Experten-Interview zur Coronavirus-Infektion: Was passiert dabei im Körper?

Coronavirus-Infektion © iStock.com/PredragImages

Das Coronavirus mit dem Namen SARS-CoV-2 hält aktuell die Welt in Atem: Viele Menschen befürchten, sich mit dem Virus zu infizieren und haben Angst vor den Folgen. Denn genau wie andere Viren benutzt das Coronavirus die Zellen infizierter Personen als Wirt und um sich zu vervielfältigen, wodurch die betroffene Zelle stirbt oder in ihrer Funktion beeinflusst wird. Im Falle von SARS-CoV-2 kann dies mitunter schwerwiegende Folgen haben. Doch auch wenn bereits zahlreiche Todesfälle infolge von COVID-19 zu verzeichnen sind, kann die Erkrankung sehr unterschiedliche Verläufe nehmen. Doch warum ist das so und was passiert bei einer Infektion eigentlich im Körper?

Lungenfacharzt Dr. Barczok im Interview

Wir haben Dr. Michael Barczok, Lungenfacharzt und stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbandes der Pneumologen Baden-Württemberg, dazu befragt. Im Interview erklärt er, wie eine Infektion mit dem Coronavirus abläuft, was bei einer schweren Erkrankung im Körper passiert und warum der Verlauf der Krankheit so unterschiedlich ausfallen kann. 

Welche Bereiche des Körpers werden typischerweise vom Coronavirus befallen?

Dr. Barczok: Viele Viren haben sich auf die oberen oder unteren Atemwege spezialisiert, obwohl auch andere Organe durchaus im Fokus stehen können. Bei den Coronaviren sind es in der Regel die oberen Atemwege, die besonders befallen werden, also der Rachenraum. Der SARS-CoV-2 Virus ist da keine Ausnahme.

In etwa 80 Prozent der Fälle kommt es deshalb zu meist leichten Beschwerden im Bereich der oberen Atemwege, auch trockener Husten tritt auf. In etwa 20 Prozent der Fälle allerdings werden andere Organe einbezogen, insbesondere die Lunge, aber auch Herz, Nieren, Leber, Gehirn und Darm können Probleme bereiten.

Lebensgefährlich wird es dann, wenn das Lungengewebe in so großem Umfang miteinbezogen ist, dass der Körper nicht mehr genügend mit Sauerstoff versorgt werden kann.

Wie sieht ein typischer Verlauf der Erkrankung aus?

Dr. Barczok: In vielen Fällen verbleiben die Viren in den oberen Atemwegen. Die Erkrankung wird kaum bemerkt und läuft ab wie ein banaler Atemwegsinfekt, verursacht vielleicht ein bisschen Fieber und Abgeschlagenheit, man fühlt sich aber schnell wieder fit. Dieses Krankheitsstadium wird in der Regel in ein bis zwei Wochen komplikationslos durchlaufen.

Auch bei einem leichten Verlauf kann es jedoch für mehrere Tage zu hohem Fieber kommen, verbunden mit Husten, häufig auch vorübergehendem Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Wichtig ist hier eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, bei hohem Fieber fiebersenkende Maßnahmen, gegebenenfalls entsprechende Medikamente, bevorzugt Paracetamol und leichte Bewegung zur Thromboseprophylaxe. Der Hausarzt sollte informiert sein und in Kenntnis gegebenenfalls besonderer Probleme des Patienten entsprechende Hinweise geben oder eingreifen.

Positiv ist, dass immerhin 80 Prozent der Patienten diese typische Phase letztendlich ohne schwerwiegende Komplikationen überstehen. Bei immerhin jedem fünften Erkrankten kommt es allerdings zu starken Beschwerden mit hohem Fieber, teils schwerem Krankheitsgefühl und häufig Beteiligung anderer Organe, insbesondere von Lunge und Herz.

Was passiert bei einem solchen schweren Verlauf im Körper und was sind mögliche Folgen?

Dr. Barczok: Bei einem schweren Verlauf bahnt sich der Virus einen Weg in die Tiefe der Lunge, vermehrt sich stark im Lungengewebe und den Lungenbläschen und scheint in dieser Phase auch andere Organe wie Herz, Leber, Nieren und Gehirn angreifen zu können und zu Entzündungsreaktionen Anlass zu geben.

Diese Entzündungen vergrößern mitunter den Schaden sogar noch, weil es zu einer lokalen Schwellung und Gewebszerstörungen, kommen kann. Am Herzen kann dies zu einem drastischen Abfall der Herzleistung oder auch zu Herzrhythmusstörungen führen. In den Gefäßen droht die Entzündung die Mikrozirkulation des Blutes zu stören mit dem Ergebnis, dass Sauerstoff nicht mehr richtig von der Lunge aus in den Körper transportiert werden kann.

In der Lunge selbst führt die Entzündung zu einer Schwellung der Lungenbläschen, die sich gegebenenfalls auch mit Flüssigkeit füllen und damit ihrer Funktion, Sauerstoff ins Blut abzugeben und verbrauchtes CO2 wieder aus dem Körper heraus zu schaffen, nicht mehr nachkommen können.

Je größer das Ausmaß dieser Störungen ist, je stärker gegebenenfalls auch die Lunge von früher schon geschädigt war, desto fataler wirkt sich diese Situation für den Gesamtorganismus aus. Für etwa 0,5 bis ein Prozent aller Infizierten endet die Erkrankung leider tödlich. Nach allem, was wir wissen, sind davon besonders ältere Menschen betroffen, beziehungsweise Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen wie Adipositas, COPD, Herzinsuffizienz, Diabetes und Patienten, die unter einer abwehrhemmenden Therapie stehen. Eine besondere Gefährdung scheint auch für Raucher zu bestehen.

Kann COVID-19 bleibende Schäden verursachen? 

Dr. Barczok: Über langfristige Folgeschäden wissen wir noch wenig. Wir müssen aber davon ausgehen, dass vor allem nach einer längeren Beatmungstherapie bleibende Schäden an Körper und Psyche entstehen können.

Insbesondere stellt sich immer stärker heraus, dass vor allem an der Lunge bleibende Funktionseinbußen zu befürchten sind, die zumindest über längere Zeit weiterbestehen und eine medikamentöse Therapie erforderlich machen werden. Aber auch am Herzen könnten bleibende Schäden auftreten.

Gleiches gilt für das zentrale Nervensystem, die Leber oder die Nieren. Viele stärker Erkrankte werden Rehabilitationsmaßnahmen benötigen, bis sie wieder in ihr früheres Leben zurückkehren können. Schon jetzt ist aber klar, dass für einige Patienten die Entlassung aus dem Krankenhaus nicht bedeuten wird, dass sie genauso weiterleben können wie früher.

Immerhin können aber nach aktuellem Kenntnisstand alle Infizierten davon ausgehen, dass sie nach Abklingen der Krankheitssymptome für einen längeren Zeitraum vor einer neuerlichen Infektion einigermaßen sicher sein können.

Warum verläuft die Krankheit insgesamt so unterschiedlich? 

Dr. Barczok: Warum die Erkrankung bei vielen Menschen so unterschiedlich verläuft, ist im Moment Gegenstand intensiver Forschungsvorhaben. Sicher ist ein ganzes Bündel von Faktoren dafür verantwortlich. Neben genetischen Faktoren und dem Entwicklungsstand des Immunsystems, was vor allem bei Kindern zu eher leichten, unkomplizierten Verläufen zu führen scheint, spielt wahrscheinlich auch eine Rolle, mit wie vielen Viren man es akut zu tun bekommt. Atmet man auf einen Schlag gleich Milliarden von Viruspartikeln ein, ist die Reaktionslage für den Körper eine andere, als wenn er es nur mit einigen wenigen Erregern zu tun bekommt.

Möglicherweise spielt es auch eine Rolle, ob man sich in letzter Zeit mit anderen weniger virulenten Coronaviren infiziert hatte, was zwar nicht zu einer vollständigen Immunität führt, vielleicht aber doch das Immunsystem schneller anspringen lässt. Wir wissen, dass manche Medikamente und vor allem auch das Rauchen die Zugangsmöglichkeiten für SARS-CoV-2 erleichtert und dass beim Rauchen die Störung der "Müllabfuhr" in den Bronchien ebenfalls eine Rolle spielt.

Insgesamt kann man sagen, je besser der Organismus aufgestellt ist, je gesünder man lebt, desto besser sind die Voraussetzungen für die Abwehrkräfte des Körpers, sich erfolgreich zur Wehr setzen zu können.

Aktualisiert: 10.11.2020 - Autor: Jasmin Rauch, Medizinredakteurin

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