HWS-Syndrom (Halswirbelsäulen-Syndrom)

Halswirbelsäule bei Frau mit HWS-Syndrom © iStock.com/Staras

Das Halswirbelsäulen-Syndrom, auch HWS-Syndrom genannt, ist eine sehr häufig gestellte Diagnose, die bis zu zwei Drittel aller Menschen mindestens einmal in ihrem Leben erhalten. Der Begriff des HWS-Syndroms ist dabei nicht eindeutig definiert. Er ist vielmehr eine Sammelbezeichnung für verschiedene Beschwerden unterschiedlichster Art und Ursache, die im Bereich der Halswirbelsäule, des Nackens und der Schulterregion auftreten und für die viele verschiedene Therapiemöglichkeiten bestehen. Welche Diagnosen sich hinter dem HWS-Syndrom verbergen und was Sie bei einem HWS-Syndrom tun können, erfahren Sie im Folgenden. 

Was ist ein HWS-Syndrom?

Das HWS-Syndrom, auch als Halswirbelsäulen-Syndrom oder Zervikal-Syndrom bekannt, ist der Überbegriff für eine Reihe unterschiedlicher Erkrankungen, die sich im Bereich der Halswirbelsäule, des Nackens sowie in der Schulter-Arm-Region abspielen können. 

Ist anstelle der Halswirbelsäule die Brustwirbelsäule von einer Erkrankung betroffen, wird von einem BWS-Syndrom gesprochen. Ein HWS-BWS-Syndrom betrifft folglich sowohl die Hals- als auch die Brustwirbelsäule.

Verschiedene Arten des HWS-Syndroms

Da das HWS-Syndrom nicht nur eine Ursache besitzt und sich auf sehr viele unterschiedliche Arten und Weisen äußern kann, gibt es in der Medizin verschiedene Einteilungsmöglichkeiten für das HWS-Syndrom. Am gängigsten sind die Einteilungen nach:

  • der genauen Beschwerdelokalisation, also welche Stelle der Wirbelsäule genau betroffen ist: Hierbei wird unterschieden zwischen einem oberen (im Bereich der Halswirbelkörper 1 bis 2), einem mittleren (im Bereich der Halswirbelkörper 3 bis 5) und einem unteren (im Bereich der Halswirbelkörper 6 bis 7) HWS-Syndrom.
  • dem Verlauf der Erkrankung: Hierbei wird unterschieden zwischen einem akuten und einem chronischen HWS-Syndrom. Während die akute Form sehr plötzlich beginnt und häufig mit starken Symptomen verbunden ist, ist die chronische Form geprägt von einer langen Leidensgeschichte, die oftmals nur langsam Besserung erfährt. Die häufigste Ursache für ein akutes HWS-Syndrom ist die HWS-Blockade. Dabei kommt es zur Blockierung von Wirbelgelenken der Halswirbelsäule, was stärkste Schmerzen beim Drehen und Neigen des Kopfes verursachen kann.
  • den Ursachen der Symptomatik: Je nachdem, welcher Grund für die Halswirbelsäulenproblematik vermutet wird, kann eine Einteilung nach der Ursache erfolgen. Typischerweise wird unterschieden zwischen dem funktionellen HWS-Syndrom, das aufgrund einer Fehlhaltung entsteht, dem degenerativen HWS-Syndrom, das durch Verschleiß bedingt und häufig ein physiologischer Alterungsprozess ist, und dem posttraumatischen HWS-Syndrom, das Folge eines Unfallgeschehens sein kann. Darüber hinaus können in seltenen Fällen auch neurologische Ursachen (etwa ein Bandscheibenvorfall) oder rheumatologische Ursachen wie eine Arthrose ein HWS-Syndrom verursachen.
  • der Schmerzausstrahlung: Hierbei wird unterschieden, ob das HWS-Syndrom von lokalen, wirbelsäulennahen Schmerzen begleitet wird oder ob sogenannte radikuläre Schmerzen bestehen. Diese sind nicht auf eine Region begrenzt, sondern können weit in den Arm ausstahlen und werden vielfach begleitet von weiteren Symptomen wie etwa Gefühlsstörungen, Kraftminderung und Reflexabschwächung in dem betroffenen Arm. 

Welche Ursachen hat das HWS-Syndrom?

Die Ursachen des HWS-Syndroms sind sehr vielfältig und können unter anderem degenerativer, neurologischer oder traumatischer Natur sein oder auch auf Fehlhaltungen zurückgehen.

Degenerative Veränderungen der Halswirbelsäule

Degenerative Veränderungen der Halswirbelsäule sind ein typischer Prozess des Alterns, der nicht unbedingt auf eine Krankheit zurückzuführen sein muss. Kommt es jedoch zu Um- und Anbauten an der Wirbelsäule (beispielsweise Osteophytenbildung, also die Entstehung von Knochenwucherungen, oder Osteoporose) kann dies zu Fehlstellungen führen, die Schmerzen an Muskeln (Myalgien), Gelenken (Arthralgien) oder Nerven (Neuralgien) im HWS-Bereich verursachen. Auch eine verschleißbedingte chronische Reizung der Wirbelgelenke (ein sogenanntes Facettensyndrom) kann die typische Symptomatik des HWS-Syndroms hervorrufen.

Neurologische und rheumatologische Ursachen

Neurologische Ursachen für das HWS-Syndrom sind eher selten. Dennoch können hohe Bandscheibenvorfälle, ein eingeklemmter Nerv oder rückenmarksnahe Tumore ein typisches Zervikal-Syndrom verursachen.

Auch rheumatologische Erkrankungen wie Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans), Arthrose oder rheumatoide Arthritis kommen als seltene Ursachen für ein Halswirbelsäulen-Syndrom in Frage.

Traumata als Ursache des HWS-Syndroms

Traumatische bedingte HWS-Syndrome treten im Anschluss an Verletzungen oder einen Unfall auf. Ein typisches Beispiel ist das Schleudertrauma (HWS-Distorsion), das Folge von Auffahrunfällen sein und zu einer Verletzung der Weichteile im Bereich der Halswirbelsäule führen kann.

Funktionelles HWS-Syndrom durch Fehlhaltungen

Eine weitere, häufige Ursache des HWS-Syndroms ist eine ständige Fehlhaltung des Kopfes, wie beispielsweise beim Arbeiten am PC oder bei der Handynutzung. Durch die ständige leicht gebeugte Haltung des Kopfes kann es zu Verspannungen der Nackenmuskulatur kommen, die starke Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule nach sich ziehen kann. Dieses sogenannte funktionelle HWS-Syndrom lässt sich nur schwer diagnostizieren, da oftmals keine körperlichen Ursachen für die Beschwerden gefunden werden. 

Welche Symptome treten beim HWS-Syndrom auf?

Nicht jedes HWS-Syndrom äußert sich auf dieselbe Art und Weise. Die Symptome der Erkrankung sind sehr individuell und können von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Trotz der großen Symptomvielfalt zeigen sich bei fast allen HWS-Syndromen folgende Beschwerden: 

  • Hals- beziehungsweise Nackenschmerzen, die von der Wirbelsäule ausgehen, häufig bis in den Arm ausstrahlen und vielfach mit verhärteten Muskeln im Bereich des Nackens einhergehen
  • Spannungskopfschmerzen, also Kopfschmerzen, die vom Hinterkopf helmartig bis in die Stirn strahlen und zeitweise auch von Sehstörungen, Schwindel und Benommenheit begleitet werden 
  • schmerzbedingte Bewegungseinschränkung des Kopfes

Kann ein HWS-Syndrom Schwindel und Tinnitus auslösen? 

In einigen Fällen wird das HWS-Syndrom zusätzlich zu den genannten Anzeichen begleitet von Ohrgeräuschen in Form eines Tinnitus, Schwindel sowie Übelkeit und Erbrechen. Darüber hinaus können Kribbeln (Parästhesie) und Taubheitsgefühl (Hypästhesie) im Bereich der Schulter-Nacken-Arm-Region auftreten.

Bei diesen Warnzeichen sofort zum Arzt 

Auch wenn das HWS-Syndrom in den meisten Fällen gut behandelt werden kann und vollständig ausheilt, gibt es immer wieder gefährliche Verläufe. Unbehandelt können diese bleibende Schäden verursachen oder gar zum Tod führen. Suchen Sie daher immer einen Arzt, beispielsweise einen Orthopäden oder Neurologen, auf, falls folgende Beschwerden auftreten: 

  • andauernde oder fortschreitende Lähmungserscheinungen
  • fehlende oder gesteigerte Reflexe
  • Fieber, Gewichtsverlust, Nachtschweiß
  • begleitende Hautinfektion
  • nächtlicher Ruheschmerz
  • Morgensteifigkeit von mehr als 45 Minuten Dauer

Diagnose: Wie wird ein HWS-Syndrom festgestellt? 

Nach einem ausführlichen Erstgespräch (Anamnese), bei dem der behandelnde Arzt die genaue Beschwerdesymptomatik erfragt, wird eine vollständige körperliche Untersuchung durchgeführt, die ihren Schwerpunkt auf der Halswirbelsäulenregion hat. 

Dabei überprüft der Arzt zunächst die Beweglichkeit der Halswirbelsäule sowie der Zwischenwirbelgelenke und untersucht die Muskulatur auf Verspannungen, Verhärtungen und Druckschmerzhaftigkeit. Anschließend werden in beiden Armen das Gefühl, die Kraft sowie die Durchblutungssituation überprüft und die Reflexe durch Klopfen getestet. 

Bei Auffälligkeiten sollten bildgebende Verfahren zur weiteren Diagnostik eingesetzt werden. Neben der Röntgenuntersuchung der Halswirbelsäule ist dies häufig eine Magnetresonanztomographie (MRT), um krankhafte Veränderungen frühzeitig feststellen zu können.

Das Zusammenspiel aus Anamnese, körperlicher Untersuchung und bildgebenden Verfahren führt in aller Regel schnell zur Diagnose HWS-Syndrom beziehungsweise zur Ursache desselben. 

Behandlung: Was hilft beim HWS-Syndrom? 

Die Behandlung des HWS-Syndroms fußt hauptsächlich auf zwei Säulen: Neben den nicht-medikamentösen Behandlungsoptionen wie Physio- und Thermotherapie, also der Linderung von Beschwerden durch Wärme- oder Kälteanwendungen, gibt es die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung. 

Da für das HWS-Syndrom in vielen Fällen keine zufriedenstellende Ursache gefunden werden kann, ist auch die Behandlung oftmals langwierig und geprägt von vielen Therapieumstellungen. Grundlage jeder Behandlung sollte daher immer die sogenannte "multimodale Therapie" sein, die mehrere Therapiesäulen vereint und auf deren Basis die besten Ergebnisse erzielt werden. 

Beschwerdelinderung ohne Medikamente

Die wichtigste Säule zur Behandlung des HWS-Syndroms ist Bewegung – auch wenn es Betroffenen aufgrund der Schmerzen mitunter schwerfällt. Besonders im Rahmen einer Physiotherapie können gezielt Muskelaufbau und Muskelentspannung der Halswirbelsäulenregion erlernt werden. Außerdem zielt die Physiotherapie darauf ab, eine rückengerechte Haltung auch im Alltag zu erreichen und die Belastung der Wirbelsäule auf ein Minimum zu reduzieren.

In vielen Fällen lindert Wärme die Beschwerden des HWS-Syndroms. Im Rahmen der Physiotherapie kommen daher auch warme Kompressen oder Rotlicht zum Einsatz. 

Medikamentöse Behandlungsoptionen

Der Einsatz von Medikamenten zur Behandlung des HWS-Syndroms birgt Vor- aber auch Nachteile. Entscheidender Vorteil einer Behandlung mit Schmerzmitteln wie Ibuprofen, Diclofenac oder Paracetamol ist, dass Verspannungszustände reduziert und schmerzbedingte Fehlhaltung verhindert werden.

Dennoch sollte der Einsatz auch von nicht-verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln immer ärztlich abgeklärt werden, da Medikamente Wechselwirkungen mit anderen Präparaten haben und mitunter schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen können. 

Wie lange dauert ein HWS-Syndrom?

Da das HWS-Syndrom sehr viele Ursachen haben kann, sind die genaue Prognose sowie die Zeit der Arbeitsunfähigkeit oder die Dauer bis zur Heilung nur schwer vorherzusagen. In vielen Fällen gehen die Beschwerden des Zervikal-Syndroms spontan zurück und sind nur von kurzer Dauer. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass HWS-Syndrome häufig wiederkehren, dann immer schwerer in den Griff zu bekommen sind und längerfristige Krankschreibungen notwendig machen. 

HWS-Syndrom vorbeugen: Was tun?

Nicht jedes HWS-Syndrom ist vermeidbar. Dies liegt ganz einfach an der sehr großen Ursachenvielfalt der Erkrankung. Während traumatischen HWS-Syndromen nur schwer vorgebeugt werden kann, können Sie das Risiko von degenerativen Prozessen sowie Verspannungszuständen durch einfache Maßnahmen verringern.

Neben speziellen Übungen für den Nacken ist jede Art der Bewegung empfehlenswert, die Nacken- und tiefe Rückenmuskulatur schonend kräftigt. Weiterhin sollte stets auf eine aufrechte Körperhaltung geachtet werden, die durch den Einsatz von orthopädischen Kissen oder ergonomischen Sitzmöbeln gut im Alltag zu erreichen ist. 

Um Verspannungen zu vermeiden, können Entspannungsmethoden wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung (PME) erlernt werden. Auch regelmäßige Nackenmassagen können Fehlhaltungen vorbeugen, indem verspannte Muskelpartien gelockert werden.

HWS-Syndrom: Welche Übungen helfen zur Vorbeugung?

Um die Nackenmuskulatur zu stärken und einem HWS-Syndrom vorzubeugen, können einfache Übungen auch zu Hause durchgeführt werden:

  1. Setzen Sie sich dafür mit geradem Rücken auf einen Stuhl und legen Sie die flache Hand auf die Stirn. Üben Sie nun Druck auf die Stirn aus – Nacken und Rücken bleiben dabei gerade, halten dem Druck also stand.
  2. Legen Sie eine Hand an die Schläfe und wiederholen die Übung. Wechseln Sie anschließend die Seiten.
  3. Legen Sie die Hände ineinander, bilden Sie mit der einen Hand eine Faust, die Sie mit der anderen Hand umschließen und führen diese unter das Kinn. Üben Sie nun Druck von unten aus, während der Kopf dagegenhält. Achten Sie auf eine gerade Körperhaltung. 
  4. Verschränken Sie die Arme hinter den Kopf und drücken Sie mit dem Kopf gegen Ihre Hände, während Sie den Nacken gestreckt halten. 

Alle Übungen sollten jeweils zehn Sekunden gehalten und in aufrechter Körperhaltung durchgeführt werden. 

Die genannten Übungen sind vor allem geeignet, um die Nackenmuskeln zu trainieren und können so bei der Vorbeugung des HWS-Syndroms helfen. Ob sie bei einem bestehenden HWS-Syndrom angewandt werden können, hängt von dessen Ursache ab. Daher sollten die Übungen in diesem Fall nicht ohne vorherige medizinische Abklärung durchgeführt werden.

Quellen

Aktualisiert: 17.07.2020 - Autor: Dr. med. Lisa Wunsch

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