Kinderlebensmittel – so gesund, wie die Werbung verspricht?

Seit einigen Jahren sind Lebensmittel auf dem Markt, die durch besondere Werbemaßnahmen als speziell für Kinder geeignet herausgestellt werden. Sie werden unter dem Begriff "Kinderlebensmittel" zusammengefasst. Eine lebensmittelrechtliche Definition dieses Begriffes gibt es allerdings nicht.

Kinderlebensmittel auf dem Vormarsch

Die am meisten beworbenen Kinderlebensmittel sind Süßigkeiten wie Vitaminbonbons, Milchschnitten und Schokoriegel, gefolgt von Milchprodukten (Milchmischgetränke, Fruchtjoghurt, Frischkäse- und Quarkzubereitungen), Frühstückssnacks (Cerealien, Knusperflocken verschiedener Art), Brotaufstrich (Nuss-Nougat-Cremes, Schokoladencremes, Wurst), Convenience-Produkten (Fertiggerichte wie Nudelsuppen, -gerichte, Pizza) und Getränken (calciumangereicherte Säfte, Multivitaminsäfte, Limonaden). Die Zahl der Kinderlebensmittel in Deutschland hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Besonders in den Kinderprogrammen und an den Wochenenden wird vornehmlich in den Privatkanälen des Fernsehens für diese Produkte geworben. Warnhinweise, zum Beispiel hinsichtlich eines erhöhten Fett- und Zuckergehaltes, fehlen völlig.

Dagegen setzt man auf Vitamin- und Mineralstoffzusätze, die gewährleisten sollen, dass Kinderlebensmittel besonders wertvoll für die Ernährung sind. Bunte Verpackungen, kleine Portionen, Werbereime und Zusatzgeschenke in den Kinderlebensmitteln sowie knisternde, knackende, knusprige oder angenehm weiche "Mund-Erfahrungen" beim Kauen führen dazu, dass Kinder eine große Markentreue entwickeln.

Brauchen wir Kinderlebensmittel? Was ist drin und was ist dran?

Aus ernährungsmedizinischer Sicht brauchen wir Kinderlebensmittel nicht, da Kinder nach dem ersten Lebensjahr mit den herkömmlichen Lebensmitteln sicher und gut ernährt werden können. Kinderlebensmittel sind oft süße und fetthaltige Snackartikel, die überwiegend für den Verzehr zwischen den Mahlzeiten gedacht sind.

75 Prozent der Kinderlebensmittel enthalten in nicht unerheblichen Anteilen Zucker, darunter auch Kindergetränke und Kindermilchprodukte. In diesen Fällen haben sie zu viele Kalorien und müssen hinsichtlich der Verzehrmenge wie eine Süßigkeit behandelt werden: etwas schadet nicht, wenn ansonsten die Ernährungsweise gesund ist. Als Zwischenmahlzeit eignen sie sich jedoch nicht, denn sie verdrängen die nährstoffreicheren Hauptmahlzeiten.

Schulkinder sollten nicht mehr als 50 bis 60 Gramm Zucker pro Tag verzehren. Dies steckt zum Beispiel in zwei Portionen (250 Gramm) Kinderjoghurt, zwei Gläsern Limonade oder zwei Schokoriegeln. Die zusätzliche Anreicherung mit Vitaminen und Mineralstoffen in den Kinderlebensmitteln macht das gleichzeitig enthaltene Fett und den Zucker nicht gesünder: Ein neunjähriges Kind müsste 17 Milchschnitten essen, um seinen Tagesbedarf an Calcium zu decken. Gleichzeitig hätte es dann aber auch 40 Stück Würfelzucker (120 Gramm) und ein halbes Paket Butter konsumiert!

Einige Tipps als Kaufhilfe

  • Milchschnitten und Kinderriegel bestehen oftmals zur Hälfte aus Zucker. Sie sind häufig auch Fettfallen, denn sie enthalten in den meisten Fällen genauso viel Fett (ein Drittel der Gesamtmenge) wie reine Schokolade. Als "gesunde Zwischenmahlzeit" eignen sie sich daher nicht.
  • Bei Kinderjoghurts sollte man neben dem Zuckergehalt darauf achten, ein Produkt auf Joghurtbasis zu kaufen, denn dieses enthält gegenüber Frischkäse-Joghurts weit weniger Fett. Limonaden und Brausen enthalten statt Fruchtsaft nur Wasser, Aromastoffe und sehr viel Zucker.
  • In den Fruchtsaftgetränken steckt nur 6 bis 30 Prozent Fruchtsaft. Kindergetränke auf dieser Basis werden oftmals durch Zugabe von Calcium und Vitaminen aufgewertet. Hierdurch bekommt ein an sich mineralstoff- und vitaminarmes, dazu noch stark gezuckertes Lebensmittel ein gesundes Image, das es nicht verdient.
  • Frühstückscerealien können bis zu 40 Prozent Zucker enthalten. Sie zählen zu den am stärksten bearbeiteten Kinderlebensmitteln und bestehen hauptsächlich aus Mehl, Wasser, Zucker und Aromastoffen sowie einer langen Liste zugesetzter Vitamin- und Mineralstoffe. Das gute alte Müsli aus Haferflocken und Obst ist den Fertigmischungen meistens klar überlegen. Falls dennoch ein Fertigmüsli gekauft wird, sollte man darauf achten, dass kein zusätzlicher Zucker zugesetzt wurde.
  • Neuerdings gibt es auch spezielle Kindermenüs, Kindersuppen und Wurst für Kinder. Hinter den bunten Verpackungen mit den tollen Phantasienamen verbergen sich im Grunde genommen allerdings nur normale Gerichte, wie sie die Erwachsenen auch essen. Zudem bemängelte die Stiftung Warentest, dass Kinderfertigmahlzeiten zu viel Salz, zu viel Soße und zu wenig Gemüse enthielten.

Zusatzstoffe können krank machen und fehlende Qualität vertuschen

Kinderlebensmittel sind stark verarbeitete Produkte. Je länger die Zutatenliste auf der Verpackung ist, umso höher ist der Verarbeitungsgrad. Aus der Reihenfolge der Zutaten kann man die Mengenangaben herleiten: Das, was am meisten drin ist, steht auch am Anfang. Die meisten Zusatzstoffe sind in der Zutatenliste des jeweiligen Lebensmittels mit E-Nummern oder einem abstrakten Klassennamen deklariert.

Aromen

Nahezu alle zusammengesetzten Produkte für Kinder (zum Beispiel Püree, Tomatensuppe) sind mit Aromen versetzt. Nach dem Lebensmittelgesetz müssen Zusatzstoffe zwar gesundheitlich unbedenklich und technologisch notwendig sein, doch dies ist eine Sache der Interpretation. So fragt man natürlich nach dem Nutzen unzähliger Farb- und Aromastoffe, und man könnte vermuten, dass diese häufig eine fehlende Qualität vertuschen sollen: Eine Tüten-Hühnersuppe, die oft weniger als zehn Gramm Fleisch beinhaltet, muss ihren Hühnergeschmack eben woanders her erhalten. Auch der Farbstoff kann zum Beispiel das Fehlen von Frucht vortäuschen.

Es können sich zudem auch gegenüber einigen Farb- und Konservierungsstoffen Allergien ausbilden. Asthmatiker, Aspirin-Allergiker und Menschen mit Ekzemen gehören zu dem am meisten gefährdeten Personenkreis. Man vermutet, dass der Geschmack der Kinder auf die zugesetzten Aromen in Kinderlebensmitteln eingestellt wird, und durch diese Gewöhnung ein Abwenden von natürlichen Lebensmitteln stattfindet. So ist zum Beispiel der künstliche Vanille-Aromastoff Vanillin viermal stärker als der von echter Vanille. Die Konsequenz ist daher, dass wir nach dem Konsum einiger aromatisierter Fertigsüßspeisen den mit echter Vanille zubereiteten Pudding fad finden.

Zuckeraustauschstoffe und Süßstoffe

Ähnlich verhält es sich mit dem Zusatz von Zuckeraustauschstoffen. Dies sind süßende Stoffe mit einem ähnlichen Energiegehalt wie Zucker. Sie sind für Diabetiker geeignet, und viele von ihnen werden nicht von den Karies erzeugenden Bakterien abgebaut. Daher findet man Zuckeraustauschstoffe vornehmlich in als "zuckerfrei" deklarierten Kaugummies und Bonbons. Eine Nebenwirkung dieser Substanzen kann Durchfall sein. Bei einem Gehalt an Zuckeraustauschstoffen von über zehn Prozent im Lebensmittel muss deshalb ein entsprechender Warnhinweis auf der Verpackung vermerkt sein.

Daneben gibt es noch die kalorienfreien Süßstoffe. Sie haben eine gegenüber Zucker bis zu 3000 mal höhere Süßkraft. Beide Süßungsmittel sind für Kinder nicht empfehlenswert, da sie die Reizschwelle für Süßes immer mehr erhöhen. Durch sie nimmt bei Kindern die Vorliebe für die Geschmacksrichtung "süß" immer mehr zu.

Wege zu einer gesundheitsbewussten Ernährung

Der beste Weg zu einer gesunden Ernährung ist der Konsum von Vollkornprodukten, frischem Obst und Gemüse sowie ein fettarmes Kochen. Man sollte jedoch nicht den Fehler begehen, durch bloße Ermahnungen die Essgewohnheiten der Sprösslinge ändern zu wollen. Sprechen Sie lieber durch einen gemeinsamen, frohen und lustigen Essalltag das Herz und die Emotionen ihrer Kinder an. Kochen Sie Speisen, mit denen man beim Essen auch einmal spielen kann (Buchstabensuppe, Spagetti) und fördern Sie die Eigenständigkeit ihres Nachwuchses: Lassen Sie ihre Kinder öfter einmal selbst aussuchen, was sie essen wollen.

Beim Zubereiten eines Obstsalates können auch kleinere Kinder ruhig schon einmal mit helfen. Schulkinder sollten selbst entscheiden können, was sie auf ihrem Pausenbrot haben möchten. Lassen sie ihr Kind selbst die Mengen auswählen, die es verzehren will. Essen darf Kindern nie als Trostpflaster, Strafe oder Belohnung vermittelt werden. Statt Süßigkeiten und Knabberwaren kann auch einmal ein Teller mit klein geschnittenem Obst und Gemüse ins Kinderzimmer gestellt werden.

Sie sollten beachten, dass Kinder kleinere Portionen bevorzugen und einen starken Sinn für Ästhetik haben. Packen Sie daher lieber das Schulbrot ein, damit es nicht mit den Obst- und Gemüsebeilagen vermatscht. Wenn Sie auf diese Weise für ein kalorienarmes und abwechslungsreiches Essen sorgen, dann können Ihre Kinder auch ruhig einmal "Kinderlebensmittel" naschen.

Aktualisiert: 24.04.2017 – Autor: Anke Dorl

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