantwortlich ist, leiden Großbritannien und Dänemark bereits unter der Omikron-Variante. Auch deutsche Expert*innen schlagen bereits Alarm.

Virusvariante aus Südafrika
© Getty Images/fotograzia

Die Euphorie in weiten Teilen Deutschlands ist groß. Sinkende Inzidenzen und die entfallene Testpflicht für Geboosterte machen Hoffnung auf eine entspannte Weihnachtszeit. Doch mit Omikron liegt bereits die nächste Virusvariante auf der Lauer, in Großbritannien und Dänemark ist die Mutation bereits angekommen. Doch wie gefährlich ist die Virusvariante, die in Südafrika entdeckt wurde?

Omikron-Variante – wie gefährlich ist die Mutation?

Insgesamt ist noch wenig über die Virusvariante bekannt. Bisher wurden über 40 Mutationen bei Omikron registriert, über die man Folgendes weiß:

  • Neun Mutationen finden sich im N-terminalen Bereich des Spike-Proteins, welcher besonders für das Andocken des Virus an die menschlichen Zellen verantwortlich ist. Die Veränderung könnte somit ein höheres Infektionsrisiko bergen.
  • 20 weitere Mutationen befinden sich an der Rezeptorbindedomäne, welche in den Spike-Proteinen von SARS-CoV-2 lokalisiert ist. Diese Rezeptoren entscheiden, an welcher Oberflächenstruktur der menschlichen Zelle das Virus ansetzt.
  • Elf Mutationen wurden in der Furin-Erkennungsregion registriert, wo das Spike-Protein in verschiedene Untereinheiten gespalten wird.

Fachleuten zufolge könnte Omikron deutlich infektiöser als die vorherigen Varianten sein. Grund dafür sind die Veränderungen im Spike-Protein, welche es dem Virus erleichtern, an die menschlichen Zellen anzudocken. Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass sich auch vollständig geimpfte Personen und Geboosterte leichter mit dem Virus infizieren können.

Die neutralisierenden Antikörper des Immunsystems reagieren gering bis gar nicht auf die neue Virusvariante. Somit stecken auch geimpfte Menschen ihre Mitmenschen häufiger an, als dies bisher der Fall war.

Ersten Modellberechnungen zufolge könnten sich die Infektionszahlen durch die Omikron-Variante zirka alle zwei bis drei Tage verdoppeln. Zum Vergleich: Die bisherige Delta-Variante wäre bei diesem Szenario drei bis vier Mal langsamer als die neue Mutation aus Südafrika.

Dirk Brockmann, Leiter der Projektgruppe Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten des Robert Koch-Instituts, zeigte sich gegenüber des Science Media Centers bereits besorgt. Es sei laut dem Experten wichtig, auf die hochansteckende Variante vorbereitet zu sein, da besonders in der Vergangenheit nicht schnell genug auf Mutationen reagiert wurde.

Omikron-Variante: Boosterimpfung notwendig

Erste vorveröffentlichte Studien mit verschiedenen Impfstoffkombinationen zeigen, dass weiterhin eine neutralisierende Wirkung der Antikörper gegenüber Omikron besteht – allerdings eine deutliche schwächere. Die Impfung hemmt nach wie vor den Eintritt des Virus in die Zelle und kann somit eine Infektion verhindern. Im Vergleich zur Delta-Variante fällt der Schutz aber zirka 37-fach schwächer aus. Inwiefern weitere Teile des Immunsystem wie B-Zellen und T-Zellen das Virus im Körper bekämpfen, wurde nicht erforscht.

B- und T-Zellen könnten schwere Verläufe allerdings verhindern. Überwindet das Virus die erste Abwehrreihe um die neutralisierenden Antikörper, warten weitere Zellen, welche die Ausbreitung des Virus im Körper unterbinden. Sie erkennen infizierte Zellen und können diese zerstören. Somit kann sich das Virus in den menschlichen Zellen nur schwer vermehren. Infolge der Corona-Impfung werden nicht nur neutralisierende Antikörper gebildet, auch die T- und B-Zellen werden auf SARS-CoV-2 vorbereitet und erkennen dieses.

Eine weitere, noch unveröffentlichte Analyse aus Südafrika deutet auf einen Impfschutz nach einer überstandenen Infektion plus einer zweifachen Impfung mit BioNTech/Pfizer hin. Eine einfache Grundimmunisierung reicht nach Angaben der Expert*innen allerdings nicht aus.

Die Wirksamkeit der Antikörper sei um das 41-fache niedriger als bisher. Die Ergebnisse deuten allerdings ebenfalls darauf hin, dass eine Boosterimpfung weiterhin schwere Verläufe mit Omikron verhindern könnte.

Prof. Dr. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) stuft die Ergebnisse gegenüber dem Science Media Center ein:
"Bisher kannten wir nur die Mutationen von Omikron und konnten vermuten, dass diese wahrscheinlich zu einer schlechteren Schutzwirkung der Impfungen gegen eine Infektion mit der Omikron-Variante führen werden. Daher ist es jetzt wichtig, erste Daten zu sehen. Die Ergebnisse zeigen ganz klar, dass auch die neutralisierenden Antikörper von Geimpften in der Lage sind, Omikron zu binden und zu neutralisieren. Die Impfungen sind also nicht nutzlos. Aber: Man braucht deutlich höhere Antikörperspiegel, um Omikron noch erfolgreich zu neutralisieren – ungefähr 40-fach mehr."

Der Experte betont, die Variante könnte in Zukunft für höhere Inzidenzen und weitere Durchbruchsinfektionen verantwortlich sein, Boosterimpfungen und auf die Variante angepasste Varianten seien nötig.

Moderna reagiert auf Omikron-Variante

Der Impfstoffhersteller Moderna hat verschiedene Strategien für den Kampf gegen Omikron entwickelt:

  • Erhöhung der dritten Dosis: Aktuell werden 50 Mikrogramm des mRNA-Impfstoffs als Booster verwendet – 100 Mikrogramm haben sich in klinischen Studien bereits ebenfalls als sicher erwiesen und erhöhen den Antikörperspiegel enorm.
  • Impfstoff gegen Beta auch bei Omikron möglich: Die aktuellen Impfstoffe basieren auf dem Wildtyp von SARS-CoV-2. Moderna entwickelte allerdings bereits einen Impfstoff gegen die Beta-Variante des Coronavirus. Da Omikron und Beta mehrere gemeinsame Mutationen im Spike-Protein des Virus aufweisen, könnte das Impfstoff-Update auch gegen Omikron schützen.
  • Ein Impfstoff gegen Omikron: Moderna arbeitet bereits an einer Boosterimpfung gegen Omikron, ein mögliches Vakzin müsste allerdings noch klinisch getestet werden.

Wie ist Omikron entstanden?

Die bisherige These, die Virusmutation könnte in einer mit HIV infizierten Person entstanden sein, revidieren einige Fachleute bereits. Es ist zwar durchaus bekannt, dass Viren in Menschen mit Immunschwäche mutieren können – neben Menschen mit HIV zählen hierzu auch Krebspatient*innen und Menschen nach Organtransplantationen. Da Südafrika jedoch vermutlich nicht der Ursprung des Virus ist, könnte es auch bei immungeschwächten Personen aus einem Industrieland mutiert sein.

Neben dieser Vermutung könnte das Virus zudem einen tierischen Ursprung haben. Viren können von Tieren auf den Menschen und wieder zurück übertragen werden und ihre Struktur in diesem Zeitraum verändern und anpassen. Aus Angst vor Virusmutationen wurden bereits vergangenes Jahr in Dänemark Millionen von Nerzen getötet.

Ebenso wie der Ursprung des Wildtyps von SARS-CoV-2 können auch über die Entstehung von Omikron bisher nur Vermutungen angestellt werden.

Wissenswertes: darum der Name Omikron

Da bereits mehrere in Deutschland unbekannte Virusvarianten nach den Buchstaben des griechischen Alphabets benannt wurden, wäre der nächste freie Name "Ny" gewesen. Um diesen nicht mit dem Englischen "new" also "neu" zu verwechseln, entschied sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegen den Namen.

Auch der darauffolgende Buchstabe "Xi" wurde ausgeschlossen. Da es sich um einen häufigen chinesischen Namen handelt und unter anderem der Regierungschef der Republik China, Xi Jinping, diesen Namen trägt, wollte man diese Bezeichnung ebenfalls nicht negativ mit der Variante konnotieren. Der nächste verfügbare Titel war daher Omikron.

Welche Virusvarianten noch auf der Liste der WHO stehen, lesen Sie hier.

Aktualisiert: 20.12.2021 - Autor: Alexandra Maul, News-Redakteurin