Experten-Tipps für das Leben mit Gicht

Mann mit Gicht © istockphoto, Zinkevych

Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung, die durch einen erhöhten Harnsäurespiegel (Hyperurikämie) im Blut verursacht wird. Da eine ungesunde Lebensweise mit falscher Ernährung und übermäßigem Alkoholkonsum zu einem erhöhten Harnsäurespiegel beiträgt, gilt Gicht als Wohlstandskrankheit. Bleibt die Erkrankung längere Zeit unbehandelt, kann es durch die Ablagerung von Harnsäurekristallen zu Gelenkverformungen, bleibenden Gelenkschäden, Nierensteinen sowie einer Nierenentzündung kommen. Dennoch lässt sich Gicht durch Medikamente und eine entsprechende Änderung der Lebensgewohnheiten gut therapieren.

Einen Gichtanfall vermeiden

Ein striktes Vermeiden der Auslöser für einen Gichtanfall ist für die Betroffenen allerdings meist mit erheblichen Einschränkungen verbunden. In unserem Experteninterview verrät Dr. med. Andreas Niedenthal, Internist und Gastroenterologe im Magen-Darm-Zentrum in Darmstadt, wie Gichtpatienten ihre Erkrankung in den Griff bekommen können, ohne dabei an Lebensqualität einzubüßen.

Welchen Einfluss hat die Lebensweise auf den Harnsäurespiegel?

Niedenthal: Harnsäure ist das Endprodukt, das beim Abbau von Purinen entsteht. Purine sind Bausteine der DNA und kommen in menschlichen, tierischen und pflanzlichen Zellen vor. Somit lässt eine purinreiche Kost den Harnsäurespiegel ansteigen. Normalerweise wird die Harnsäure über die Niere ausgeschieden, jedoch ist dies nicht unbegrenzt möglich: Übersteigt die Harnsäuremenge ein bestimmtes Maximum, reicht die Ausscheidungsfunktion der Niere nicht mehr aus und die Harnsäurekonzentration im Blut erhöht sich.

Die Gefahr für einen Gichtanfall nimmt mit steigendem Harnsäurespiegel zu. Ist die Krankheit erst einmal zum Ausbruch gekommen, muss eine konsequente Ernährungsumstellung erfolgen. In der Regel ist auch eine Behandlung mit Medikamenten notwendig.

Was sollten Betroffene bezüglich der Ernährung beachten?

Niedenthal: Für Gichtpatienten ist es sehr wichtig, sich purinarm zu ernähren. Bei den Lebensmitteln gibt es erhebliche Unterschiede bezüglich des Puringehalts: So enthalten zum Beispiel Innereien und rotes Fleisch, aber auch Linsen besonders viele Purine. Idealerweise besorgen sich Gichtpatienten zum Nachschlagen eine Tabelle mit dem Puringehalt der verschiedenen Lebensmittel.

Wichtig bei Gicht ist auch, die Ausscheidungsfunktion der Niere zu unterstützen. Dafür genügt es bereits, täglich zwischen 1,5 und 2 Litern zu trinken. Größere Trinkmengen haben keinen zusätzlichen positiven Nutzen. Für Patienten mit Herzinsuffizienz kann es sogar gefährlich sein, zu viel Flüssigkeit aufzunehmen. Empfehlenswerte Getränke sind Wasser und Früchte- oder Kräutertee. In Maßen ist aber auch gegen Kaffee, Kakao und schwarzen Tee nichts einzuwenden.

Müssen Gichtpatienten auf alkoholische Getränke verzichten?

Niedenthal: Alkohol sollte mit Vorsicht konsumiert werden. Denn beim Abbau von Alkohol entsteht Laktat, welches die Ausscheidung von Harnsäure hemmt und so einen Gichtanfall auslösen kann. Besonders ungeeignet für Gichtpatienten ist Bier, denn in Hefe sind Purine enthalten.

Trotz aller Verbote: Gibt es denn auch alkoholische Getränke und Fleischsorten, die ab und zu erlaubt sind?

Niedenthal: Im Gegensatz zu Bier ist ein Glas Wein am Tag unbedenklich. Auch bestimmte Fisch- oder Fleischsorten wie zum Beispiel Geflügel enthalten weniger Purine als andere und können daher in Maßen genossen werden.

Was passiert, wenn ein Patient doch mal über die Stränge schlägt?

Niedenthal: Auf eine "Sünde" folgt nicht zwangsläufig ein Gichtanfall, aber das Risiko dafür steigt. Denn wenn die Harnsäurekonzentration eine bestimmte Grenze überschreitet, fällt die normalerweise im Blut gelöste Harnsäure aus und verursacht eine Entzündungsreaktion in den Gelenken. Typischerweise ist zuerst das Grundgelenk der großen Zehe betroffen.

Wenn Patienten "gesündigt" haben, sollten sie keinesfalls versuchen, den übermäßigen Verzehr von purinhaltigen Nahrungsmitteln durch eine erhöhte Dosis von Gichtmedikamenten auszugleichen. Denn bei Überdosierung von Arzneimitteln drohen gefährliche Nebenwirkungen.

Welche Rolle spielt Übergewicht?

Niedenthal: Im Gegensatz zu anderen Wohlstandserkrankungen spielt Übergewicht bei Gicht nur eine indirekte Rolle. Da Übergewichtige sich oftmals purinreich ernähren, kann die Erkrankung bei ihnen unter Umständen früher oder stärker zum Ausbruch kommen. Normalgewicht zu erreichen, ist für Gichtpatienten also kein vorrangiges Ziel.

Viel kritischer als Übergewicht sind Fastenkuren und radikale Diäten, denn bei einem schnellen Gewichtsverlust fallen durch den Proteinabbau vermehrt Purine an. Außerdem entstehen Stoffwechselprodukte, die in der Niere die Harnsäureausscheidung hemmen. Wenn Betroffene ihr Gewicht reduzieren wollen, sollten sie also besonders auf eine langsame Gewichtsabnahme im Rahmen einer ausgewogenen, purinarmen Ernährung achten.

Ist Sport empfehlenswert? Was sollten Betroffene beachten?

Niedenthal: Sport hat zwar keinen direkten Einfluss auf den Harnsäurespiegel, aber Bewegung wirkt sich allgemein positiv auf den Stoffwechsel aus und ist daher für Gichtpatienten empfehlenswert.

Im Prinzip können Betroffene alle Sportarten betreiben, besonders geeignet ist gelenkschonender Ausdauersport wie Fahrrad fahren oder Schwimmen. Bei einem akuten Anfall sollten Patienten allerdings auf Sport verzichten.

Was empfehlen Sie Ihren Patienten noch, um die Erkrankung in den Griff zu bekommen?

Niedenthal: Ist die Erkrankung zum Ausbruch gekommen, sind eine lebenslange Behandlung und eine regelmäßige Kontrolle des Harnsäurespiegels zwingend notwendig. Mir ist wichtig, dass Patienten ihre Ernährung konsequent umstellen und die Medikamente nicht als Freibrief zum Schlemmen verstehen.

Aktualisiert: 10.07.2019 – Autor: Dr. med. Jana Wittkowski

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