Metabolisches Syndrom: Was ist das?

übergewichtiger Mann mit metabolischem Syndrom misst Blutzucker und Blutdruck
© Getty Images/Jakovo

Das metabolische Syndrom ist eine Kombination aus vier verschiedenen Krankheiten und Symptomen, die gehäuft in Industriestaaten vorkommen und zu einem erhöhten Risiko für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Was es mit dem "tödlichen Quartett" auf sich hat, wie das metabolische Syndrom erkannt und behandelt werden kann, welche Rolle die Ernährung spielt und wie eine sinnvolle Vorbeugung aussieht, erfahren Sie in diesem Artikel.

Definition: Was ist das metabolische Syndrom?

Beim metabolischen Syndrom handelt es sich um keine eigenständige Erkrankung. Vielmehr fasst der Begriff verschiedene Risikofaktoren beziehungsweise Krankheitsbilder zusammen. Diese erhöhen die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Gefäßerkrankungen bis hin zu Schlaganfall und Herzinfarkt. Häufig entwickeln Betroffene zudem einen Typ-2-Diabetes, welcher zu weiteren schwerwiegenden Schädigungen führen kann.

Ursache für das metabolische Syndrom ist der moderne Lebensstil, insbesondere in den Industrienationen Europas und Nordamerikas. Daher wird auch von "Wohlstandskrankheiten" gesprochen. Ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel führen zu Übergewicht und Veränderungen im Kohlenhydrat- und Fetthaushalt, die die Insulinempfindlichkeit der Zellen reduzieren und somit die Möglichkeiten des Körpers zur Senkung des Blutzuckerspiegels herabsetzen. Auch der Blutdruck und die Blutfettwerte steigen entsprechend an.

Da der Stoffwechsel (Metabolismus) auf unterschiedliche Weise beeinträchtigt wird, spricht man vom "metabolischen Syndrom". Weitere Bezeichnungen sind "tödliches Quartett", Reaven-Syndrom oder Syndrom X.

Welche Krankheiten gehören zum metabolischen Syndrom?

Das metabolische Syndrom fasst vier Risikofaktoren zusammen, die jeweils schon für sich genommen zu einer Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen können. Nach der Internationalen Diabetes-Föderation (IDF) sind jeweils Grenzwerte für die einzelnen Faktoren definiert. Dabei muss in jedem Fall eine Adipositas vorliegen. Von den übrigen drei Kriterien müssen mindestens zwei gegeben sein, damit man von einem metabolischen Syndrom spricht.

1. Übergewicht (stammbetonte Adipositas)

Starkes Übergewicht mit insbesondere bauchbetonter Fetteinlagerung (Adipositas) ist durch folgende Kriterien gekennzeichnet:

  • Taillenumfang über oder gleich 80 cm (Frauen) oder
  • Taillenumfang über oder gleich 94 cm (Männer)

Von einer Adipositas spricht man bei einem BMI (Body Mass Index) über oder gleich 25.

2. Erhöhter Blutzuckerspiegel oder Zuckerstoffwechselstörung

Erhöhter Blutzuckerspiegel (Insulinunempfindlichkeit beziehungsweise Insulinresistenz) zeigt sich durch folgende Laborwerte und Kriterien:

  • Nüchternblutzucker höher als 100 mg/dl (5,6 mmol/l) oder
  • diagnostizierter Diabetes mellitus Typ 2

3. Bluthochdruck

Bluthochdruck (Hypertonie) liegt vor, wenn der Blutdruck folgende Werte aufweist:

  • systolisch (oberer Wert) höher als 130 mmHg oder
  • diastolisch (unterer Wert) höher als 85 mmHg

4. Fettstoffwechselstörung

Auf veränderte Blutfettwerte (Dyslipoproteinämie) deuten folgende Laborwerte hin:

  • Triglyzeride (Neutralfette) höher als 150 mg/dl (1,7 mmol/l) oder
  • HDL-Cholesterin ("gutes Cholesterin") niedriger als 50 mg/dl (Frauen) beziehungsweise 40 mg/dl (Männer)

Warum ist das metabolische Syndrom so gefährlich?

Durch das gleichzeitige Auftreten mehrerer dieser gefäßschädigenden Einflussfaktoren beim metabolischen Syndrom steigt (im Vergleich zum alleinigen Auftreten eines Risikofaktors) das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nochmals deutlich an. Diese Erkrankungen stellen die häufigste Todesursache in der westlichen Welt dar, weshalb man die vier Hauptfaktoren des metabolischen Syndroms als "tödliches Quartett" bezeichnet.

Durch Folgeerscheinungen der genannten Risikofaktoren kann es zudem zu weiteren Gesundheitseinschränkungen kommen, zum Beispiel einer verstärkten Blutgerinnung. Damit steigt das Risiko für Gefäßverschlüsse und Thromben (Blutgerinnsel) weiter an.

Darüber hinaus können Störungen der Gefäßregulation auftreten, sodass beispielsweise die Gefäßweite nicht mehr korrekt reguliert werden kann oder die Ansammlung von Blutplättchen (Thrombozyten) ungesteuert abläuft, was wiederum das Risiko für Gefäßverschlüsse erhöht. Auch diese Prozesse erhöhen das Risiko für eine Gefäßverkalkung. Man spricht von einer endothelialen Dysfunktion.

Entzündungen und erhöhte Harnsäurewerte (mit Gicht als möglicher Folge) sind als weitere gesundheitsschädliche Auswirkungen möglich.

Symptome und Verlauf des metabolischen Syndroms

Das erste erkennbare Symptom des metabolischen Syndroms ist meist eine ausgeprägte Adipositas. Erhöhte Blutzuckerwerte und schlechte Blutfette kommen meist im Verlauf hinzu.

Durch arteriosklerotische Veränderungen (Verengung der Gefäße durch Verkalkung) steigt das Risiko der betroffenen Personen stark an, an verschiedenen Zivilisationskrankheiten zu erkranken. Dazu zählen solchen Krankheiten, die vor allem in den westlichen Ländern durch einen modernen Lebensstil entstehen. Unter diese Folgeerkrankungen fallen zum Beispiel ein erhöhtes Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko. Auch degenerative Skelett- und Gelenkerkrankungen (beispielsweise Arthrose oder Rheumatoide Arthritis) und das vermehrte Auftreten von Tumoren, zum Beispiel Brust- oder Darmkrebs, sind nachgewiesen.

Diabetes mellitus – eine schwerwiegende Folgeerkrankung

Durch Bewegungsmangel und übermäßige Zuckerzufuhr schütten die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) erhöhte Mengen an Insulin aus. Dieses Hormon benötigt der Körper, um Zucker aus dem Blut in die Zellen aufzunehmen und so den Blutzuckerwert zu senken.

Durch die dauerhaft erhöhte Insulinausschüttung kann es zu einer Insulinresistenz kommen und überdies ist die Entstehung eines Typ-2-Diabetes sehr wahrscheinlich. Die Zellen sprechen immer schlechter auf das Hormon an, sodass sie zu wenig Zucker aufnehmen. Der Blutzuckerspiegel ist entsprechend erhöht. Daher wird das metabolische Syndrom auch als "Insulinresistenz-Syndrom" bezeichnet.

Bei ausgeprägtem Diabetes kann es zu einer Azidose kommen, worunter man eine "Übersäuerung" des Blutes versteht. Unbehandelt kann die diabetische Ketoazidose zum diabetischen Koma (Coma diabeticum), einem lebensbedrohlichen Zustand, führen.

Bevor es zur Ausbildung eines Diabetes kommt, vergehen meist einige Jahre, in denen das metabolische Syndrom entsprechenden Schaden im Körper verursacht. Mit dem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehen gehäuft potenziell tödlich verlaufende Komplikationen wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte einher. Dementsprechend ist die Lebenserwartung deutlich reduziert.

Durch frühzeitige vorbeugende Maßnahmen kann die Entstehung eines Typ-2-Diabetes und weiterer Folgeerkrankungen, insbesondere des Herz-Kreislauf-Systems, aber verhindert werden.

Diagnose des metabolischen Syndroms

Neben der traditionellen Einteilung nach der Internationen Diabetes-Föderation (IDF) werden in Deutschland vor allem die ATP-III-Kriterien des NCEP (National Cholesterol Education Program) verwendet, um die Diagnose eines metabolischen Syndroms zu stellen. Nach dieser Klassifikation müssen drei von fünf Risikofaktoren vorliegen, die durch ärztliche Messungen und Blutuntersuchungen ermittelt werden:

  • Adipositas mit erhöhtem Taillenumfang (vermehrtes Bauchfett): über 102 cm bei Männern beziehungsweise über 88 cm bei Frauen
  • erhöhter Blutzucker von mindestens 110 mg/dl im Nüchternzustand
  • erhöhter arterieller Blutdruck (Hypertonie) von mindestens 130/85 mmHg
  • Blutfettwerte:
    • Triglyceride höher als 150 mg/dl im Nüchternzustand oder
    • erniedrigte HDL-Werte (gutes Cholesterin) von unter 50 mg/dl (Frauen) beziehungsweise unter 40 mg/dl (Männer)

Was hilft bei einem metabolischen Syndrom?

Ein frühzeitiger Behandlungsbeginn kann alle Risikofaktoren, die die Entstehung von Herz-Kreislauf-Komplikationen begünstigen, reduzieren. Das vorrangige Ziel der Behandlung ist es, Folgeerkrankungen zu vermeiden. Im Mittelpunkt der Therapie stehen Bewegung, gesunde Ernährung und Gewichtsreduktion.

Im Sinne eines "Empowerments" (Ermächtigung) stehen unterschiedliche Schulungen für Erwachsene und Kinder zur Verfügung, die so das Gefühl für eine gesunde Lebensweise und eine ausgewogene Ernährung vermittelt bekommen sollen. Fällt es den Betroffenen schwer, ihre Ernährungsgewohnheiten umzustellen, ist die Erstellung eines Ernährungsplans im Rahmen einer Ernährungsberatung sinnvoll.

Wichtig: Für einen dauerhaften Effekt sind keine kurzfristigen Diäten ratsam, stattdessen muss es zu einer langfristigen Umstellung der Ernährung in Verbindung mit regelmäßiger Bewegung oder sportlicher Aktivität kommen. Ein gesunder Ernährungsstil sollte die folgenden Merkmale umfassen:

  • Nahrungsaufnahme zu festen Zeiten, zwei- bis dreimal täglich, ohne Snacks und Süßigkeiten zwischendurch
  • ausreichende Flüssigkeitsaufnahme (mindestens zwei Liter täglich, vor allem Wasser und Tee)
  • Bevorzugung ballaststoffreicher Kohlenhydrate (zum Beispiel Vollkornbrot, Vollkornnudeln), da diese länger sättigen – weniger Kartoffeln, Reis oder gewöhnliche Nudeln
  • gesunde Fette (zum Beispiel Olivenöl, Leinöl, Nussöl)
  • Vermeiden gesättigter Fettsäuren (übermäßiger Fleischkonsum, Fertiglebensmittel)
  • ausreichende Eiweißzufuhr (ein Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag)
  • Gemüse als Basis der Ernährung, zubereitet mit gesunden Fetten und Ölen
  • cholesterinarme Ernährung (zum Beispiel Ersetzen von Butter durch Margarine, Reduktion des Fleischkonsums)
  • ausreichender Konsum vor allem zuckerarmer Obstsorten (zum Beispiel Beeren, Orangen, Grapefruits, Aprikosen, Kiwis, Maracujas, Pflaumen, Wassermelonen)
  • Verzicht auf Nikotin und Alkohol

Welche weiteren Therapiemöglichkeiten gibt es?

Sollte die Umstellung der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten keine Besserung der Symptome bringen, stehen weitere Möglichkeiten zur Verfügung. In ausgeprägten Fällen kann eine Magenverkleinerung erwogen werden, die die Kapazitäten zur Nahrungsaufnahme verringert und das Übergewicht nachhaltig positiv beeinflussen kann.

Häufiger ist jedoch die medikamentöse Therapie, die schon bei den einzeln vorliegenden Risikofaktoren des metabolischen Syndroms häufig angewendet wird, sofern keine Besserung durch alternative Maßnahmen erzielt wird:

  • So erfolgt die medikamentöse Behandlung von Bluthochdruck beispielsweise durch sogenannte ACE-Hemmer, AT1-Rezeptorblocker, Diuretika (Entwässerungstabletten), Beta-Blocker oder Kalziumkanalblocker. Diese Medikamente dienen auf unterschiedliche Weise dazu, den Blutdruck zu senken und so die Gefäße zu entlasten.
  • Auch bei zu hohen Blutfettwerten kann die Therapie mit Medikamenten erfolgen. Hier kommen beispielsweise Statine, Fibrate oder Cholesterinaufnahmehemmer zum Einsatz.
  • Ist der Blutzuckerwert erhöht, gibt es ebenfalls verschiedene Mittel, um den Insulin- und Zuckerstoffwechsel zu beeinflussen. Dazu zählen beispielsweise Metformin, Sulfonylharnstoffe, Glitazone und Alpha-Glukosidase-Hemmer.

Mit den genannten Therapiemaßnahmen ist das metabolische Syndrom durchaus "heilbar" in dem Sinne, dass die Risikofaktoren deutlich reduziert werden können. Allerdings sind die meisten Betroffenen lebenslang auf Medikamente angewiesen. Eine nachhaltige Änderung des Lebensstils erfordert Disziplin und Durchhaltewillen, gelingt vielen Betroffenen aber gut und trägt dazu bei, die Gesundheit lange zu erhalten.

Wie kann man dem metabolischen Syndrom vorbeugen?

Nach dem aktuellen Stand der Forschung kann der Grundstein für das metabolische Syndrom bereits in der Schwangerschaft gelegt werden. So können sowohl eine erhebliche Überversorgung mit Nährstoffen, beispielsweise durch einen Schwangerschaftsdiabetes, als auch eine Mangelversorgung, zum Beispiel durch Rauchen während der Schwangerschaft, zu ungünstigen Entwicklungen beim Ungeborenen führen, die die Entstehung eines metabolischen Syndroms begünstigen.

Auf diese Weise können schon frühzeitig eine Veranlagung für die Fettanlagerung im Bauchbereich entwickelt und das Verlangen nach zucker- und fettreichen Lebensmitteln verstärkt werden. Dennoch ist es möglich – und gerade in solchen Fällen für Betroffene auch besonders wichtig –, der Entstehung eines metabolischen Syndroms vorzubeugen.

Das metabolische Syndrom wird vor allem durch einen ungesunden Lebensstil mit Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung verursacht. Daher sind regelmäßige körperliche Aktivität in Kombination mit einer gesunden und ausgewogenen Ernährung sowie einer Gewichtsreduktion die grundlegenden Maßnahmen für die Vorbeugung eines metabolischen Syndroms.

ICD-Codes für diese Krankheit:
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für Diagnosen, die Sie z.B. auf Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen finden.
E88.9

Aktualisiert: 15.06.2022
Autor*in: Andreas Willett, Student der Humanmedizin

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?