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Heuschnupfen - die Rolle des Immunsystems

Viele leiden unter Heuschnupfen. Trotz ihres Namens hat die Krankheit aber mit Heu nur wenig zu tun: Nicht das getrocknete Gras löst die Symptome aus, sondern der Blütenstaub frisch blühender Bäume, Gräser oder Kräuter. Im Heu finden sich kaum noch Pollen. In den letzten zwanzig Jahren haben allergische Erkrankungen vor allem in den reichen Ländern der nördlichen Halbkugel stark zugenommen. Heute gehören Allergien in Regionen mit "westlichem" Lebensstil zu den häufigsten chronischen Erkrankungen.

Immer mehr Allergien

Die Veranlagung zu allergischen Reaktionen wird vererbt. Sie kann in der Schweiz bei rund 30 Prozent der Erwachsenen und mindestens 35 Prozent der Schulkinder nachgewiesen werden. Verantwortlich für den Vormarsch von Heuschnupfen und Asthma ist wahrscheinlich unser «hygienischer» Lebensstil sowie die bei uns üblichen Wohnungen mit Teppichböden, Heizungen und doppelt verglasten Fenstern, in deren Innenräumen häufig eine erhöhte Reizstoffkonzentration anzutreffen ist.

Ein weiterer Faktor für das vermehrte Auftreten von Allergien: die abnehmende Kinderzahl. Unsere Kinder kommen so immer seltener mit Krankheitserregern in Kontakt. Der häufige Abwehrkampf gegen solche Erreger in der frühen Kindheit sorgt aber dafür, dass unser Immunsystem genügend trainiert wird. Die Abwehr unserer Kleinkinder ist zunehmend «unterbeschäftigt» und hat Zeit, auf «dumme» Gedanken zu kommen.

Landkinder weniger gefährdet

Diese Theorie wird durch eine Schweizer Studie untermauert, die gezeigt hat, dass sechs- bis fünfzehnjährige Bauernkinder deutlich seltener unter allergischen Krankheiten leiden als ihre Altersgenossen. Ihre Wahrscheinlichkeit an Heuschnupfen zu erkranken ist dreimal niedriger als bei Nicht-Bauernkindern.

Den gleichen Effekt scheinen Tagesheime und Kinderkrippen auszuüben: Je mehr Kinder zusammen sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit für Infekte, also für effektives Immunabwehrtraining. So liesse sich jedenfalls erklären, dass Kinder im ehemaligen Ostdeutschland weniger unter Allergien leiden. Dort war bis vor kurzem noch ein Grossteil der Kinder tagsüber in Krippen untergebracht.

Windbestäuber machen krank

Bei Bäumen, Gräsern und Kräutern bläst der Wind den männlichen Pollen von den Blüten weg und mit etwas Glück zum weiblichen Fortpflanzungsteil einer anderen Pflanze derselben Art. Dieser Vorgang heisst Windbestäubung und sorgt für die Befruchtung der Eizelle. Damit die Windbestäuber überhaupt eine Chance haben, sich weiter zu vermehren, müssen sie ungeheure Mengen Pollen produzieren: Roggen bringt es auf 21 Millionen, Sauerampfer sogar auf 400 Millionen Pollen pro Pflanze. Zudem muss Blütenstaub möglichst leicht sein, damit der Wind ihn gut trägt.

Pollenkörner sind daher so klein, dass sie für das blosse Auge praktisch nicht sichtbar sind (8 bis 100 Tausendstel Millimeter). Zudem blühen Bäume in der Regel vor der Blattentfaltung, damit die Bestäubung nicht durch die Blätter behindert wird. Wir atmen pro Jahr etwa ein Tausendstel Gramm Pollenkörner ein. Diese minimale Menge genügt, um mehr als ein Fünftel der Bevölkerung mit Heuschnupfen zu plagen. Von den rund 3500 in der Schweiz vorkommenden Pflanzen sind nur etwa 20 für Allergiker von Bedeutung.

So beginnt Heuschnupfen

Obwohl erst Anzeichen von Heuschnupfen bereits bei fünf- bis sechsjährigen Kindern auftreten können, ist Pollenallergie eine typische Erkrankung von Schulkindern. Manchmal macht sie sich sogar erst in der Pubertät bemerkbar. Der Höhepunkt der Beschwerden wird meist zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr erreicht. Aber auch ältere Menschen leiden zunehmend unter Heuschnupfen. Man muss also auch bei über 70-Jährigen mit entsprechenden Symptomen an eine Pollenallergie denken.

Heuschnupfen beginnt oft mit einem lästigen Jucken in den Augen, als ob kleine Sandkörner hinein geraten wären. Das Auge reagiert mit verstärkter Tränenproduktion, die Bindehäute röten sich, bei besonders starker Reaktion schwellen sie auch an. Durch Augenreiben werden Rötung und Schwellung noch verstärkt. Für manche Menschen sind die Augensymptome schwerer zu ertragen als die fliessende, juckende Nase. Die Nase beisst und löst einen heftigen Niesreiz aus. Kaskaden von Niesattacken sind typisch für allergischen Schnupfen. Sie können sehr stark sein und in schweren Fällen bis zur Erschöpfung führen.

Die Nase produziert im Unterschied zu einer Erkältung viel dünnflüssiges, klares Sekret. Die Pollenallergie tritt immer zur selben Jahreszeit auf, besonders bei schönem Wetter. Bei Regen geht es den Patienten deutlich besser. Leider fliegen nach dem Regen oft besonders viele Pollen durch die Luft. Das Ganze beginnt wieder von vorn. Bei vielen Patienten werden die Heuschnupfenbeschwerden mit den Jahren geringer oder verschwinden sogar ganz. Sie bleiben aber ihr ganzes Leben sensibel und können jederzeit eine andere Allergie (gegen Nahrungsmittel, Haustiere oder Latex) entwickeln.

Komplikationen

Heuschnupfen-Patienten leiden oft Wochen bis Monate unter gereizten oder blockierten Atemwegen. Die entzündete Nasenschleimhaut reagiert auch gegenüber anderen Reizen empfindlich: Staub, Zigarettenrauch oder Temperaturwechsel bringen noch Wochen nach Abklingen des Heuschnupfens die Nase erneut zum Fliessen.

Bei etwa einem Drittel geht der Heuschnupfen in allergisches Asthma über. Man nennt diesen Vorgang «Etagenwechsel», weil die Krankheit von den oberen zu den unteren Atemwegen gewechselt hat. Diese Komplikation macht aus einer harmlosen Allergie eine potentiell gefährliche und ist daher besonders gefürchtet. Durch rechtzeitige und korrekte Therapie des Heuschnupfens kann der Etagenwechsel häufig verhindert werden.

Aktualisiert: 21.06.2018

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