Intensivstation überlastet: Wann greift die Triage?

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind in den unterschiedlichsten Bereichen zu sehen. Besonders betroffen durch die steigenden Inzidenzzahlen und zunehmenden schweren Infektionen sind Krankenhäuser und Intensivstationen. Die Kliniken stoßen an ihre Grenzen. Operationen müssen bereits verschoben werden. Doch ab wann sind die Kapazitäten ausgelastet und wie wird entschieden, wer behandelt wird?

Corona-Behandlung auf Intensivstation
© Getty Images/ Morsa Images

Das Wort Triage stammt aus dem Französischen und findet im medizinischen Fachbereich Verwendung. So wird die Einteilung von verletzten oder erkrankten Personen abhängig vom Grad der Verletzung oder Erkrankung, der Schmerzen und des Leidens bezeichnet.

Überlastung der Krankenhäuser: Was die Triage bedeutet

Die Zunahme der schwer Erkrankten führt zu vollen Intensivstationen und der Auslastung der Krankenhäuser. Besonders Menschen mit schweren Krankheitsverläufen benötigen eine intensive Betreuung durch medizinisches Personal sowie Ärzte und Ärztinnen und meist Zugang zu Beatmungsgeräten. Stößt das Gesundheitssystem an seine Grenzen, sollen die Behandlungsmöglichkeiten nach einem gewissen System verteilt werden. Ansonsten müssen Mediziner*innen entscheiden, wer behandelt wird und wer nicht – in diesem Fall greift das Triage-System.

Ursprünglich kam das Prinzip der Triage meist in der Militärmedizin zum Tragen und wird heutzutage meist in Notaufnahmen eingesetzt. Menschen mit besonders schweren Verletzungen werden dementsprechend zuerst behandelt.

In Ausnahmesituationen kann sich diese Methode allerdings verändern, wie beispielsweise im Krieg. Dann ist das Ziel, trotz knapper Ressourcen möglichst viele Menschenleben zu retten, indem bevorzugt Personen mit einer höheren Überlebenschance behandelt werden. Ärzte*Ärztinnen und Mediziner*innen fällt die Anwendung des Prinzips dennoch meist sehr schwer, da dies gegen ihren Berufsethos verstößt.

Die Triage: Wer entscheidet, wer behandelt wird?

Um medizinisches Fachpersonal und Ärzte*Ärztinnen zu entlasten, veröffentlichten sieben medizinische Fachgesellschaften die erste Empfehlung, die unter anderem Behandlungskriterien und Prioritäten zur Therapie der COVID-19-Erkrankung auf Intensivstationen definiert. Diese Empfehlung hat zudem den Status einer S1-Leitlinie, welche auf der Meinung und dem Wissen von Expert*innen basiert, sich allerdings nicht auf aktuelle Studien bezieht. Einen großen Anteil an der Entwicklung dieser Leitlinien hatte auch die Ethikkommission der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin (DIVI).

Leitlinien dienen den behandelnden Mediziner*innen als Entscheidungshilfe, sind aber keine allgemeingültigen Gesetze. Bei entsprechender Formulierung spiegeln sie dennoch medizinische Standards wider, welche wiederum verbindlich und relevant sind.

Im Ernstfall sollten Ärzte*Ärztinnen den Leitlinien folgen, um vor strafrechtlichen Konsequenzen geschützt zu sein.

Wichtigster Gedanke der Triage oder der Leitlinie ist: Je schneller der Genesungsprozess, desto eher wird ein Platz für neue Patient*innen frei. Ärzte*Ärztinnen sollen daher bei der Behandlung von Betroffenen folgende Punkte beachten:

  • allgemeiner Gesundheitszustand der Person
  • Schweregrad der Erkrankung
  • Begleiterkrankungen und Vorerkrankungen, die die Diagnose verschlechtern

Das Alter der Patient*innen sowie soziale Faktoren wie Einkommen, Bildungsstand oder Status in der Gesellschaft dürfen in diesem Kontext keine Rolle spielen.

Ein*e Arzt*Ärztin entscheidet zudem nie allein: Empfohlen werden mindestens zwei Ärzte*Ärztinnen der Station sowie ein erfahrener Teil des Pflegepersonals.

Zudem werden Entscheidungskriterien im Laufe der Behandlung und von Fall zu Fall geprüft und neu bewertet.

Medizinische Fachleute sprechen von Priorisierung

Schon vor der totalen Auslastung der Intensivstationen beginnt das Triage-System zu greifen – Ärzte*Ärztinnen sprechen deshalb häufig lieber von einer Priorisierung. Denn das medizinische Personal entscheidet nicht nur über Leben und Tod. Es erfolgt vielmehr eine Priorisierung je nach Gesundheitszustand und der Dringlichkeit der Behandlung.

Neben COVID-19-Erkrankten müssen auch weiterhin medizinische Notfälle wie Herzinfarkte, Schlaganfälle, Unfälle und andere schwere Erkrankungen behandelt werden. Bei überlastenden Stationen kann allerdings nicht allen Betroffenen ein Bett auf der Intensivstation zugesprochen werden. In diesen Fällen muss priorisiert werden, wer ein Intensivbett erhält oder auf einer normalen Station bleiben und dort versorgt werden könnte.

Auch Krebspatient*innen sind häufig von den Folgen der Krankenhausüberlastung betroffen, da bereits geplante Operationen verschoben werden müssen. Diese Verschiebung darf allerdings keine Verschlechterung des Gesundheitszustands zur Folge haben.

Intensivbetten: Impfstatus hat keinen Einfluss

Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) spricht sich deutlich gegen den SARS-CoV-2 Impfstatus als Grundlage einer medizinischen Behandlungsentscheidung aus. Für Mediziner*innen gilt die ärztliche Hilfepflicht, das Verhalten der betroffenen Person vor der Behandlung spielt eine untergeordnete Rolle.

Schwere COVID-19-Erkrankungen bergen allgemein eine geringe Überlebenschance, bei Ungeimpften ist diese meist noch niedriger. Werden diese Personen an ein Beatmungsgerät angeschlossen, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit auf zirka die Hälfte.

Ein Impfdurchbruch kann beispielsweise bei ansonsten gesunden, älteren Personen zu einer besseren Prognose führen als eine schwere COVID-19-Erkrankung bei jüngeren Ungeimpften mit Vorerkrankungen. Besteht also für die geimpfte Person eine bessere Überlebenschance, könnte diese im System aufgrund der definierten Kriterien bevorzugt werden.

Insgesamt heißt es in der Pressemitteilung der DGIIN: "Soziale Merkmale, Alter, Religionen, Grunderkrankungen oder Behinderungen, aber auch persönliche Hintergründe und Haltungen der Patient*innen dürfen keinen Einfluss auf die Entscheidungen im Behandlungsverlauf nehmen."

Aktualisiert: 08.12.2021 - Autor: Alexandra Maul, News-Redakteurin