Leaky Gut Syndrom – krank durch gestörte Darmbarriere?

Mann mit Leaky Gut Syndrom hat Bauchschmerzen © istockphoto, Tharakorn

Unter einem "Leaky Gut" (englisch für "durchlässiger Darm") versteht man eine gestörte Barrierefunktion der Darmschleimhaut, die mit der Entstehung diverser Erkrankungen assoziiert wird – wissenschaftliche Beweise fehlen jedoch bislang. Dennoch gibt es zahlreiche Ansätze für eine Therapie des Leaky Gut Syndroms, wobei die Ernährung eine wichtige Rolle spielt. Wir erklären, was Sie über das Leaky Gut Syndrom wissen müssen.

Was ist das Leaky Gut Syndrom?

Normalerweise stellt die Darmschleimhaut eine Barriere zwischen Darminhalt und Blut dar. Sie verhindert, dass unverdaute Nahrungsbestandteile, giftige Stoffe oder Bakterien in das Blut übertreten.

Beim Leaky Gut Syndrom ist diese Barriere gestört und kommt es zu einer krankhaft erhöhten Permeabilität (Durchlässigkeit) der Darmwand, sodass schädliche Substanzen aus dem Darm in den Blutkreislauf eindringen können.

Dies führt möglicherweise über eine Aktivierung des Immunsystems zu Entzündungsreaktionen, die unter Umständen wiederum die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut erhöhen können.

Ursachen des Leaky Gut Syndroms

Die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut wird natürlicherweise durch die Ernährung reguliert und ist nach Mahlzeiten erhöht, um eine Nährstoffaufnahme zu gewährleisten.

Zu einer krankhaft erhöhten Permeabilität wie beim Leaky Gut Syndrom kann es durch verschiedene Einflüsse kommen: Neben einer genetischen Komponente spielen Umwelteinflüsse, Lebensstil sowie die bakterielle Darmflora eine Rolle.

So können folgende Faktoren zur Entstehung eines Leaky Gut Syndroms beitragen:

  • fett- und fruktosereiche Ernährung
  • Genussmittel wie Kaffee und Alkohol
  • Rauchen
  • intensiver Ausdauersport
  • Vitamin-A-Mangel
  • Ernährungsumstellung, etwa im Rahmen einer Diät
  • Infektionen des Magen-Darm-Traktes
  • entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen
  • schwere Verletzungen oder Verbrennungen
  • große Operationen
  • Multi-Organversagen
  • Bauchspeicheldrüsenentzündung

Leaky Gut Syndrom: Symptome und Folgen

Eine erhöhte Permeabilität der Darmwand führt nicht zwangsläufig zu Symptomen oder einer Erkrankung. Bei Personen mit entsprechender genetischer Veranlagung kann ein Leaky Gut jedoch möglicherweise das Auftreten oder den Ausbruch verschiedener Erkrankungen auslösen.

In einigen Studien1,2 konnte ein Zusammenhang mit Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Reizdarm und Zöliakie (Sprue) gezeigt werden. Diskutiert wird außerdem eine Verbindung des Leaky Gut Syndroms mit folgenden Erkrankungen:

Allerdings ist die ursächliche Richtung des Zusammenhangs in vielen Fällen noch unklar: So ist es möglich, dass eine erhöhte Darmwanddurchlässigkeit entweder als Folge oder als Ursache einer entzündlichen Erkrankung auftritt.

Diagnose: Wie wird ein Leaky Gut Syndrom festgestellt?

Zur Beurteilung der Permeabilität der Darmschleimhaut gibt es verschiedene Methoden. Häufig wird ein Lactulose-Mannitol-Test angewendet. Hierbei werden auf nüchternen Magen bestimmte Mengen an Lactulose und Mannitol in Wasser gelöst getrunken und nach einigen Stunden deren Konzentration im Urin gemessen.

Ähnliche Tests mit anderen Zuckerarten kommen spezifisch für verschiedene Abschnitte des Magen-Darm-Traktes zur Anwendung. Die Aussagekraft dieser Tests ist jedoch begrenzt, da das Ergebnis durch verschiedene Faktoren – wie die Nierenfunktion oder die individuelle Darmaktivität – beeinflusst werden kann.

Zonulin: Umstrittenes Markerprotein

Zonulin ist ein Protein, das in der Darmschleimhaut vorkommt und die Durchlässigkeit der Darmwand beeinflussen soll. Ein erhöhter Wert im Blut kann ein Hinweis auf ein Leaky Gut Syndrom sein.

Die Relevanz des Zonulin in der Diagnostik eines Leaky Gut Syndroms ist jedoch umstritten. Diesbezügliche Studien sind mit Vorsicht zu bewerten, da ökonomische Interessen dahinterstecken können. Denn ebenso wie die auf Zuckermessung basierenden Test-Kits ist auch der Zonulin-Test keine Kassenleistung und muss selbst bezahlt werden.

Welche Medikamente sind beim Leaky Gut Syndrom hilfreich?

Da eine erhöhte Permeabilität der Darmschleimhaut an sich keinen Krankheitswert hat, sollte eine Behandlung mit Medikamenten beim Leaky Gut Syndrom nur im Rahmen einer manifesten Folgeerkrankung und auf ärztliche Anweisung stattfinden. Arzneimittel, die das Leaky Gut Syndrom heilen, gibt es nicht – derartige Werbeversprechen sollten mit Skepsis betrachtet werden. Aber was tun, um das Leaky Gut Syndrom zu behandeln?

Leaky Gut Syndrom behandeln: Probiotika können helfen

In Anbetracht der Tatsache, dass das mikrobiologische Gleichgewicht des Darms erwiesenermaßen eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Darmerkrankungen spielt, erscheint der Einsatz von Probiotika bei der Behandlung des Leaky Gut Syndrom sinnvoll. Eine Studie von 20113 zeigte beispielsweise, dass Lactobacillus casei einer gestörten Darmbarriere vorbeugen kann.

Nahrungsergänzungsmittel: Was hilft beim Leaky Gut Syndrom?

Es gibt Hinweise, dass bestimmte Nahrungsergänzungsmittel die Darmbarriere stärken können. Untersucht wurde etwa die Einnahme von Buttersäure (Butyrat) und Omega-3-Fettsäuren bei entzündlichen Darmerkrankungen und dem Reizdarmsyndrom. Weiterhin scheinen Zink und Vitamin D einen positiven Einfluss auf die Durchlässigkeit des Darms zu haben.

Welche Ernährung ist beim Leaky Gut Syndrom angebracht?

Rund um das Leaky Gut Syndrom lassen sich unzählige Ernährungstipps, Ernährungspläne und Rezepte finden. Da das Krankheitsbild noch wenig erforscht ist, gibt es keine wissenschaftlich belegten Empfehlungen, was Sie bei einem Leaky Gut Syndrom essen sollten.

Welche Lebensmittel bieten sich an? Sinnvoll sind ballaststoffreiche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Gemüse und Hülsenfrüchte, da bei der bakteriellen Zersetzung von Ballaststoffen im Darm Buttersäure entsteht, die unter Umständen eine erhöhte Darmwandpermeabilität verbessern kann.  

Weiterhin haben wir folgende fünf Ernährungstipps für Sie:

  1. Fetthaltige Fischsorten wie Lachs, Hering und Makrele sind reich an Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D. Beides kann sich positiv auf die Darmbarriere auswirken. Empfehlenswert sind ein bis zwei Portionen fetter Fisch pro Woche.
  2. Zink kann ebenfalls helfen, die Darmbarriere zu stärken. Das Spurenelement ist beispielsweise in Meeresfrüchten, Nüssen und Rindfleisch enthalten.
  3. Ein Mangel an Vitamin-A kann möglicherweise zur Entstehung eines Leaky Gut Syndroms beitragen. Vitamin-A-Lieferanten sind insbesondere tierische Lebensmittel wie Leber und Käse. Die Vorstufe Beta-Carotin ist unter anderem in Paprika, Karotten, Spinat und Aprikosen enthalten. Vorsicht ist bei Vitamin-A-Präparaten geboten: Eine Überdosierung kann schädlich sein.
  4. Künstliche Zusatzstoffe in industriell hergestellten Lebensmitteln wie Geschmacksverstärker und Emulgatoren stehen im Verdacht, die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut zu erhöhen.4 Versuchen Sie daher, möglichst unverarbeitete Nahrungsmittel zu sich zu nehmen.
  5. Manche Ratgeber propagieren Eliminationsdiäten, bei denen allergieverdächtige Lebensmittel weggelassen werden, oder Entgiftungsprogramme zur Heilung des Leaky Gut Syndroms. Abgesehen von der fraglichen Wirksamkeit ist von einseitigen Ernährungsplänen abzuraten, denn diese können auf Dauer zu einem Nährstoffmangel führen. Eine ausgewogene Ernährung trägt hingegen zu einem gesunden Gleichgewicht im Verdauungssystem bei.

Vorsicht vor unseriösen Angeboten

Das Leaky Gut Syndrom ist ein Krankheitsbild, das aus Sicht der Schulmedizin umstritten ist. Heilversprechen und kostspielige Behandlungsmethoden bei "Spezialisten" sind daher äußerst kritisch zu bewerten. Bislang gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Maßnahmen zur Verbesserung oder Wiederherstellung der Darmbarriere einen Einfluss auf Entstehung oder Verlauf einer Krankheit haben.

Quellen

  1. Buhner S. et al. (2006). Genetic basis for increased intestinal permeability in families with Crohn’s disease: role of CARD15 3020insC mutation?
  2. Mishra A. et al. (2015). Structural and functional changes in the tight junctions of asymptomatic and serology-negative first-degree relatives of patients with celiac disease.
  3. Eun, C. S. et al. (2011). Lactobacillus casei prevents impaired barrier function in intestinal epithelial cells.
  4. Lerner, A. et al. (2015). Changes in intestinal tight junction permeability associated with industrial food additives explain the rising incidence of autoimmune disease.

Aktualisiert: 17.10.2018 – Autor: Jana Wittkowski

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?