Exakte Gerinnungshemmung kann lebensrettend sein

Eine halbe Million Menschen in Deutschland nehmen dauerhaft Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung ein, weitere 350 000 brauchen die Mittel für begrenzte Zeit. Der Grund: Bei ihnen besteht ein erhöhtes Risiko, dass sich in ihrem Körper Blutgerinnsel bilden und – mit dem Blutstrom fortgeschwemmt – zu Schlaganfällen oder Gefäßverschlüssen in anderen Organen führen. "Die exakt eingestellte Gerinnungshemmung schützt diese Patienten vor solchen Thromboembolien und damit sehr oft auch vor lebensbedrohlichen Komplikationen", betont Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung.

Risikofaktoren für Schlaganfälle

Zu den bedeutenden Risikofaktoren für Schlaganfälle zählt die Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern, besonders im höheren Lebensalter. Deutlich erhöht ist die Thromboembolie-Gefahr auch bei einer schweren Verengung der Mitralklappe im Herzen, nach dem Einsetzen einer neuen Herzklappe, bei bestimmten Störungen der Blutgerinnung oder wenn in der Vergangenheit bereits einmal eine Thromboembolie auftrat. Wer eine mechanische Herzklappe erhalten hat, braucht gerinnungshemmende Medikamente wie Marcumar® oder Falithrom® lebenslang, beim Einsatz einer biologischen Klappe sind sie für drei Monate nach der Operation notwendig.

Ziel: Optimaler Embolie-Schutz bei minimaler Blutungsgefahr

Wirksam und sicher ist die Gerinnungshemmung nur, wenn sie genau eingestellt ist. Denn jede Unterdosierung gerinnungshemmender Medikamente birgt die Gefahr, dass der Schutz vor Schlaganfällen oder Embolien nicht ausreicht, eine Überdosierung hingegen macht das Blut so dünnflüssig, dass es leicht zu Blutungen kommt. Um einen optimalen Schutz vor Gerinnselbildung bei minimaler Blutungsgefahr zu erhalten, wird die Blutgerinnung in den sogenannten therapeutischen Bereich eingestellt.

Zur individuell auf den einzelnen Patienten zugeschnittenen Definition dieses Bereichs dient der INR-Wert (International Normalized Ratio). Um zu verhindern, dass die Gerinnungshemmung nach oben oder unten entgleist, wird empfohlen, den INR-Wert regelmäßig selbst zu überwachen oder ihn einmal in der Woche, mindestens jedoch alle 14 Tage vom Arzt messen zu lassen. Oft wird in Deutschland nur alle drei bis vier Wochen kontrolliert – eine Zeitspanne, die für eine optimale Gerinnungskontrolle als zu gering angesehen werden muss.

Quick-Wert ist "out"

Früher wurde zur Kontrolle der Gerinnungshemmung der sogenannte Quick-Wert bestimmt. Das hat sich als unsicher für die Patienten herausgestellt, da die Messergebnisse verschiedener Labore oft nicht vergleichbar sind. "Leider gibt es in Deutschland immer noch einige Arztpraxen und Kliniken, die mit dem Quick-Wert arbeiten", kritisiert Prof. Becker. Patienten, die Marcumar® oder ähnliche Medikamente einnehmen, sollen darauf achten, dass ihre Gerinnungshemmung nur noch mit dem INR-Wert erfasst wird.

Ein großer Fortschritt bei der Gerinnungskontrolle ist auch die Möglichkeit, den INR-Wert nach entsprechender Schulung selbst zu bestimmen – mit einem Tropfen Blut aus der Fingerkuppe und einem kleinen Apparat, der ähnlich bedient wird wie ein Blutzuckermessgerät. "Die Selbstmessung des INR-Werts", so Prof. Becker, "ermöglicht eine bessere, sicherere, flexiblere und unabhängigere Kontrolle der Gerinnungshemmung. Dies trägt dazu bei, die Wirksamkeit der Behandlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten zu erhöhen und das Risiko von Komplikationen zu senken."

Eine Liste mit Schulungszentren zur Selbstbestimmung der Gerinnungshemmung sowie ein spezieller Gerinnungshemmungs-Ausweis sind kostenlos erhältlich bei: Deutsche Herzstiftung, Vogtstr. 50, 60322 Frankfurt am Main.

Aktualisiert: 22.05.2012
Autor*in: Deutsche Herzstiftung e.V.

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