Radsport - ein Angriff auf die Potenz

Älteres Pärchen beim Fahrradfahren © istockphoto, stevecoleimages

Die Tour de France lockt wie jedes Jahr Tausende von Zuschauern an, die aufgereiht am Straßenrand ihren Sportidolen zujubeln. Die Pedaleure sind durchtrainiert, topfit und kraftvoll. Wer kommt beim Anblick der Vollblutsportler schon auf den Gedanken, dass bei ihnen Erektionsstörungen auftreten könnten? Kaum jemand. Zahlreiche Studien bei Profis und Amateuren zeigen, dass nach längeren Radrennen gesundheitliche Probleme auftreten können, insbesondere sexuelle Funktionsstörungen.

Radrennfahrer leiden überdurchschnittlich oft an Erektionsstörungen

Zahlen liefert eine 1997 in Norwegen durchgeführte Studie mit 260 Amateurradfahrern: nach einer Strecke von 540 Kilometern berichteten 22 Prozent der Wettkampfteilnehmer von einem Taubheitsgefühl in den Genitalien. 13 Prozent der männlichen Teilnehmer gaben nach dem Rennen eine stark eingeschränkte Erektionsfähigkeit an. Bei den meisten klangen die Potenzstörungen innerhalb der ersten Woche wieder ab, bei einigen Radfahrern hielten sie jedoch länger als einen Monat an, in seltenen Fällen sogar bis zu acht Monaten.

Werden die Nerven und Blutgefäße gequetscht, leiden die Schwellkörper

Das Ausmaß der gesundheitlichen Beeinträchtigung durch das Radfahren hängt entscheidend von der Dauer ab, die ein Pedaleur wöchentlich auf dem Sattel verbringt. Über Erektionsstörungen und Gefühllosigkeit im Genitalbereich berichteten auch die meisten Teilnehmer einer 1998 durchgeführten Studie von der Bostoner Arbeitsgruppe um Irwin Goldstein.

Die untersuchten Amateure, Mitglieder eines lokalen Fahrradvereins, verbringen wöchentlich sechs bis elf Stunden auf dem Rad und legen Strecken zwischen 120 und 220 Kilometer zurück. Viele Radsportler wissen aus Erfahrung, dass nach längeren Touren sowohl in den Genitalien und im Dammbereich, dem Gebiet zwischen After und Genitalien, als auch in den Fingern Taubheitsgefühle auftreten können. "In allen drei Fällen geht der Gefühlsverlust auf Nervenquetschungen beim Radfahren zurück" erläutert der Urologe Dr. Gralf Popken vom Universitätsklinikum Freiburg und Vorstandsmitglied des Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit e.V. (ISG).

Langes Radfahren zieht jedoch nicht nur die Nerven, sondern auch die Blutversorgung des Penis in Mitleidenschaft. Durch die ungewöhnliche, meist über Stunden eingenommene Sitzposition beim Radfahren lastet auf den Blutgefäßen und Nerven ein erheblicher Druck, wodurch das Penisgewebe einem Versorgungsnotstand mit Sauerstoff und Nährstoffen ausgesetzt wird, der oft nicht folgenlos bleibt.

Langfristige Schäden sind möglich

Ob Radfahren langfristig zu einer Schädigung der Schwellkörper und damit verbunden zu einer chronischen Erektionsstörung führen kann, ist nicht abschließend geklärt. Es fehlen noch Langzeitstudien auf diesem Gebiet. In Fachkreisen wird die Wahrscheinlichkeit jedoch nicht ausgeschlossen. In welchem Umfang und wie stark gesundheitliche Beeinträchtigungen durch das Radfahren auftreten, hängt nicht alleine von der Etappenlänge ab, sondern auch von der Beschaffenheit der Strecke. Auf einer ebenen Fahrbahn setzt sich der Radfahrer weniger Stößen aus als in unwegsamen Gelände. Eine wichtige Rolle spielt außerdem die Sattelform: "je schlechter der Sattel an die individuelle Anatomie des Fahrers angepasst ist, desto größer kann der Druck auf Blutgefäße und Nerven werden", betont Popken. Popken empfiehlt daher, auf längeren Touren häufiger einen Positionswechsel vorzunehmen. Auf keinen Fall möchte der Urologe jedoch missverstanden werden: "Sport unterstützt prinzipiell die Gesundheit und stärkt neben dem Herz-Kreislauf-System auch die Funktionsfähigkeit der Blutgefäße". Nur ein zuviel an Sport und der Einsatz von nicht optimal abgestimmten Geräten und Zubehör könne sich ins Gegenteil verkehren.

Aktualisiert: 18.03.2014

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